So, 24. Juni 2018

Lehrer-Ausbildung

08.03.2012 10:31

Töchterle: "Master für jeden Lehrer ist eine Utopie"

Nachdem es in den vergangenen Monaten um die Reform der Lehrer-Ausbildung still geworden ist, hat jüngst der von Unterrichts- und Wissenschaftsministerium beschickte Entwicklungsrat seine Arbeit aufgenommen. Wo er noch Konfliktpotenzial sieht und bis wann er Entscheidungen sehen will, schildert Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle von der ÖVP im Interview.

Frage: Andreas Schnider, der Leiter des Entwicklungsrats für die neue Lehrer-Ausbildung, hat gesagt: Die Konzepte liegen am Tisch, jetzt muss die Politik sagen, was umsetzbar und finanzierbar ist. Was ist denn aus ihrer Sicht machbar?
Karlheinz Töchterle: Da gibt es noch einige Kontroversen, mit denen sich die Expertengruppe beschäftigen muss. Zum Beispiel, wie viel Fachwissenschaft und wie viel Pädagogik es braucht. Das tangiert natürlich die Frage: Wer soll der Träger der Lehrerausbildung sein? Denn je mehr Fokus ich auf die Fachwissenschaft lege, umso mehr bin ich bei den Unis. Und je mehr ich ihn auf die pädagogische Praxis lege, bin ich näher bei den Pädagogischen Hochschulen (PH) - wobei man sagen muss, auch eine wissenschaftliche Pädagogik findet derzeit an den PH nicht in der Breite und Tiefe statt wie an den Unis.

Frage: Was bedeutet das für die Frage, an welcher Einrichtung Lehrer ausgebildet werden sollen?
Töchterle: Man kann den Konflikt Fachwissenschaft gegen Pädagogik nicht eins zu eins übertragen auf den Konflikt PH gegen Unis. Das ist viel differenzierter. Klar ist, dass sämtliche fachwissenschaftliche Expertise an den Unis sitzt. Es gibt an den PH keine mathematische, linguistische, psychologische Forschung. Es wäre auch nicht sinnvoll, sie dort aufzubauen.

Frage: Derzeit haben wir in jedem Bundesland mindestens eine Lehrerausbildungsstätte, in Wien sind es sogar sechs Unis und drei PH. Wie viele braucht es wirklich?
Töchterle: Dem Wunsch des Landes Vorarlberg nach einer universitären Einrichtung würde ich nichts entgegensetzen wollen. Da, wo ich nicht eine Parallelstruktur errichte, ist ein solcher Wunsch einleuchtend. Und wir haben auch die Erfahrung, dass die Leute nach einer Ausbildung oft nicht mehr in die Region zurückkommen.

Frage: Wie viele Einrichtungen sollen es am Ende maximal sein?Töchterle: Da bin ich ein großer Pragmatiker und Anhänger der Autonomie. Wenn etwa in Wien ein großer Bedarf an Lehrer-Ausbildung besteht, ist es wohl auszuhalten, wenn verschiedene Institutionen diesen Bedarf decken. Wir haben ja auch verschiedene Architekturausbildungen in Wien. Bei der Lehrerausbildung, die durch die verschiedenen Schulformen und Fächer noch wesentlich vielfältiger ist, sage ich: Natürlich können das mehrere Institutionen tun. Sie müssen es aber in enger Abstimmung tun und nicht nebeneinander her oder vielleicht sogar gegeneinander. Das Geld haben wir nicht.

Frage: Politische Vorgaben, ob Uni oder PH die Federführung übernehmen soll wird es nicht geben?
Töchterle: Ich will nicht zu einer Institution sagen: Fusionier dich jetzt, noch dazu jetzt, wo wir zwei Ministerien haben. Ich denke, wir sollten uns auf einen gemeinsamen Weg machen, in enger Abstimmung und Bündelung aller Ressourcen.

Frage: Bis wann muss aus ihrer Sicht klar sein, wohin die Reise in den einzelnen Regionen geht?
Töchterle: Wenn Ministerin Schmied von fünf bis zehn Jahren redet, denkt sie wohl an die Weiterentwicklung von PH zu Pädagogischen Unis. Das sind lange Prozesse: Die PH brauchen habilitiertes Personal, und erst wenn sie genug davon haben, können sie im eigenen Haus promovieren und habilitieren. Für die Klärung, wie wir in Zukunft ausbilden, sollten wir nicht so lange brauchen.

Frage: Das heißt?
Töchterle: Zwei, drei Jahre. Wenn die Expertengruppe ihre Arbeit abgeschlossen hat, müssen wir politische Entscheidungen treffen.

Frage: Auch die Frage, ob jemand erst mit dem Master an der Schule angestellt werden darf, ist eine politische. Das derzeitige Modell sieht vor, dass man schon mit Bachelor unterrichten darf und berufsbegleitend den Master machen muss. Tut man das nicht, kann einen die Schule trotzdem behalten - und angesichts des Lehrermangels werden wohl nur wenige weggeschickt.
Töchterle: Viele Idealkonzepte lassen sich an der Praxis nicht unbedingt messen, da geht es oft um Kompromisse. Ich würde aber schon gerne Modelle mit Beschäftigungsfähigkeit für Bachelor sehen, sonst führen wir das Bologna-System ad absurdum. Für jeden Lehrer taxfrei den Master zu fordern, ist auch eine Utopie. Wichtig ist aber, Durchlässigkeit und eine gewisse Karrieremöglichkeit - auch deswegen bin ich so ein Anhänger einer guten fachwissenschaftlichen Ausbildung. Ein Lehrer sollte irgendwann einen anderen Beruf ergreifen können. Das allerwichtigste aber ist: Eine gute fachwissenschaftliche Ausbildung garantiert, das Wissen aus erster Hand vermittelt wird und der Lehrer nicht vom Lehrbuchwissen abhängig ist.

Frage: Bei der Reform der Lehrer-Ausbildung wird immer davon gesprochen, dass die PH mit den Unis auf Augenhöhe gebracht werden sollen. Unterrichtsministerin Schmied will in diesem Zusammenhang, dass die PH schon ab Herbst auch öffentlich-rechtlich finanzierte Masterstudien und nicht nur Fortbildungsmaster anbieten können. Wird sie von Ihnen Zustimmung für die nötige Gesetzesänderung bekommen?
Töchterle: Ich kann den Wunsch seitens des Unterrichtsministeriums, die Pädagogischen Hochschulen weiterzuentwickeln, grundsätzlich nachvollziehen. Grundsatz und Voraussetzung dafür muss jedoch das Prinzip der gesicherten Qualität sein. Die zentrale Frage ist dabei, ob hier unter den aktuellen personellen Rahmenbedingungen Forschung auf universitärem Niveau stattfinden kann.

Frage: Stichwort Autonomie: Kann eine gleichberechtigte Kooperation zwischen autonomen Unis und PH, bei denen vieles vom Unterrichtsministerium bis ins Detail geregelt wird, funktionieren?
Töchterle: Da fehlt noch viel. Die Autonomie ist ja inzwischen international ein unbestrittenes zentrales Kennzeichen von Universität, und die haben die PH offensichtlich noch in sehr geringem Maße. Aber Autonomie ist nur eine Rahmenbedingung, das Zentrale ist: Findet dort Forschung auf universitärem Niveau statt? Dazu gehören einige Bedingungen und die muss man auch überprüfen können, bevor ich einen entsprechenden akademischen Titel vergebe - und der Master gehört da dazu.

Frage: Wäre es nicht konsequent, im Zuge der Reform der Lehrer-Ausbildung auch die PH in den Hochschulplan zur Abstimmung der tertiären Einrichtungen reinzunehmen?
Töchterle: Das wäre konsequent, genauso wie bei der Qualitätssicherung auch.

Frage: Könnte das noch im Nachhinein passieren oder ist es dafür schon zu spät?
Töchterle: Das würde das Ganze zwar komplexer machen, aber zu spät ist es nicht.

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