24.06.2022 06:00 |

Tablettenhandel blüht

Drogen-Tod in Grazer Zelle: Insider packen aus

Vor einem Monat sorgte der Drogen-Tod eines 23-Jährigen in der Justizanstalt Graz-Jakomini für Bestürzung. Jetzt packen Insassen gegenüber der „Krone“ aus. Der Handel mit Drogen und Medikamenten hinter Gittern blüht: „Alles, was du brauchst, kriegst du hier ...“

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Knapp einen Monat ist es her, dass der 23-jährige Lukas in seiner Zelle in der Justizanstalt Graz-Jakomini an einer Überdosis gestorben ist (wir haben berichtet). Der Tod des jungen Mannes ist nicht nur ein unglaublich schwerer Schlag für seine Angehörigen, auch Insassen, die Lukas in Haft kennengelernt haben, sind tief betroffen.

So erreichte die „Krone“ ein mehrere Seiten langer Brief aus dem Gefängnis, in dem ein Insasse anzweifelt, dass Lukas an herkömmlichen Drogen gestorben ist: „Lukas starb mit höherer Wahrscheinlichkeit an einer Überdosis Tabletten, die durch die Justizanstalt ausgehändigt werden. [...] Er hortete, wie viele Insassen, seine täglich erhaltenen Medikamente und besorgte sich während des Hofgangs weitere Tabletten“, heißt es im Brief.

„Hab‘ noch gesagt: Passt‘s auf euch auf!“
Ähnliches vermutet auch Peter (Name geändert), der wenige Tage vor Lukas‘ Tod entlassen wurde und die „Krone“ zu einem Gespräch traf: „Die haben das Zeug komplett unterschätzt. Ich hab’ noch gesagt, bevor ich raus bin: ,Luki, passt’s auf euch auf, nehmt nicht zu viel von dem!’“

Peter spricht von Lyrica, einem Medikament, das etwa gegen Entzugserscheinungen bei Opiatabhängigkeit oder Angststörungen zum Einsatz kommt. Bei Überdosierung kann es bis zum Atemstillstand kommen. Das Medikament sei gerade sehr populär unter Insassen, werde gehortet, zusätzlich von draußen reingebracht und beim Hofgang getauscht bzw. verkauft.

Toxikologisches Gutachten steht noch aus
Woran Lukas genau gestorben ist, ist unklar. Laut Staatsanwaltschaft Klagenfurt - es ist üblich, dass solche Akte aus Gründen der Befangenheit in anderen Bundesländern behandelt werden - steht das Ergebnis des toxikologischen Gutachtens noch aus. Manfred Ulrich, Sprecher der JA Jakomini, sieht die Mutmaßungen der Insassen skeptisch: „Psychopharmaka werden von Person zu Person ausgehändigt, mit Mundkontrolle. Dass hier eine Hortung im großen Stil stattfindet, ist eher unglaubwürdig.“

Problematischer sei, dass der „Stoff“ bei Freigängen oder Besuchen übergeben werde. „Wir kontrollieren wirklich rigoros, aber jede Lücke ist leider nicht einsehbar.“

Spazierhof ist ein großer Drogen-Umschlagplatz
Ex-Insasse Peter zeichnet ein anderes Bild: „Wenn du als Neuer zum ersten Mal in den Spazierhof gehst, wirst du gleich gefragt, welche Tabletten du vom Arzt kriegst.“ Laut einem Insider seien einem Häftling - knapp vor Lukas’ Tod - bei einer Kontrolle im Hof 150 Tabletten samt Preisliste (!) abgenommen worden. Ein Glücksfund, denn beim einstündigen Hofgang jeden der über 60 Insassen zu visitieren sei praktisch nicht möglich.

Zitat Icon

Das Meiste kommt wohl über den offenen Besuch rein oder bei Freigängern im Magen. Auch über die Gärtnerei und Wäscherei kommt viel – was du brauchst, kriegst du auch.

Ein Ex-Insasse im Gespräch mit der „Krone“

„Es sind zu wenige Beamte, die können das gar nicht alles sehen“, sagt Peter aus eigener Erfahrung. Gängig sei es etwa, Tabletten in Zigaretten zu verstecken und diese weiterzugeben. Doch der Hof sei nicht der einzige Weg: „Über den offenen Besuch, die Gärtnerei oder die Wäscherei - wenn du was brauchst, kriegst du was.“

Durch psychische Dauerbelastung, Gewaltexzesse, schlechte Haftbedingungen und florierenden Handel mit Medikamenten „werden Tabletten dein bester Freund“, heißt es im Brief aus der Justizanstalt. Und weiter: „Das Einzige, was man noch möchte, ist, nichts mehr zu fühlen und zu denken. Jetzt ist Lukas tot - und diese Justiz nennt den Strafvollzug eine Resozialisierung.“

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