22.11.2019 10:58 |

Jesse Marsch

„Trump ist ein schlechter Witz“

Salzburg-Trainer Jesse Marsch so privat wie noch nie: Wie der 46-Jährige über US-Präsident Donald Trump denkt, warum seine Tochter nach einer Straße benannt wurde und wie er die Terroranschläge am 11. September 2001 erlebt hat.

Herr Marsch, sind Sie Demokrat oder Republikaner?

Ich bin politisch unabhängig, meine Frau ist aber eine große Demokratin. Daher ist Politik immer ein Thema bei uns. In der Vergangenheit habe ich wie ein Demokrat gewählt - ganz sicher nicht für Trump (lacht).

Donald Trump hat hierzulande keinen guten Ruf. Wie stehen Sie dazu?

Ich kann das verstehen. Anfangs hatten mich in Leipzig alle Leute gefragt, was ich von ihm halte. Da habe ich immer mit „er ist ein super Präsident“ geantwortet. Alle waren überrascht, fragten, ob ich das ernst meine. Natürlich nicht! Er ist ein schlechter Witz - zugleich aber ein Produkt der Polarisierung in Amerika. Das ist für mich auch ein größeres Problem als Trump selbst.

Es gibt oftmals nur noch Schwarz und Weiß?

So ist es. Das Lebensniveau in Europa ist generell besser. Hier fühlen wir uns sicher, die Kriminalität ist auch nicht hoch. Unsere Tochter Emerson blieb in Leipzig, weil sie die Schule dort abschließt. Das macht uns keine Sorgen. In den USA hätten wir kein so sicheres Gefühl gehabt.

Sie sind immer höflich und gut drauf. Wie bringt man Sie auf die Palme?

Max (Wöber, Anm.) hat nach dem Spiel in Wolfsberg gesagt. „Du musst auch mal laut zur Mannschaft sein.“ Das habe ich zum allerersten Mal gehört (lacht). In Liverpool hatte ich in der Kabine eine lautere Ansprache, generell sehe ich keinen Grund dafür, mit ihr böse zu sein.

Beruflich dreht sich alles um den Ball. Auch privat?

Ich denke nicht, aber meine Frau sieht das etwas anders (lacht). Sie sagt, dass ich auch zuhause immer davon spreche.

Ihre Familie ist mit Ihnen nach Europa gekommen, im Sommer von Leipzig nach Salzburg übersiedelt. Damit gibt sie auch einen wichtigen Teil ihres sozialen Lebens auf. Keine einfache Entscheidung?

Das stimmt. Aber meine Frau und ich haben, als wir noch keine Kinder hatten, entschieden, dass das Wichtigste für uns ist, dass wir immer alles gemeinsam machen. Es geht nicht darum, wo wir sind. Es geht darum, dass wir es zusammen angehen.

Ihr Sohn Lennon ist nach „Beatle“ John Lennon benannt. Wie sieht das bei Ihren anderen Kindern aus?

Meine Tochter hätte Taylor heißen sollen. Kurz vor der Geburt rief mich meine Frau an, wir hatten gerade die ersten Handys bekommen. Ich war besorgt und fragte, ob alles in Ordnung sei. Sei meinte „Ich stehe gerade in der Emerson Street. Was hältst du vom Namen Emerson?“ Ich fand ihn gut, daher nannten wir sie so. Maddux heißt wie ein Sohn von Brad Pitt und Angelina Jolie, wird aber anders geschrieben. Meine Frau bestand auf „ux“ am Ende, da „ox“ übersetzt Ochse heißt.

Sie arbeiteten in New York, danach in Leipzig. War Salzburg ein Kulturschock?

Gar nicht, uns gefällt es hier sehr. Tyler Adams (Spieler von RB Leipzig, Anm.) wurde vor kurzem hier behandelt. Wir waren mit ihm in Hallstatt, um ihm diesen coolen Ort zu zeigen, wir fuhren nach Bad Ischl, waren auch am Fuschlsee. Wir haben die Idee, die Gegend, die Leute, die Kultur kennenzulernen. Das Leben hier, umgeben von Bergen, ist neu für uns, aber cool.

In den USA sind Trainer- und Spielergehälter bekannt. Wäre es okay, würde die Öffentlichkeit ihres kennen?

Ja, für mich wäre es okay. Aber Geld ist in der Gesellschaft stets Thema, auch Neid. Das ist für mich eine schlimme Eigenschaft. Ich habe keine ahnung, was Spieler oder Trainer hier verdienen, weiß es von keinem einzigen. Mir ist das auch nicht wichtig. Für mich zählt nur die Qualität. der Einzelnen.

Sie sind Miteigentümer von Restaurants in den USA. Können Sie mehr darüber verraten?

Insgesamt sind es jetzt fünf Restaurants, die ich mit einem guten Freund habe, dazu einen Bauernhof. Der von uns produzierte Käste wurde sogar als bester Nordamerikas ausgezeichnet. Ich mache aber nichts, das übernimmt alles mein Freund.

Sind Sie sozial engagiert?

Auch das ist ein großes Thema in unserer Familie, in erster Linie für meine Frau, die Sozialarbeiterin war. Sie war bei einer Stiftung vergleichbar mit Pro Juventute (Einrichtung für Kinder und Jugendliche, Anm.). Dort haben wir Waisenkinder unterstützt. Uns ist es wichtig, dass etwa benachteiligten Kindern geholfen wird.

Welche Werte sind Ihnen besonders wichtig?

In meiner Familie haben Freundlichkeit und Großzügigkeit eine besondere Bedeutung. In meinem Heimat-Bundesstaat sind die Leute bodenständig, aber sehr freundlich und offen. Da hilft man einander.

Was mögen Sie gar nicht?

Selbstsüchtiges Verhalten. In unserer Welt trifft man sehr oft Menschen, die so sind. Selbstlosigkeit und Freundlichkeit stehen bei mir über allem!

Worauf legen Sie wert, wenn Sie einmal ein paar Tage abschalten können?

Weihnachten fliegen wir für fünf, sechs Tage heim nach Wisconsin. Danach geht es mit Freunden aus Los Angeles zurück, mit denen wir immer zu Silvester verreisen. Diesmal geht es nach Kitzbühel. Da kann ich gut entspannen.

Gibt es abseits des Fußballs Teams, die sie unterstützen?

Die Green Bay Packers in der NFL, dazu die Milwaukee Brewers in der MLB und die Bucks aus der NBA - das ist ja meine Heimatstadt. Die Packers stehen ganz oben. Vor zehn Jahren hatte ich aber noch viel mehr Zeit das zu verfolgen. Heute sehe ich kaum noch Spiele.

Gab es prägende Erlebnisse in Ihrem Leben?

Ich kann mich an 9/11 erinnern. Wir waren an dem Tag in Chicago, haben dort gewohnt. Meine Tochter war vier Tage alt, als das passiert ist. Wir saßen auf der Terrasse, es war bewölkt und wir sahen im Fernsehen, dass ein Flugzeug ins World Trace Center geflogen ist. Wir dachten zuerst an einen Unfall. Dann kam das zweite und alle waren geschockt. Jeder dachte, dass der Sears Tower (heute Willis Tower, Anm.) das nächste Ziel sein könnte , weil es das höchste Gebäude der USA war. Wir haben die ganzen Kampfflugzeuge im Nebel gehört, aber nicht gesehen. Die Angst bei uns war riesig. Auch das Training bei meinem Klub Chicago Fire wurde abgesagt. Die Liga setzte für zwei Wochen aus, die Flughäfen waren gesperrt. Nach und nach wurde erst klar, was da wirklich passiert war.

Was hat sich für Sie verändert?

Ein Freund von mir ist bei 9/11 gestorben. Er lief vom Gebäude weg und wurde von einem herunterfallenden Teil getroffen. Am Weg ins Krankenhaus ist er verstorben. Ein weiterer Freund war im zweiten Turm. Nach dem Einschlag des ersten Flugzeugs wurde zunächst evakuiert, ehe nach etwa zehn Minuten Entwarnung gegeben wurde, die Leute wieder in die Büros zurückgingen. Er tat das nicht - Minuten später krachte das zweite Flugzeug auf Höhe seines Büros in den Turm. Wir haben damals aber sicher zwölf Stunden nichts von ihm gehört. Die Leitungen waren tot, wir konnten nicht mit ihm kommunizieren. Erst am Abend konnte er endlich Entwarnung geben. In Amerika herrschte dieses Gefühl der Verletzlichkeit. Wir sind damals aber auch alle zusammengewachsen.

Christoph Nister
Christoph Nister
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