20.08.2021 18:35 |

Leben unter Taliban:

„Angst, Schrecken, Morde, Frauen unter Hausarrest“

Die afghanische Regierung ist gestürzt; das Land wird wieder von den Taliban regiert. Was das bedeutet, hat Rafi Ahmadi aus nächster Nähe erlebt, denn er ist 2001 vor ihrem Terror-Regime nach Österreich geflohen. Wie fünf Jahre unter Taliban-Herrschaft sich angefühlt haben, hat er diese Woche bei „Moment Mal“ Damita Pressl erzählt. Dr. Markus Gauster vom Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement hat die Machtübernahme in den geopolitischen Kontext eingeordnet.

„Angst und Schrecken. Damals noch mehr, denn inzwischen haben wir das Internet und Medien, über die man kostenlos kommunizieren kann. Es war damals extrem schwierig. Man hat gehört, die Taliban sind in Kabul. Alle waren, wie jetzt, zuhause. Niemand hat gewagt, rauszugehen. Man hat erst Monate, Jahre später gesehen, was da alles passiert ist. Systematische Verfolgungen von ehemaligen Regierungsmitgliedern, Angehörige bestimmter Religionen, vor allem Schiiten, schreckliche Bilder, wo Hände und Füße abgehackt werden. In Stadien, wo früher Fußball gespielt wurde, wurden Frauen geschlagen und mit Kalaschnikows abgeschossen. Frauen waren quasi im Hausarrest. Die Menschen in Afghanistan haben diese Bilder nicht vergessen“, erzählt Ahmadi über die letzte Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001. Kunst, Menschenrechte, Meinungs- und Medienfreiheit - all das sei kein Thema gewesen: „So, wie wir hier sitzen - das wäre gar nicht möglich gewesen. Ich wäre aus dem Studio gegangen und wäre ein toter Mann.“

Auch diesmal erzählen die Menschen in seinem Heimatland Ähnliches: „Man hat es nicht fassen können. Der Schock ist nach wie vor da.“ Viele seiner Angehörigen und Freunde hätten sich für Bildung, freie Medien und Frauenrechte eingesetzt, was sie noch eher zur Zielschreibe der Taliban macht. „Das bereitet vielen Afghanen, die Angehörige im Land haben, große Sorge.“ Am Flughafen herrscht nun das größte Chaos; hier drängen sich „mehr und mehr Menschen, nicht nur aus Kabul, sondern auch aus anderen Teilen des Landes, die aus ihren eigenen Städten geflohen sind, als diese gefallen sind“. Berichten zufolge schießen die Taliban in die Menschenmengen; diese wiederum wollen nur eines: weg. „Die Menschen in Afghanistan sind momentan extrem verzweifelt und enttäuscht. Das richtet sich auch gegen die internationale Gemeinschaft. 20 Jahre lang hat man geglaubt, man hat die größten Weltmächte an seiner Seite: USA, Großbritannien, Deutschland, Australien, Kanada. Diese haben das Land und die Menschen, die für sie gearbeitet haben, im Stich gelassen.“ Nur die Tatsache, dass nun, 25 Jahre nach der ersten Machtübernahme der Terrormiliz, kostenlose Medien es erlauben, in Kontakt mit den Liebsten zu bleiben, trägt ein wenig zum Trost bei.

Die USA hätten in ihren Prognosen und ihrem Rückzug unterschätzt, wie stark die Taliban das Land bereits unterwandert hatten, sagt Gauster: „Die Taliban waren in dem Sinn nie weg. Sie waren immer ein Teil Afghanistans.“ Außerhalb des Stadtgebiets sei es immer gefährlich gewesen; die ländlichen Gebiete waren bereits in den letzten Jahren von den Taliban dominiert. Da gab es Schnellgerichte, eine Schattenwirtschaft, staatliche Strukturen. Städte wurden durch Schutzgelder und Repressionen unterwandert. „Das hat sich dann alles multipliziert.“ Außerdem, erklärt Ahmadi, seien nicht alle den Taliban abgeneigt: „In allen Schichten der Gesellschaft ist auch eine gewisse Unterstützung da, unabhängig von der Volksgruppe“. Der auslösende Moment sei der Abzug der US-Truppen gewesen.

Nun werden die Taliban das Land halten müssen, und die internationale Gemeinschaft muss sich mit ihnen arrangieren. Gauster erklärt: „Die Taliban haben Erfahrungen aus ihrem ersten Regime. Die damaligen Führungskräfte sind noch aktiv. Aber schaffen die Taliban es, einen Polizeistaat mit totaler Überwachung aufzubauen?“ Darum würde es momentan gehen, so Gauster. „Man braucht viel Personal.“ Das kostet. Die internationale Gemeinschaft hat die Mittel eingefroren. Was also tun? „Ein wesentlicher Punkt ist die Drogenökonomie. Aus der nimmt man etwa rund 400 Millionen Dollar jährlich ein. Afghanistans Drogenanbauflächen sind so groß wie Vorarlberg.“ Außerdem würden Waffen verkauft, die die Terrormiliz während des Siegeszuges einsammeln konnte.

Während die EU davon spricht, mit den Taliban über Hilfe vor Ort verhandeln zu wollen, haben vor allem China und Russland deutlich weniger Berührungsängste. „China hat antizipiert, dass sich die USA und Europa zurückziehen werden“, sagt Gauster; das Land erkenne die Taliban seit Jahren als Akteur an. Auch Russland und der Iran „haben diese Kanäle schon immer offengehalten“. China und Russland würden sich aber auch Stabilität in der Region erwarten, so der Experte: „Die Taliban müssen jetzt liefern. Kabul platzt aus allen Nähten, es ist eine humanitäre Krise.“ Nun gelte es, die Region im Griff zu behalten und für Wohlfahrt und Sicherheit zu sorgen. Dass dabei Menschenrechte geachtet werden, bleibt wohl eine fromme Hoffnung.

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