05.07.2020 08:00 |

Steiermark History

Kasperl hielt Steirern einen Spiegel vor

Der Kasperl ist älter als man glauben möchte! Das Publikum im 18. Jahrhundert lachte über die frechen Sprüche der komischen Figur im Theater: Völlerei, Prahlerei und Verwechslung standen im Mittelpunkt der Bühnenhandlung.

„Wirtshaus, Bratwurst, volle Becher sind Hans Wurstens Sorgenbrecher„: Dieses Zitat aus einem alten Bühnenstück bringt die größten Leidenschaften von Hanswurst, der populären komischen Figur im altösterreichischen Personentheater, auf den Punkt. Wobei noch wesentliche Begierden fehlen: die nach Frauen und sprachlichem Unflat.

Intrigen und Affären
Im frühen 18. Jahrhundert stand der derb-freche Hanswurst im Zentrum der leicht verdaulichen Nebenhandlung so genannter Haupt- und Staatsaktionen, in denen dramatische Staatsaffären und Liebesintrigen thematisiert wurden. „Das Publikum wollte lieber lachen, deshalb wurde die im Dienermilieu angesiedelte Nebenhandlung im Laufe der Zeit zur Haupthandlung“, erklärt Beatrix Müller-Kampel, Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Graz.

Ein prägender Darsteller der Hanswurst-Figur jener Zeit war Joseph Anton Stranitzky, der das Alt-Wiener Volkstheater begründete und dessen Wurzeln wahrscheinlich nach Knittelfeld reichen. „Hanswurst ist von unglaublicher Offenheit, er ist ein Schweinigel sondergleichen“, weiß Müller-Kampel. Die Schamgrenzen waren damals andere als heute, und so spricht Hanswurst einfach „wie ihm der Schnabel gewachsen ist“, sagt die Grazerin, die unter anderem die Geschichte des Komischen erforscht.

Feigling, Prahlhans, Aufschneider
Die Menschen damals klopften sich auf die Schenkel, weil Hanswurst und sein Nachfolger als Dienerfigur, der Kasperl, tollpatschig waren. Dazu stellten sich Hanswurst, Kasperl und Co. oft dumm, verstanden vieles falsch und standen im Mittelpunkt unglaublicher Verwechslungen. „Der Kasperl ist ein Feigling, ein Prahlhans und ein Aufschneider. Er verkleidet sich manchmal als Arzt oder Advokat und redet unheimliches Kauderwelsch“, lacht Beatrix Müller-Kampel, die seit vielen Jahren seltene Kasperl-Handpuppen und -Marionetten sammelt.

Oft werde der Kasperl - anfangs vor allem verkörpert von Johann Josef La Roche mit biografischen Spuren in der Steiermark - in den handschriftlich aufgezeichneten Stücken als „Narr“ bezeichnet; wie auch der Hanswurst, der überdies Unmengen an Speisen verschlingen könne. Zum Frühstück 22 Eier und drei Hühner sind da keine Seltenheit. „Im 20. Jahrhundert wurde aus dem Mann in Saft und Kraft die Kinderfigur“, erklärt die Wissenschafterin.

Vom alten Kasperl blieb nur die Lust am Essen und ein närrisches Kostüm mit Halskrause - „sonst ist der Kasperl Kind geworden, und ein braves noch dazu.“

Jörg Schwaiger
Jörg Schwaiger
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