14.02.2021 06:00 |

„Oft herausfordernd“

Grüne Rebellin: So tickt Sigrid Maurer

Konflikte sind Sigrid Maurers Spezialgebiet: Im Interview mit der „Krone“ spricht die 35-jährige grüne Frontfrau über ihren Weg in die Politik, das Verhältnis zum Koalitionspartner ÖVP und den immer noch laufenden „Bierwirt“-Prozess.

Menschen im Sternzeichen Fisch gelten gemeinhin als ruhig, zurückhaltend und schnell beleidigt. „Ha! Da kann ich nur lachen. An so was Esoterisches glaub ich ja nicht. Bei mir stimmt das sicher nicht“, zerkugelt sich Sigrid Maurer, die im März 36 wird.

Konflikte als Spezialgebiet
Tatsächlich scheint die grüne Frontfrau das genaue Gegenteil. Konflikte sind ihr absolutes Spezialgebiet. Neben Feminismus, Bildungspolitik und dem Kampf gegen Diskriminierung. Wo ihr etwas nicht passt, eckt sie an und stampft auf. Und das ziemlich laut für ihre zierlichen 1,63 m. So kannte man sie bereits lang, bevor dies überhaupt ihrer politischen Bedeutung entsprach.

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Für machtbewusste ältere Herren bin ich oft eine Herausforderung. Die meinen ja gern: ,Die soll lieber still sein, die Kleine!'

Sigrid Maurer

Es begann 2005, „als mir der Grasser meine Studienrichtung in Innsbruck zudrehen wollte“. Da rief die Musikstudentin zum Protest, sammelte Unterschriften und gewann. Als ÖH-Vorsitzende warf sie später während einer Parlamentsdebatte unter lautem Trara Flugzettel von der Besuchergalerie und rief Parolen, worauf ihr Hausverbot erteilt wurde. 2017 dann der berühmte Stinkefinger. Das Posting war ihre Art der Reaktion auf Hasspostings nach einer TV-Diskussion über sexuelle Belästigung, worauf ihr noch mehr Unmut entgegenschlug. Heute ist das Foto gesperrt und darf nicht mehr veröffentlicht werden.

„Unglücklich gewählte Bezeichnung“
Und dann hätten wir noch die Causa mit dem Bier-Protz, der ihr vor zwei Jahren obszöne Nachrichten geschickt haben soll. Sie wehrte sich, indem sie ihn öffentlich an den Pranger stellte, landete auf der Anklagebank, wurde zu 7000 Euro verdonnert, bevor das Urteil vom Oberlandesgericht aufgehoben und das Verfahren neu aufgenommen wurde. Es wird nun kommenden Mittwoch fortgesetzt. Zwischenzeitlich urteilte das Bezirksgericht, dass die „unglücklich gewählte Bezeichnung ,Arschloch‘“ in diesem speziellen Fall gerechtfertigt war.

Maurer sitzt in ihrem Büro mit direktem Blick auf das Parlament und mit Besprechungssesseln in knalligen Ostereierfarben, nippt an ihrem Latte Macchiato und sagt feierlich: „Aber ich habe dem Gericht zugesagt, es nicht mehr zu tun.“

Maurer gibt sich kämpferisch
Konflikte wie dieser scheinen die grüne Klubobfrau regelrecht zur Hochform auflaufen zu lassen: „Wenn ich ein Problem damit hätte, wäre ich an der falschen Stelle. Ich bin eine Kämpferin und lass mir sicher nicht den Mund verbieten. Auch, wenn ich für machtbewusste ältere Herren oft eine Herausforderung bin. Die meinen ja gern: ,Die soll lieber still sein, die Kleine!‘“

„Die schaut aus wie a Bua“
Die gebürtige Tirolerin macht den Angesprochenen die Einordnung schwer: zu hübsch, humorvoll und wortgewandt, um sie als Kampf-Emanze abzutun. Keine Müsli-Pullover, keine zu kurzen Röcke, über die man lästern könnte, auch keine roten Fingernägel („Dafür hab ich echt keine Zeit“), nur diese Haare! Ein bisschen ähnlich wie ihre SPÖ-Kollegin Rendi-Wagner. „Die schaut aus wie a Bua“, liest sie manchmal in Kommentaren über sich und muss schon wieder herzlich lachen, während sie ihren überlangen Lockdown-Bubischopf aus den Augen streicht: „Na! Das hat mich echt nie gestört.

Was soll man dazu schon sagen? Die Frisur ist wahnsinnig praktisch, Effizienz ist bei mir was sehr Wichtiges.“ In der Früh ist sie nach 15 Minuten aus dem Haus: „Ich bin keine, die ewig herumzuckelt.“ Tempo, Tempo, Tempo. Sie wohnt im 7. Bezirk, hat kein Auto, fährt Öffi oder geht zu Fuß. Für Sport oder Privates lässt ihr die Funktion keine Zeit. Auch ihren Jazz-Gesang gab sie deswegen auf.

Von der „Knödelakademie“ in den Nationalrat
Die „Sigi“ ist die Älteste von vier Töchtern eines Tiroler Lehrer-Ehepaars. Ihr Elternhaus beschreibt sie als konservativ bis bürgerlich. Ihre Erziehung als „durchaus intensiv“ und mit ironischem Unterton: „Das Regime wurde erst gelockert, als ich ausgezogen bin“.

Sie absolviert die HBLA (vulgo „Knödelakademie“) und maturiert im Fach „Service“. Eine reine Mädchenklasse, in die sich nur einer von fünf Burschen der ganzen Schule verirrt hat. Sie studiert Musik, Politikwissenschaft, übersiedelt 2009 nach Wien und macht einen Bachelor in Soziologie an der Uni Wien. Seit einem Jahr ist sie nun Klubchefin der Grünen und kämpft dagegen an, dass Grün im Türkis aufgeht. Das Koalitionsklima – frostig wie die Temperaturen. Moria, Abschiebungen, harte Abstimmungen. Das Beste beider Welten heißt bei den Grünen: Fundis & Realos.

Gratwanderung im Migrationsbereich
Dass sie ihre Ideale verraten würde, wurde ihr zuletzt vorgeworfen, als sie in der Vorwoche mit Parteichef Kogler die Entscheidung verteidigte, nicht für einen Rückholantrag der SPÖ und gegen die ÖVP zu stimmen – eine tagelange Zitterpartie (Maurer begleitet übrigens seit drei Jahren einen 24-jährigen subsidiär Schutzberechtigten). Sie überlegt ungewöhnlich lang und sagt: „Es stimmt, es hat uns das Herz zerrissen dabei. Aber es war allen klar, dass für einen Symbolakt auf gar keinen Fall ein Koalitionsbruch riskiert werden darf jetzt in einer Pandemie. Wir hätten sowieso elf Stimmen zu wenig gehabt für eine Mehrheit. Wir tragen ja Verantwortung und fühlen uns dem Regierungsprogramm verpflichtet.“

Die Pandemie – das brutale Match Tirol gegen Regierung und den grünen Gesundheitsminister – wo sie da steht? „Ich bin seit elf Jahren in Wien, da hat man eine gewisse Distanz zu manchen Eigenheiten.“ Ihr türkises Pendant in der Koalition ist August Wöginger (46). Sie wissen schon, der: „Es kann ja nicht sein, dass unsere Kinder nach Wean fahren und als Grüne zurückkommen.“

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Ich nenn ihn Gust. Das heißt, ich sag ,Guscht‘. Ich bin ja Tirolerin.

Sigrid Maurer

Der rustikale Oberösterreicher und die urbane Sigrid? Dank Maurers Humor ging das überraschend gut. Die beiden sind per Du. Wie sie ihn nennt? „Ich nenn ihn Gust. Das heißt, ich sag ,Guscht‘. Ich bin ja Tirolerin.“ Sie geht davon aus, dass der Paarlauf bis Ende der Legislaturperiode hält. Wenngleich die Grünen in den Umfragen bereits auf Rang 5 gerutscht sind.

Nach unserem Gespräch diktiert sie eine Aussendung zum Parteienförderungsgesetz: „Wir sind nicht bereit, die türkise Showpolitik mitzutragen.“

Edda Graf
Edda Graf
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