Durchseuchung riskant

Anschober: Mit gezielter Ansteckung nicht sicher

Politik
15.02.2022 21:11

Vor dem Öffnungsgipfel warnt der ehemalige Gesundheitsminister Rudi Anschober seinen Nachfolger und appelliert, auf die Experten zu hören. Der vorsichtige Umgang mit Omikron habe „erste Priorität“.

„Krone“: Im Vorfeld des Öffnungsgipfels werden viele politische Stimmen in Richtung Lockerungen laut. Experten mahnen zur Vorsicht. Sie kennen das. Was raten Sie Ihrem Nachfolger, Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein?
Rudi Anschober: Ich bin nicht da, um etwas zu raten. Er weiß selbst am besten, was richtig ist. Der Gesundheitsminister ist immer vom Koalitionspartner und den Ländern abhängig. Ich hoffe aber, dass der vorsichtige Umgang mit Omikron erste Priorität hat, das wichtigste Ziel das Senken der enorm hohen Infektionszahlen ist.

Sie selbst sind, in ähnlichen Situationen, mitunter am Wunsch der Länder oder des Koalitionspartners gescheitert …
Nicht immer. Vor einem Jahr wurden zwar auch Öffnungen gefordert und beschlossen, es wurde aber auch die Osterruhe im Osten umgesetzt, weil sie nötig war. Das Risiko verfrühter Schritte ist immer das Risiko, dass man früher auch wieder schärfere Schritte setzen muss und dazwischen viele Menschen erkranken.

Haben die, die jetzt bei knapp 400.000 Infizierten nach Öffnungen rufen, aus den Fehlern zu wenig gelernt?
Wir alle haben den Wunsch, dass die Pandemie bald vorbei ist. Auch die Interessen der Wirtschaft sind legitim. Aber das alles muss immer der Vernunft untergeordnet werden, die erste Priorität muss der Schutz unserer Gesundheit sein.

Worauf sollte der Gesundheitsminister beim Öffnungsgipfel den Fokus legen?
Ich bin da ganz einer Meinung mit Wolfgang Mückstein: Wir dürfen Omikron nicht unterschätzen, nicht zu schnell öffnen. Wir haben jetzt die mit Abstand höchsten Zahlen, die Hospitalisierungen steigen. Erfreulich ist, dass die Zahl der Intensivpatienten nicht steigt. Nicht auszudenken, wo wir da ohne Impfung wären.

Welche Punkte muss man beachten?
Erste Priorität ist, dass die Infektionszahlen runtergehen. Hohe Zahlen führen zu mehr Fällen an Long Covid. In diese Gefahr dürfen wir nicht sehenden Auges hineinlaufen. Zweitens gibt es nach wie vor unterschiedliche Aussagen zur Betroffenheit von Kindern, da rate ich, vorsichtig zu sein. Drittens sehen wir, dass die Mitarbeiter im Gesundheitssystem nach zwei Jahren Überlastung ermüden. Sie haben die Atempausen zwischen den bisherigen Wellen für verschobene Operationen genutzt. Und man darf nicht vergessen: Auch die 200 Menschen, die jetzt schwerkrank auf Intensiv um das Überleben kämpfen, sind 200 Schicksale.

Besprochen werden morgen unter anderem Maskenpflicht, Sperrstunde und Nachtgastronomie. Welche Maßnahmen würden Sie dort treffen?
Das müssen und werden die Experten vorschlagen und wir werden ihnen vertrauen.

Stichwort Experten: Hätten Sie sich in Ihrer Zeit als Minister etwas wie GECKO gewünscht?
Die Experten einzubinden, ist gut und wichtig. Und die Leiterin, Katharina Reich, ist fachlich super - ich bin immer noch stolz, sie in ihre Funktion geholt zu haben.

Was halten Sie von einer gezielten Durchseuchung der Gesellschaft?
Das ist gefährlich. Eine Durchseuchung hätte schwere Nebeneffekte in Bezug auf Long Covid und vulnerable Gruppen. Und es ist ein gefährlicher Fehlglaube, dass man mit einer gezielten Ansteckung in Zukunft sicher ist.

Und von der Impfpflicht?
Mir gefällt, dass im Gesetz eine Expertenkommission vorgesehen ist, die die sich verändernden Rahmenbedingungen evaluiert. Die Politik wird sicherlich die Empfehlungen umsetzen.

Wird sie je „scharf gestellt“ werden?
Das werden die Experten vorschlagen. Es wird auch davon abhängen, ob und wann eine weitere hochgefährliche Variante kommt. Ziel muss Impfquote von 90 Prozent sein, dann können wir das Virus kontrollieren.

Gegenüber der Pflicht steht die gescheiterte Impflotterie - hätte Ihnen die Idee gefallen?
Ich habe einen Belohnungsfaktor schon immer für gescheit gehalten - je früher, desto besser. Ob das in Form einer Lotterie sein muss, bin ich nicht sicher.

Vor einem Jahr traten noch Gesundheitsminister Rudolf Anschober und Bundeskanzler Sebastian Kurz vor die Medien - jetzt sind es Wolfgang Mückstein und Karl Nehammer. Was hat sich in der Dynamik Ihrer Meinung nach verändert?
Wolfgang Mückstein halte ich für sehr kompetent, er macht seine Sache sehr gut. Karl Nehammer sucht den Dialog zur Opposition und ist ein guter Zuhörer, beides ist wichtig.

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