Die Volksrepublik China betrachtet die Insel Taiwan als Teil ihres Staates. Seit Jahren droht Peking damit, das mit Gewalt durchzusetzen. Militärische Drohgebärden häufen sich. Eine Invasion würde eine wirtschaftliche Apokalypse bedeuten. Denn die Welt hängt am Tropf der taiwanesischen Chipindustrie.
Auf der Insel, nicht einmal halb so groß wie Österreich, werden 90 Prozent aller Hochleistungs-Computerchips hergestellt. Die großen, milliardenschweren US-Tech-Konzerne hängen von der taiwanesischen Halbleiterindustrie ab, genauso wie alle Firmen weltweit, für deren Autos, Smartphones oder Herzschrittmacher die elektronischen Bauteile unverzichtbar sind.
„Größter Schwachpunkt der Weltwirtschaft“
„Die größte Bedrohung für die Weltwirtschaft, der größte einzelne Schwachpunkt“ sei diese immense Abhängigkeit von Taiwan bei High-End-Chips, so US-Finanzminister Sott Bessent vergangenen Monat beim Weltwirtschaftsforum in Davos: „Wenn diese Insel blockiert und diese Kapazitäten zerstört würden, wäre das eine wirtschaftliche Apokalypse“, warnte er.
Solche Mahnungen gibt es schon seit Langem. Eine chinesische Blockade Taiwans würde die USA in die schwerste Wirtschaftskrise seit der Großen Depression stürzen, so ein Geheimbericht der Vereinigung der US-Halbleiterindustrie (SIA) für ihre Mitglieder, über den die „New York Times“ berichtet. Der Report stammt aus dem Jahr 2022, war bisher aber nicht öffentlich bekannt.
Demnach würde eine Unterbrechung der Chiplieferungen aus Taiwan die Wirtschaftsleistung der USA um elf Prozent einbrechen lassen – doppelt so stark wie während der Rezession 2008. Für China wäre der Einbruch mit 16 Prozent sogar noch gravierender. Die Weltwirtschaft würde eine Chip-Blockade Schätzungen zufolge zehn Billionen Dollar kosten.
Direkte Auswirkungen auf Österreich
Massiv wären die Auswirkungen auch in Österreich zu spüren, wo mit Infineon ein großer Halbleiterkonzern mehrere Standorte hat. Denn das deutsche Unternehmen lässt vor allem Rechenleistungschips in Taiwan produzieren. Bestimmte Bauteile stellt Infineon allerdings in Werken in Europa selbst her, etwa in Villach. Somit ist der Konzern weniger abhängig von Taiwans Chipfabriken als sogenannte „fabless“ (fabricationless, dt. ohne Fertigung) Unternehmen, die Chips selbst designen, ihre Produktion aber komplett ausgelagert haben. Das bekannteste „fabless“ Unternehmen ist Nvidia, aufgrund des KI-Booms die wertvollste Firma der Welt.
US-Präsident Joe Biden sah diese Chip-Abhängigkeit als die größte Schwachstelle der Vereinigten Staaten an. Seine Regierung sah sich damit gezwungen, ihre Position zu Taiwan zu überdenken. Während jahrzehntelang der Inselstaat die USA mehr brauchte als umgekehrt, ist Taiwan jetzt entscheidend für das Überleben der amerikanischen Wirtschaft.
Warnruf an Tech-Konzerne
Nvidia und anderen großen Tech-Konzernen wie Apple oder Intel versuchte die US-Regierung in hochrangigen Meetings, die drohende Gefahr einer chinesischen Invasion klarzumachen, berichtet die „New York Times“. Einwände, wonach die Volksrepublik kaum den kleinen Nachbarn angreifen werde, wenn sie sich damit selbst schade, wurden mit Putins Invasion in der Ukraine weggefegt. Denn sie zeigte: Staaten führen Kriege aus ideologischen Gründen, auch wenn der Schaden für die eigene Wirtschaft absehbar ist.
Neben den Warnungen sollten auch von Biden in Aussicht gestellte Milliardensubventionen die Tech-Unternehmen dazu bewegen, mehr Chipfabriken in den USA zu bauen. Sie reagierten zögerlich, die Zusagen blieben weit hinter den Erwartungen zurück. Trotz Anreizen wäre die Produktion von Chips in den USA teurer als in Taiwan, weil Material, Arbeitskraft und Zulassungsverfahren mehr kosten, so das Argument.
Trump drohte mit Zöllen
Bidens Nachfolger Donald Trump versuchte auf seine Weise, die heimische Chipproduktion hochzufahren – er drohte mit Zöllen. In Trumps Auftrag verlangte Handelsminister Howard Lutnick vergangenes Jahr von heimischen Unternehmen, Halbleiter aus US-Fabriken zu kaufen. Ansonsten müssten sie 100 Prozent Zoll auf importierte Chips zahlen. Zugleich drohte er taiwanesischen Firmen, allen voran dem größten Chiphersteller TSMC mit Zöllen, wenn sie keine Zusagen machten, in den USA zu produzieren.
Invasion schon 2027 möglich
TSMC hat inzwischen eine Chipfabrik im US-Bundesstaat Arizona gebaut, weitere Werke sind in Planung. Abnehmer für die Produkte ist Nvidia. Die Endfertigung findet zwar weiter in Taiwan statt, es ist aber ein Schritt weg von der Abhängigkeit. Auch in Europa wird ein wenig entgegengesteuert: Gemeinsam mit dem taiwanesischen Chiphersteller TSMC bauen die Unternehmen Infineon, Bosch und der niederländische Hersteller NXP Semiconductors eine Halbleiterfabrik in Dresden. Der Produktionsstart ist für Herbst 2027 geplant. Das US-Militär hält es für möglich, dass Chinas Staatschef Xi Jinping im selben Jahr die Invasion Taiwans befiehlt.
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