20.08.2021 06:02 |

Strikte Zeitlimits

„Geistiges Opium“: Wie China Videospiele reguliert

Es sind die letzten Sommerferien für Zhang Yuchen, bevor die weiterführende Schule beginnt - doch genießen kann er sie kaum. Die Zeit, die der 14-Jährige mit Videospielen verbringen kann, wurde drastisch zusammengekürzt. Chinesische Spielehersteller wollen damit dem Vorwurf begegnen, sie würden „geistiges Opium“ an Chinas Jugend verkaufen. Investoren haben Aktien von Spielherstellern abgestoßen.

Ein Beschluss des Videospielriesen Tencent hindert Spieler unter zwölf Jahren seitdem daran, in dem Multiplayer-Superhit „Honor of Kings“ - hierzulande bekannt unter dem Titel „Arena of Valor“ - Käufe zu tätigen. Für alle Spieler unter 18 Jahren gilt während der Ferien außerdem eine maximale Spielzeit von zwei Stunden, an Schultagen von einer Stunde.

„Ich hätte heulen können“, sagt Zhang, als er sich daran erinnert, wie die Neuigkeit auf dem weltweit größten Markt für Videospiele ankam. Allein im ersten Halbjahr 2021 wurden dort umgerechnet 17 Milliarden Euro Umsatz gemacht. „Dass sie die Spielzeit über die Ferien begrenzt haben, bedeutet, dass ich nicht mehr so viel Honor of Kings spielen kann, wie ich mag“, sagt Zhang zu AFP.

Peking will Spielebranche strikter regulieren
Die Änderungen sind eine Reaktion der Spielehersteller auf Anschuldigungen des Staats. Die staatlichen Behörden haben bei ihrem Vorgehen gegen möglicherweise zu mächtige Technologiefirmen nun die Spielbranche entdeckt. Ein Medienbericht bezeichnete Videospiele kürzlich als „geistiges Opium“, ein anderer forderte ein Ende der steuerlichen Vorteile für die Spielbranche.

Die Reaktion der Investoren: Aktien von Spieleherstellern wie Tencent, NetEase, XD Inc und Bilibili wurden abgestoßen - trotz der Größe des chinesischen Videospielmarkts. Tencent reagierte mit den Einschränkungen, die Spielern wie Zhan nun solchen Kummer bereiten.

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Ich habe Ferien und habe nichts zu tun, aber ich kann immer nur kurz spielen.

Schülerin Li (17)

Für sie sind die Maßnahmen zu weitgreifend. Denn sogar Jugendliche, die ihre Aufnahmeprüfungen für die Universitäten bestanden haben und nun ihre Ferien genießen wollen, sind betroffen. „Ich habe Ferien und nichts zu tun, aber ich kann immer nur kurz spielen“, klagt eine 17-jährige Schülerin namens Li. Ältere Jugendliche dürften nicht vom Spielen abgehalten werden, fordert sie.

Jugendliche nutzen Schlupflöcher
Natürlich gibt es Schlupflöcher, sagt Li weiter. Zwischen verschiedenen Spielen wechseln, sei eines davon. Die Einschränkungen lassen sich auch komplett umgehen, wenn man es schafft, Zugang zum Account eines Erwachsenen zu kriegen oder das Handy der Eltern zu stibitzen.

Manche Analysten halten die Reaktion auf die staatliche Berichterstattung über Videospiele für übertrieben. „Investoren haben das zu einer großen Geschichte gemacht, weil sie überreagiert haben“, sagt Ether Yin von der Beratungsfirma Trivium China. „Zu verhindern, dass Kinder von Videospielen abhängig werden, ist bereits seit 2018 gängige Politik.“

Doch um der öffentlichen Kritik zuvorzukommen, hält auch Yin es nicht für unwahrscheinlich, dass weitere Hersteller ähnliche Regeln zu Spielzeiten und Käufen in Videospielen einführen. Die Auswirkungen für Tencent werden wohl vorerst minimal bleiben - lediglich drei Prozent der Bruttoeinnahmen gehen auf Kunden unter 16 Jahren zurück.

Bub spielte, Konto des Vaters wurde gesperrt
Auch Unbeteiligte fallen den neuen Jugendschutzbestimmungen von Tencent zum Opfer: Als der zwölfjährige Sohn des Programmierers Peng Jianfei dessen Account nutzte, um „Honor of Kings“ zu spielen, wurde das Konto versehentlich gesperrt.

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Wenn ich die Spiele von Tencent nicht mehr spielen kann, dann kann ich ja immer noch zu NetEase gehen, oder?

Programmierer Peng (45)

„Ich denke solche Maßnahmen können zu einem bestimmten Maß dazu beitragen, die Bildschirmzeit von Kindern zu verringern“, sagt der 45-Jährige. „Aber wenn ich die Spiele von Tencent nicht mehr spielen kann, dann kann ich ja immer noch zu NetEase gehen, oder?“

Andere Eltern hingegen begrüßen die Einschränkungen. „Wenn Kinder zu viel Videospiele spielen, ist das schlecht für ihre Augen“, sagt eine 34-jährige Mutter in Peking. Ihr zehnjähriger Sohn und großer „Honor of Kings“-Fan sieht das ganz anders: „Mama, sag dass das eine schlechte Entscheidung war! Warum machen die das nur?“

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