Sa, 20. Oktober 2018

Verblüffendes China

24.07.2018 12:37

Totale Überwachung - und Bürger stehen dahinter

Guter oder schlechter Bürger? Diese gar nicht so einfache Frage beantwortet in China ab 2020 ein automatisches System, das die Aktivitäten der Bürger inner- und außerhalb des Internets bewertet. Klingt nach Totalüberwachung, trifft aber einen Nerv: Die Mehrheit der Chinesen finden die Idee gut und hat kein Problem damit, wenn jemand wegen eines Postings Probleme hat, ein Zugticket zu kaufen.

Die Studie unter rund 2200 Chinesen, die diesen Zugang attestiert, stammt nicht etwa von einer staatlichen Pekinger Universität, sondern von der Freien Universität Berlin, die sie am Montag auf ihrer Website vorgestellt hat. Demnach betrachten mehr als zwei Drittel - rund 80 Prozent - der Chinesen die Pläne ihrer Regierung für das Bürger-Bewertungssystem als gute Sache. Insbesondere ältere Personen, aber auch überdurchschnittlich gebildete befürworten das System.

Chinesen haben andere Sorgen als Privatsphäre
Ursache für die breite Zustimmung sei, dass die Chinesen ganz andere Sorgen als Privatsphäre hätten und viele in dem kommunistisch regierten Riesenreich Überwachung ohnehin als normalen Teil ihres Alltags begreifen. „In einem Land, in dem die Verbraucher über giftige Babymilch oder kontaminierte Erdbeeren besorgt sein müssen oder Internetbetrüger Hunderttausende von Menschen schikanieren, wird das Sozialkreditsystem als Plattform für verlässliche Information wahrgenommen“, erklärt die Studienleiterin Genia Kostka.

Bewertungssysteme sind bereits im Einsatz
Während es bis zur landesweiten Einführung des Bürger-Bewertungssystems noch bis 2020 dauern soll, sind solche Systeme im kleineren Stil im Reich der Mitte längst im Einsatz. Bei Internetkonzernen wie Tencent oder Alibaba ebenso wie bei rund 40 Lokalregierungen, die mittels „Online-Bonität“ Chinesen in gute und schlechte Bürger aufteilen. Wer eine gute Bewertung erhält, zieht durchaus Vorteile aus dem System. Er kommt mit geringerer oder womöglich gar keiner Kaution an ein Mietauto, erhält leichter einen Kredit, bringt den Check-in am Flughafen schneller hinter sich. Im Umkehrschluss hat allerdings Nachteile, wer keine gute Bewertung erhält.

Städter und Gebildete für Bewertungssystem
Die Mehrzahl der Befragten scheint sich allerdings nicht zu letzterer Gruppe zu zählen und nicht mit Nachteilen zu rechnen. Im Gegenteil: Offenbar haben Chinesen - tendenziell vor allem ältere, gut gebildete männliche Städter - ein eher geringes Vertrauen in ihre Landsleute, sodass viele sich ein zuverlässiges Informationssystem über die Vertrauenswürdigkeit ihrer Mitmenschen wünschen. Und zwar nicht nur, wenn man sie - manch einer wird da vorsichtig werden - per Online-Fragebogen dazu befragt, sondern laut den Autoren der Studie durchaus auch im persönlichen Gespräch.

 krone.at
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