Tipps von Experten

Das Hochgebirge wird für Bergsteiger gefährlicher

Bergkrone
13.07.2022 14:05

Die geringe winterliche Schneedecke und die sich drastisch verändernden Begebenheiten in vergletscherten Bereichen, wie zuletzt beim Gletschersturz auf der italienischen Marmolata veranlassen das Österreichische Kuratorium für Alpine Sicherheit (ÖKAS) heuer bereits im Frühsommer auf das Hochtouren-Thema einzugehen. Alexander Radlherr von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) bestätigt, dass Schneebrücken auf Gletschern in dieser Saison nur schwach oder gar nicht vorhanden sind und dies zu einer erhöhten Spaltensturzgefahr führt. Die Gletscher des Alpenraums sind zum Teil schon in der frühen Hochtourensaison aper, auch stellt früh schneefreies Blockgelände ein zusätzliches Unfallpotential dar. Gletscherbäche haben bereits im Frühsommer ein Abflussverhalten wie im Hochsommer. Dies kann beim Zustieg oder beim Begehen von Gletschern fatale Folgen haben. "Vorsicht ist geboten und eine gute Tourenvorbereitung sowie ein Umdenken werden erforderlich", erklärt Peter Paal, Präsident ÖKAS.

Statistik: Insgesamt sind im Zeitraum 01.11.2020 bis 31.10.2021 103 Verunfallte (Tote, Verletzte, Unverletzte; Mittel 10 Jahre: 100) auf einer Hochtour in Österreich registriert: 2 Tote, 51 Verletzte und 50 Unverletzte.

Im Mittel von 10 Jahren enden 5 % der Hochtourenunfälle tödlich, 19 % mit schweren, 18 % mit leichten Verletzungen, 11 % mit Verletzungen unbestimmten Grades und 1 % Sonstiges. 47 % der Verunfallten (Tote, Verletzte, Unverletzte) sind im langjährigen Mittel unverletzt (2020/21: 49 %). Die Unfallursachen sind bei einer kombinierten Tour/Hochtour zumeist vielfältig und komplex. Eine Verkettung unglücklicher Abläufe kann zu einer misslichen Notlage führen.

Ursachen: Die Hauptunfallursache bei den tödlich verunfallten Personen auf einer Hochtour ist im Zehnjahresmittel Sturz/Stolpern/Ausgleiten mit 27 % der Unfälle, 12 % sind auf Lawinen, 8 % auf Spaltenstürze und je 4 % auf Herz-Kreislaufversagen und Steinschlag zurückzuführen, der Rest verteilt auf Sonstige. Bei 35 % der Unfälle ist die Ursache unklar. Dies spiegelt die Komplexität von klassischen Berg- und Hochtouren wider. Etwa die Hälfte der Verletzten auf einer Hochtour sind im Jahr 2020/21 (54 %) und im Zehnjahresmittel (48 %) auf die Stolper-Sturz-Problematik zurückzuführen.

Gelände: Von den 103 Verunfallten (Tote, Verletzte, Unverletzte) sind im Zeitraum 2020/21 21 Personen auf Gletschern und 35 im Felsgelände (Grate) verunglückt. Von diesen 56 verunfallten Personen war etwa ein Drittel ohne Seil unterwegs. Im Jahr 2020/21 befanden sich 44 % der verunfallten Personen im Abstieg, 36 % im Aufstieg, 6 % beim Abseilen, der Rest entfällt auf Sonstiges sowie Quergänge.

Bewegungsrichtung: Berücksichtigt man die Bewegungsrichtung im langjährigen Mittel, so ereigneten sich fast die Hälfte (48 %) der Unfälle im Abstieg, etwa ein Drittel im Aufstieg. Im Jahr 2020/21 sind auf einer kombinierten Tour 73 % der Verunfallten (Tote, Verletzte, Unverletzte) Männer. Bei Unfällen mit tödlichem Ausgang liegt im Mittel von 10 Jahren der Anteil an männlichen Opfern bei 92 %.

Alter: Die betroffenen Altersklassen der Verunfallten für den betrachten Zeitraum und im langjährigen Mittel liegen bei Hochtouren bzw. kombinieren Bergtouren in der mittleren Altersgruppe. Bei den 21- bis 50-Jährigen ergeben sich für die Saison 2020/21 71 %, das 10-Jahresmittel liegt bei 70 %. Etwa ein Viertel entfällt im 10-Jahresmittel auf die über 50-Jährigen und der Rest auf die Altersgruppe der unter 20-Jährigen.

Herkunft: In der Saison 2020/21 liegt der Anteil der verunfallten Personen aus Österreich bei 40 % (Mittel 10 Jahre: 39 %). Der Anteil der Hochtourengeher aus Deutschland liegt für das Jahr 2020/21 bei 33 % (Mittel 10 Jahre: 38 %) und Tschechien 9 % (Mittel 10 Jahre: 4 %). Der Rest verteilt sich auf andere europäische Länder.

Was gilt es bei einer Hochtour zu beachten?

Mögliche Gründe für Unfälle sind:

    • Mangelnde oder nachlassende Konzentration, Unachtsamkeit, allgemeine Unwissenheit
    • Ermüdung der Muskulatur (Energieeinbruch)
    • Einfädeln oder Verhaken der Steigeisen in losen Bändern, Hose u.a. (Konzentration, ungewohnte Fortbewegungstechnik mit Steigeisen, …)
    • Dehydrierung (nimmt mit der Länge der Tour zu, Resultat sind Schwindel, Kopfweh, Unwohlsein, Wanken sowie abnehmende Konzentration)
    • Fehlende Trittsicherheit (v.a. in steilem oder exponiertem Gelände wie Graten und Schrofengelände)
    • Unsicherheit bei Begehung von vereistem oder schneebedecktem Felsgelände
    • Seilfrei unterwegs (Konsequenz/Strategie: Gehen am kurzen oder langen Seil oder Sicherung von Fixpunkten)
    • Mangelnde Ausrüstung
    • Frisch ausgeapertes Gletschervorfeld (schuttbedeckter Gletscherschliff)
    • Strahlenschutz (Haut, Augen)
    • Keine aktuellen Informationen (alte Kartengrundlage bei der Planung, Gletscherstände, Übergänge… z.T. sind Touren oder Routen nicht mehr begehbar)
    • Intensive Niederschlagsereignisse und allgemein sehr trockener Boden

Prävention, Tipps, Vorbereitung

  • Seilsicherung
  • Überlegung/Strategie zur richtigen Seilhandhabung
  • Üben und Festigen der Kenntnisse mit Steigeisen (und diese auch mitnehmen!)
  • Rettungstechniken sowie Verhalten im Notfall üben (Spaltenbergung, Rutschversuche im Schnee - am besten durch professionelles Coaching)
  • Gezielte Vorbereitung vorab (Kraft- und Ausdauertraining)
  • Akklimatisierung (Vorbereitungstour, genügend Zeit nehmen)
  • Optimale Trinkwasserversorgung im Vorfeld und auf Tour
  • Die Wahl zuverlässiger Informationsquellen (Wetterdienste, Niederschlagsradar etc.)
  • Kompetente Begleitung bzw. Inanspruchnahme einer professionellen Führung (ideal für Einsteiger, aber auch für Profis zur Auffrischung)
  • Angebote für Aus- und Fortbildung der alpinen Vereine nützen
  • Den Zeitpunkt der Tour in Abhängigkeit zu den Bedingungen festlegen
  • Flexibel bleiben durch Umkehr oder Plan B
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