30.05.2021 06:00 |

„Islamkarte“ erstellt

Wie oft wurden Sie schon mit Mord bedroht?

Für radikale Islamisten ist er ein Verräter, für liberale Muslime ein Vordenker: Prof. Mouhanad Khorchide (49). Am Donnerstag gab es gegen den wissenschaftlichen Leiter der umstrittenen Islamlandkarte eine Todesdrohung. Die „Krone“ traf den Religionspädagogen, der seit acht Jahren unter Polizeischutz steht, an einem geheimen Ort in Wien.

Donnerstag 11.15 Uhr in der Aula der Wissenschaften, Pressekonferenz mit Integrationsministerin Susanne Raab (ÖVP). Die Dokumentationsstelle Politischer Islam legt eine Landkarte mit 623 muslimischen Verbänden, Organisationen und Moscheen vor. Neben Ednan Aslan sitzt auch Prof. Khorchide mit am Tisch, er gilt als einer der wichtigsten Vertreter eines zeitgenössischen, liberalen Islam im deutschsprachigen Raum. Sieben Stunden später taucht ein salafistisches Video im Netz auf. Ein „Soldat Allahs“ beschimpft den Wissenschaftler als „Ungläubigen“ - in radikalen Kreisen kommt das einem Mordaufruf gleich. Der österreichische Verfassungsschutz wird aktiv. Das „Krone“-Interview mit Prof. Khorchide findet Freitagmittag an einem geheimen Ort statt, kurz danach fliegt der Islamwissenschaftler zurück nach Deutschland.

„Krone“: Herr Professor, die Islamlandkarte sorgt für heftige Kritik. Verstehen Sie, dass sich viele Muslime damit unter Generalverdacht gestellt fühlen?
Prof. Mouhanad Khorchide: Es haben sich inzwischen sehr viele Muslime bei mir gemeldet, die ihren Dank und ihre Wertschätzung zu dieser Islamlandkarte äußerten, weil sie ihnen einen transparenten Zugang zu den Moscheegemeinden schafft. Daher kann ich die Kritik absolut nicht nachvollziehen. Sie scheint mir eher politisch motiviert zu sein. Unser Ziel ist es, das muslimische Leben in Österreich sichtbar zu machen. Es gab ja immer wieder den Vorwurf, muslimische Moscheen seien Hinterhofmoscheen, sie hätten was zu verbergen. Wo Transparenz fehlt, fehlt das Vertrauen. Ich sehe die Islamlandkarte deshalb als vertrauensbildende Maßnahme. Da treten Muslime nach vorne und sagen: Wir verstecken uns nicht, hier sind wir und hier sind unsere Einrichtungen! Ein Klick genügt und man sieht auch sofort, zu welchem Dachverband welche Moschee gehört. Das ist auch für die Muslime sehr wichtig. Ich kenne viele Muslime, die eine Moschee suchen, wo Urdu gesprochen wird oder Arabisch. Die ihr Kind in eine Einrichtung schicken wollen, aber nicht wissen, wie sie einzuordnen ist. Die Landkarte gibt den Überblick.

Die Islamische Glaubensgemeinschaft hat protestiert, die Grünen haben sich distanziert. Das Projekt diene nicht der Integration, sondern der Spaltung.
Ich habe den Eindruck, dass es in Österreich bestimmte Kräfte gibt, die, egal was die Dokumentationsstelle macht, sie pauschal kritisieren, bevor man noch genauer hinschaut. Der Generalverdacht gilt in Wahrheit uns, und das finde ich schade. Auf welchen soliden wissenschaftlichen Erkenntnissen berufen sich diejenigen, die meinen, die Sichtbarmachung des muslimischen Lebens in Österreich behindere die Integration bzw. spalte? Meinen die Kritiker allen Ernstes, dass das Verstecken der Moscheegemeinden eher einen Beitrag zur Integration und des Vertrauens schafft? Wir haben am Donnerstag drei akribisch über fünf Monate recherchierte Dossiers vorgestellt, um klar zu differenzieren.Dossiers über die drei größten muslimischen Verbände in Österreich: ATIB, Milli Görüs und die Grauen Wölfe. Dort werden Problempunkte aufgezeigt.

Welche?
Bei manchen ATIB-Moscheen ist es die Nähe zur türkischen Regierung und die Märtyrerideologie, wo Kinder Märtyrer-Szenen nachspielen sollten. Bei Milli Görüs sind es die antisemitischen sowie antiwestlichen Ideologien des Gründervaters Erbakan. Und bei den Grauen Wölfen ist es der Vorwurf, nationalistisch zu sein. Das alles ist hochproblematisch. Die Frage ist: Wie stehen diese Moscheen zu diesen Ideologien? Das sind immerhin die drei größten Dachverbände in Österreich. Sie prägen das Bild des Islam in Österreich, die gestalten den Religionsunterricht und die Freitagspredigten. Deshalb müssen wir über die Herausforderungen reden und den Verbänden die Möglichkeit geben, sich zu deklarieren.

Sogar Ihr Kooperationspartner, die Uni Wien, hat sich von der Landkarte distanziert. Und es gibt datenrechtliche Bedenken.
Da ging es lediglich um das Logo, das hätte man, wie es in solchen Fällen üblich ist, uniintern besprechen können, das würde ich nicht überinterpretieren. Was die Daten betrifft: Alle Adressen sind im Internet für jeden zugänglich, entweder direkt oder über dem Vereinsregister, zu dem ebenfalls jeder online Zugang hat. Ich würde mir wirklich wünschen, dass wir endlich in einen inhaltlichen Diskurs kommen, statt über die Nebenschauplätze zu reden. Manche wollen offensichtlich nicht, dass Probleme klar benannt und angegangen werden. Deshalb versuchen sie, unsere Arbeit zu diffamieren und kleinzureden.

Können Sie drei große Probleme benennen?
Aufklärung, Stellung der Frau, Antisemitismus. Aufklärung im Sinne einer Etablierung eines zeitgemäßen, europäisch geprägten Islams. Das müssen die Muslime selbst in die Hand nehmen. Stellung der Frau: Frauen haben noch immer keinen gleichberechtigten Zugang zu Moscheen, und das im 21 Jahrhundert! Fatma Akay-Türker hat den verachtenden Umgang mit Frauen in ihrem Buch eindrücklich beschrieben - sie hat ja ihre Funktion als einzige Frau im Vorstand der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich deshalb zurückgelegt. Antisemitismus: Wenn man sich die Demonstrationen der letzten Wochen anschaut, dann gab es dort klar antisemitische Äußerungen, dann sehen wir, wie viel Nachholbedarf wir haben.

Ich habe überlegt, ob die Frage „Wie gefährlich ist der Islam?“ berechtigt wäre. Was meinen Sie?
Ich würde die Frage so nicht stellen, weil sie mit einem Verdachtsmoment verbunden ist. Ich würde auch nicht fragen, ob der Islam zu Österreich gehört, sondern welcher Islam zu Österreich gehört. Und ob Österreich zum Islam gehört. Also ob rechtsstaatliche Prinzipien und demokratische Grundwerte Teil des Selbstverständnisses der Muslime sind. Wo das nicht der Fall ist, wird es gefährlich.

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Sind rechtsstaatliche Prinzipien, demokratische Grundwerte Teil des Selbstverständnisses der Muslime? Wo das nicht der Fall ist, wird es gefährlich.

Prof. Mouhanad Khorchide

Nimmt Österreich diese Gefahr ernst genug?
Man muss wirklich sagen, dass Österreich sich der Gefahr des politischen Islam als erstes europäisches Land mit viel Mut gestellt hat. Man wartet nicht, bis Bomben fliegen oder Gewalt ausgeübt wird, sondern schaut da hin, wo die Ideologie entsteht. Im Nachklang hat auch Deutschland eingesehen, dass das wichtig ist, demnächst wird ein Expertenkreis Politischer Islam eingerichtet. Deutschland schaut auf die Arbeit unserer Dokumentationsstelle, um dann ähnliche Strukturen aufzubauen.

Sie sind nach der Präsentation am Donnerstag bedroht worden. Wie ernst nehmen Sie das?
Ich nehme das sehr ernst, weil es eine unmittelbare Verbindung zu der Vorstellung unserer Arbeitsergebnisse in der Dokustelle gab. Diejenigen, die von einem Generalverdacht gegen die Muslime sprechen, stellen mich als Feind des Islams, als Islamhasser hin. Das gefährdet auch alle Mitarbeiter der Dokustelle, denn man weiß ja, was Extremisten und Fundamentalisten tun, um vermeintliche Islamhasser zu eliminieren. Kritik an unserer Arbeit ist willkommen, Diffamierungsversuche sind hingegen inakzeptabel.

Sie werden in dem Video als „Abtrünniger“ bezeichnet. Ist das schon eine Fatwa, also ein Mordauftrag?
Der Droher hat sich das Pseudonym „Soldat Allahs“ gegeben. In dieser extremistischen Szene weiß man, was Abfall vom Islam bedeutet. Man gibt jemanden frei zum Töten. Das ist eine implizierte Morddrohung. Deshalb habe ich es noch am Donnerstag der Polizei gemeldet.

Wie oft wurden Sie schon mit Mord bedroht?
Seit ich in Wien meine Abschlussarbeit über islamische Religionslehrer geschrieben habe, regelmäßig. Damals haben die Drohungen angefangen, aber vor allem Diffamierungsarbeit. Die islamische religionspädagogische Akademie hat damals auch meinen Vertrag nicht mehr verlängert. Ich bin deshalb nach Deutschland, an die Uni Münster, gegangen, einfach um meinen Seelenfrieden zu finden. Es gab Tage mit 50 Morddrohungen. Sogar mein Sohn bekam, als er 13 war, bereits Morddrohungen per SMS. Wir mussten umziehen, in ein anderes Gebäude im 3. Stock, damit die Polizei Überwachungs- und Alarmanlagen installieren kann. Ich stehe seit acht Jahren unter Polizeischutz. Wann immer ich irgendwohin gehe, sogar ins Büro, ist Polizei dabei. Sie überprüft die Orte auch im Vorfeld.

Woher nehmen Sie die Kraft für Ihre Arbeit?
Aus der großen Verantwortung. Und von vielen jungen Muslimen, die mir sagen: Wir wollen Muslime und Österreicher und Europäer sein. Wir brauchen alternative Angebote. Wir sehnen uns nach einem europäischen Islam. Das gibt mir Mut. Wenn ich mich von den Drohungen einschränken lassen würde, dann hätten die Bedroher erreicht, was sie erreichen wollen. Ich werde aber nicht zulassen, dass sie das letzte Wort gesprochen haben.

Sie haben vorhin Antisemitismus angesprochen. Finden Sie es gut, dass auf dem Bundeskanzleramt die israelische Fahne weht?
Ich sehe das im Kontext der Geschichte Österreichs. Man will Solidarität mit der israelischen Bevölkerung signalisieren, die von der Terrororganisation Hamas beschossen wird.

Das sagen Sie als Sohn palästinensischer Eltern?
Natürlich würde ich mir auch ein Signal der Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung wünschen, weil auch sie Opfer der Hamas und der Reaktionen auf die von der Hamas ausgehende Gewalt ist.

Sie sind mit 18 nach Österreich gekommen. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Ich war staatenloser Palästinenser. Österreich war das Land, das mir eine Heimat geboten hat, deshalb werde ich mich diesem Land immer verbunden fühlen. 1994 bin ich ein Bürger dieses Landes geworden und habe den österreichischen Pass bekommen. Deshalb macht es mich wütend, wenn Österreich im Namen meiner Religion als Feindbild hingestellt wird. Wenn jene, die innermuslimische Probleme aufzeigen, als Nestbeschmutzer und Verräter hingestellt werden.

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Einen Islam europäischer Prägung in Österreich zu etablieren: Dazu einen Beitrag zu leisten ist eine große Ehre für mich.

Prof. Mouhanad Khorchide

Nach unserem Interview fliegen Sie zurück nach Deutschland. Fühlen Sie sich dort sicherer?
Ich fühle mich in beiden Ländern genauso wenig sicher, weil ich dort und da bedroht werde. Ich freue mich, dass ich heute da bin und dass ich für die Dokumentationsstelle arbeite, um den Islam Stück für Stück vom Missbrauch durch den politischen Islam zu befreien. Um einen Islam europäischer Prägung in Österreich zu etablieren. Dazu einen Beitrag zu leisten ist eine große Ehre für mich.

Fakten

Er war Imam in Wien-Ottakring
Geboren am 6. September 1971 in Beirut, aufgewachsen in Saudi-Arabien. Studium der Islamischen Theologie in Beirut und der Soziologie in Wien, wo er mit einer Studie über islamische Religionslehrer promovierte. Khorchide war Imam in einer Moschee in Wien-Ottakring und Religionslehrer. Seit 2010 leitet Khorchide das Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster. Er ist verheiratet und hat einen 21-jährigen Sohn. Gemeinsam mit Rabbiner Walter Homolka hat Islamtheologe Mouhanad Khorchide das Buch „Umdenken! Wie Islam und Judentum unsere Gesellschaft besser machen“ geschrieben (Herder Verlag).

Conny Bischofberger
Conny Bischofberger
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