19.05.2020 14:50 |

Ratings wie in China

Jeder Dritte für staatliche Social-Web-Überwachung

Eine Überwachung der Social-Media-Aktivitäten der Bürger, um nach chinesischem Vorbild eine Punktebewertung zu erstellen, die Auskunft darüber gibt, ob es sich um einen „guten“ Bürger handelt, fände auch in Österreich Unterstützer. Wie eine Umfrage des IT-Security-Konzerns Kaspersky zeigt, befürworten 29 Prozent der Österreicher staatliche Überwachung sozialer Medien zugunsten von mehr Sicherheit. Was ein Social-Rating-System eigentlich ist, weiß derweil nur ein Bruchteil.

Kaspersky hat für seine am Dienstag veröffentlichte Umfrage 10.000 Personen aus aller Welt zu ihrer Meinung zu Social-Media-Überwachung und Social-Rating-Systemen befragt, darunter auch rund 500 Österreicher. Die für österreichische Probanden gesondert ausgewerteten Ergebnisse, die Kaspersky an heimische Medien verschickt hat, lassen aufhorchen: 29 Prozent der Österreicher befürworten demnach Social-Media-Überwachung durch die Regierung, wenn dies mit mehr Sicherheit begründet wird. 34 Prozent der Befragten sind dagegen, 37 Prozent unentschlossen. Zum Vergleich: In Deutschland sind 36 Prozent für Social-Media-Überwachung aus Sicherheitsgründen, weltweit 51 Prozent.

Mehrheit weiß nicht, was Social Rating ist
Erstaunlich: Obwohl laut Kaspersky nur ein Achtel der befragten Österreicher (weltweit sind es 46 Prozent) den Begriff Social-Rating-System überhaupt schon einmal gehört hat, gaben in Kasperskys Umfrage vier von zehn Österreichern an, dass sie persönliche und sensible Daten preisgeben würden, wenn sie dafür Vergünstigungen wie Geld, einen Job oder bessere finanzielle Konditionen bekämen. Das würde dem chinesischem System ähneln, wo am Social-Rating unter anderem festgemacht werden soll, ob ein Bürger ein Zug- oder Flugticket kaufen oder einen Kredit aufnehmen darf oder nicht.

Bewertungen kein chinesisches Phänomen
Die Einführung solcher Systeme ist aber kein chinesisches Phänomen, weiß Kaspersky. In den letzten Jahren hätten längst Finanzdienstleister oder E-Commerce-Firmen mit der Social-Media-Durchleuchtung ihrer Nutzer begonnen - inklusive geäußerter Meinungen. In letzter Zeit begannen auch immer mehr staatliche Stellen, sich für Social-Media-Aktivitäten der Bürger zu interessieren. Bei Bonitätsprüfungen oder beim Recht auf Inanspruchnahme bestimmter Leistungen spiele Social Rating längst eine wichtige Rolle, obwohl viele die Technologie gar nicht verstehen, so Kaspersky.

Social-Rating-Systeme nicht manipulationssicher
Generell seien Social-Rating-Systeme nicht manipulationssicher, warnt man. Sie seien teilweise anfällig dafür, dass die Bewertung eines Teilnehmers künstlich nach unten oder oben gedrückt wird. Das könne bis hin zum Schwarzmarkt für Social-Ratings führen. Außerdem sei oft intransparent, nach welcher Berechnungsmethode die Bewertungen überhaupt entstehen und wie sich Bürger beispielsweise gegen einen falschen Eintrag wehren oder ein schlechtes Rating aufbessern können. Kein Wunder also, dass weltweit 45 Prozent der Befragten angaben, keine Ahnung zu haben, wie solche Systeme überhaupt funktionieren.

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Gesellschaften müssen ehrlich und transparent darüber diskutieren, ob und wie sie solche Technologien einsetzen wollen und, was noch wichtiger ist, von wem und zu welchen Zwecken.

Genia Kostka, China-Expertin der Freien Universität Berlin

Eine grobe Ahnung, was mit Social-Rating-Systemen auf uns zukommt, wäre aber wünschenswert, warnt Sinologin Genia Kostka aus Berlin: „Während sie heute zunehmend in den Alltag eingebunden werden, ist es wichtig, die damit verbundenen Risiken wie Datenschutzverletzungen, Diskriminierung und Vorurteile zu erörtern. Gesellschaften müssen ehrlich und transparent darüber diskutieren, ob und wie sie solche Technologien einsetzen wollen und, was noch wichtiger ist, von wem und zu welchen Zwecken.“

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So notwendig die Kontrolle des öffentlichen Lebens derzeit sein mag, es besteht das Risiko, dass die Menschen morgen die Kontrolle über ihr Leben verlieren.

Marco Preuss, Leiter Europäisches Forschungs- und Analyse-Team bei Kaspersky

Marco Preuss, Leiter des Europäischen Forschungs- und Analyse-Teams bei Kaspersky: „Auf der einen Seite verbessern Technologie und Daten die Dienste und erleichtern so das Leben der Anwender. Auf der anderen Seite bleibt unklar, wie weit der Zugriff auf persönliche Daten und der Eingriff in das Leben der Bürger schon voran geschritten ist und wie damit umgegangen wird. Das ist besonders wichtig in Zeiten von Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen, in der sich Menschen zwangsweise auf Online-Dienste verlassen müssen. So notwendig die Kontrolle des öffentlichen Lebens derzeit sein mag, es besteht das Risiko, dass die Menschen morgen die Kontrolle über ihr Leben verlieren.“

Bei Kaspersky rät man daher zur Datensparsamkeit: Geben Sie online nicht mehr Daten von sich preis, als unbedingt nötig ist und hinterfragen Sie, welche Motivation eine Organisation oder ein Unternehmen haben könnte, Sie mit Fragen zu löchern. Bedenken Sie bei Social-Media-Postings, welche Rückschlüsse jemand auf deren Basis über Sie ziehen könnte.

Dominik Erlinger
Dominik Erlinger
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