11.11.2019 09:00 |

Großes Interview

Elisabeth Zanon: Regierung, Hospiz und Chirurgie

Keiner kann bei einer Tasse Kaffee sein ganzes Leben zusammenfassen - schon gar nicht Elisabeth Zanon. Die 64-Jährige wurde stets mit Herausforderungen konfrontiert, denen sie sich immer stellte, anstatt den leichten Weg einzuschlagen - heute kann sie dafür von vielen Erfolgen berichten.

Wollten Sie schon immer Medizin studieren?
Nein, ich hatte nie wirklich einen Traumberuf. Nach der Matura riet mir aber ein Professor, der mich nicht leiden konnte: „Studieren Sie am besten Mathematik, da heiratet man am schnellsten einen Doktor.“ Ich wusste genau, was er mir niemals zutrauen würde – Medizin. Das war also eher eine Trotzentscheidung, die mich zum Studium führte.

Aber Sie scheinen sich damit angefreundet zu haben?
Ich hatte großen Respekt vor dem Studium. Dieser rote Faden zieht sich durch mein Leben: Ich wurde immer mit Herausforderungen konfrontiert. Letztlich bin ich aber glücklich über meine Berufswahl und bis heute begeisterte Chirurgin.

1993 dann der Einstieg in die Politik – wie kam es dazu?
Ich wollte eigentlich nie in der Öffentlichkeit stehen. Als Ärztin hielt ich zwar des öfteren Vorträge, aber Politik ist etwas ganz anderes. Nach etwa einer Woche habe ich dem ehemaligen Landeshauptmann Wendelin Weingartner dann aber doch zugesagt. Es war meine Verpflichtung als Frau und in gewisser Weise auch eine Rückkehr in die Regierung, da mein Vater fünf Jahre zuvor ausgeschieden war.

Jahrzehnte als Frau in der Tiroler Regierung

War da ein gewisser Druck, als erste Landeshauptmann-Stellvertreterin in der Geschichte Tirols?
Nicht wie man vielleicht meint. Ich habe nur immer darauf geschaut, für die Frauen zu arbeiten, sie zu fördern und zu Taten zu motivieren. Damals gründete ich auch den „Alpha Club“, eine Vereinigung für Frauen in höheren Positionen und Jahre lang leitete ich die Tiroler Frauenbewegung. Aber natürlich war mein Amt damals auch ein wichtiges Zeichen dafür, wie weit es Frauen schaffen können.

Was würden Sie als ihre politischen Erfolge nennen?
Ich vergleiche politische Arbeit gerne mit einem Gleisbau – es gibt ein großes Ziel und man darf einen Teil der Strecke mitbauen. Wir haben als erste in Österreich das Gleichbehandlungsgesetz eingeführt. Bei der „Manda, s’ isch Zeit“-Kampagne haben wir ein Bild von Andreas Hofer mit einem Baby auf dem Arm verbreitet – das kam überhaupt nicht gut an und ich frage mich heute noch: Warum soll man ihn nicht so darstellen dürfen? Aber auch in den Bereichen Kultur, Gesundheit und Wohnbau haben wir viel weitergebracht. Bei vielen Dingen denke ich mir auch heute immer wieder: „Das haben wir gestartet“.

Wie war es, mit 54 aus der Politik auszusteigen?
Fünf Jahre später – und ich hätte nicht zurück in die Schönheitschirurgie gehen können. Der Wiedereinstieg war hart, die Patienten haben schließlich nicht auf mich gewartet. Ich würde jedem Politiker empfehlen, auch einen Ziviljob zu haben und nicht abhängig zu sein.

„Es gibt tolle Menschen in unserer Gesellschaft“

Sie hatten auch den Hospizvorsitz inne. Wie kam das?
Ich wollte mich einfach engagieren – mein Bruder verstarb an Krebs und als Ärztin erlebte ich noch, wie die Menschen zum Sterben ins Bad gebracht wurden, um niemanden zu stören. Dazu kam, dass ich ein großes Netzwerk hatte und es zum Guten nutzen wollte.

Es entstand das Hospizhaus Tirol – nur Ihr Verdienst?
Nein, meine Vorgängerin Marina Baldauf hatte das Konzept in Grundzügen zu Papier gebracht. Ich durfte mithilfe meines Teams sowie der großen Unterstützung von Landeshauptmann Günther Platter und den Tirol Kliniken das Projekt realisieren. Und jetzt gebe ich den Vorsitz wieder an sie zurück – für mich eine schöne, runde Geschichte.

Was haben sie in ihrer Zeit als Politikerin und „Hospizlerin“ gelernt?
Zum Hospiz: In Tirol gibt es viele Menschen, die einem bei einem Todesfall helfen und jemanden in dieser schweren Zeit begleiten können – und das höchst professionell, ohne dass man sich fürchten muss. Wir leben wirklich in einer tollen Gesellschaft. Und zur Politik: Gesetze und Richtlinien allein reichen nicht – Nächstenliebe und Impulse aus einer aktiven Zivilgesellschaft sind genauso wichtig.

Möchten Sie jetzt dann erstmal zur Ruhe kommen?
Im Moment führe ich meine Praxis, aber ich bin nebenher Vorsitzende im Universitätsrat und in der Gesellschaft der Freunde des Schloss Ambras tätig. Aber ich bin immer offen für ein neues Projekt, eine neue Herausforderung.

„Auch in der Pension gibt es aktive Jahre“

Was würden Sie den Lesern gerne ans Herz legen?
Wir leben heutzutage, Gott sei Dank, lange und es gibt auch in der Pension noch viele aktive Jahre - man braucht nur den Mut, etwas anzupacken. Es ist nie zu spät für einen Neubeginn.

Mirjana Mihajlovic
Mirjana Mihajlovic
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