02.05.2021 07:35 |

„Krone“-Kolumne

Über den „Klassenkampf“ in der Sexualität

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller zur Frage der Arbeiter-Sexualität in der Gesellschaft. 

Vor der Pandemie, als Sexualpädagogik an Schulen noch möglich war, habe ich an Mittelschulen die Fragen von Jugendlichen zu Liebe und Sexualität beantwortet. Berufsschulen bieten ebenfalls oft Aufklärungsunterricht für ihre Schüler an. An Gymnasien waren ich und meine Kollegen hingegen selten. Warum eigentlich? Jugendliche haben viele Fragen zu Sexualität und Liebe, egal in welche Schule sie gehen. Bislang konnte mir niemand wirklich beantworten, weshalb Sexualpädagogik an bestimmten Schultypen häufiger stattfindet als an anderen.

Nach einigen Jahren der Sexualitätsforschung habe ich nun eine Vermutung dazu entwickelt. In den letzten 200 Jahren gab es immer wieder Diskussionen darüber, ob der Staat die Sexualität von Arbeitern besonders steuern soll. Mal wurde Arbeitern, armen oder ungebildeten Menschen unterstellt, dass sie sexuell verwahrlost seien, und als Beleg dafür die hohe Zahl an Schwangerschaften in der sogenannten Unterschicht angeführt. Dann wurde Arbeitern wieder nachgesagt, ihre Sexualität sei besonders rigide und gefühllos. In jedem Fall rief Arbeiter-Sexualität staatliche Autoritäten auf den Plan, um das „Problem der Sexualität“ in den Griff zu bekommen: Die Geburtenrate zu kontrollieren. Die Ausbreitung sexuell übertragbarer Infektionen zu verhindern. Und sexueller Gewalt vorzubeugen.

Das Bild einer bürgerlichen Sexualität wurde ganz anders gezeichnet: Zurückhaltend, ehrenhaft und respektvoll sei die Sexualität in gebildeten Schichten, im Gegensatz zur angeblich besonders triebhaften Sexualität der Arbeiter. Man muss keine Soziologin sein, um zu verstehen, dass diese Sicht ganz praktisch war: Man konnte damit sexuelle Probleme benachteiligten Gruppen umhängen. Beispielsweise war es lange Zeit (und teilweise bis heute) möglich, quasi ungestraft Dienst- und Zimmermädchen sexuell auszubeuten, auch weil sie von ihren „Herren“ ökonomisch abhängig waren.

Das ist aber nicht der einzige Grund. Den respektablen, und öffentlich so zurückhaltenden, bürgerlichen Herren wurde aufgrund ihres gesellschaftlichen Status auch mehr Glauben geschenkt als den betroffenen Frauen. Aus der Armut kommend, wurden Betroffene sexueller Gewalt als sexuell verwahrlost und daher unglaubwürdig dargestellt. Und unter Druck gesetzt, damit Übergriffe nicht dem Ansehen der häufig so viel mächtigeren Herren der Oberschicht schadeten. Das war nicht nur im Mittelalter so, sondern hat durchaus Gegenwartsbezug.

Mittlerweile ist zu diesem Bild des anständigen und sexuell unschuldigen Bürgers ein neuer Aspekt hinzugekommen: Die sexuelle Offenheit und Akzeptanz von Minderheiten. Das Engagement für sexuelle Minderheiten wird deshalb teilweise als „bürgerlicher Lifestyle“ abgekanzelt, Arbeiter hätten andere Probleme. Dass es homofeindliche Intellektuelle genauso gibt wie homosexuelle Arbeiter, wird dabei gerne vergessen.

Im Endeffekt tragen diese Klischees über die Sexualität von Arbeitern dazu bei, dass Jugendliche an Mittelschulen und Berufsschulen sexualpädagogische Aufklärung erhalten - und Jugendliche an Gymnasien nicht unbedingt. Klischees helfen allerdings wenig, die sexuellen Probleme unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen besser zu verstehen. Und noch weniger, sie zu lösen.

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Dr.in Barbara Rothmüller, Soziologin und Sexualpädagogin

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