26.10.2019 06:00 |

Auf Spurensuche

Stolzer Nationalfeiertag: Aber wie sind wir denn?

Wie selbstverständlich feiert Österreich am 26. Oktober den Nationalfeiertag. Wer aber ist Österreich? Eine Spurensuche nach Identität.

„So sind wir nicht!“, sagte Bundespräsident Alexander Van der Bellen im Frühjahr 2019, nachdem Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache im Ibiza-Skandal Österreich wieder einmal in ein schiefes Licht gerückt hat. Aber wie sind wir denn?

Kulturgroßmacht mit Kaffeehauskultur
Die Frage nach der österreichischen Identität beschäftigt unser Land schon hundert Jahre, seit dem Zusammenbruch des Habsburger-Reiches. In der Ersten Republik gelang es dem Kleinstaat nicht, eine eigene Identität zu etablieren. Am ehesten noch war es die Kaffeehauskultur, die exemplarisch für die Gemütlichkeit stand, wo sich der intellektuelle Feinspitz ein Stelldichein gab. Nicht umsonst fand man in der Zwischenkriegszeit im jährlichen Wirtschaftsindex den Punkt Kaffeehausbesuch als Wohlstands-Faktor.

Nach dem Zweiten Weltkrieg definierte sich Österreich über die Kulturgroßmacht. Die Wiedereröffnung der Staatsoper, des Burgtheaters sind Zeugnisse dafür. Zu den 200 Vorstellungen der Salzburger Festspiele 2019 kamen mehr als 270.000 Besucher. Das letzte Neujahrskonzert verfolgte im Schnitt eine Million Menschen vor den TV-Geräten. Das schaffen sonst nur Sportereignisse.

Erfolge der Sportler sind als Identitätsbildung ganz wesentlich
Apropos Sport: Die Erfolge von Toni Sailer, Annemarie Moser-Pröll im Skisport und wie auch jüngst von Marcel Hirscher sind als Identitätsbildung ganz wesentlich. Oft ging es um eine Abgrenzung zu Deutschland. Cordoba 1978, der 3:2-Triumph bei der Fußball-WM in Argentinien - von der jüngeren Generation oft belächelt - ist ein wichtiger Bestandteil der österreichischen Identität.

Österreich: Nicht zu groß und nicht zu klein ...
Aber sollten es die Österreicher übertreiben, gab es Künstler wie Helmut Qualtinger („Herr Karl“), Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek, die uns gern den Spiegel vorhielten. Denn auch der jahrzehntelange „Opfermythos“ (Österreich als erstes Opfer Hitlerdeutschlands) schaffte eine Identität, die erst mit der Affäre Waldheim aufzubrechen begann. Eine kritische Auseinandersetzung mit Österreich hatte eingesetzt. Wir sind nicht so groß, wie es mancher gerne hätte. Aber auch nicht so klein, wie viele glauben. So sind wir. Und das ist gut so.

Einige Bilder aus unserem schönen Land:

„Österreicher sind realitätsbewusst“
Der Historiker Oliver Rathkolb hat das österreichische Wesen intensiv studiert.


„Krone“: In ihrem Buch „Die paradoxe Republik“ schreiben Sie, dass nationale Identitäten ständig im Fluss sind. Wie sieht es bei uns aus?
Oliver Rathkolb: Momentan sind die Bundesländeridentitäten als Schutzwall vor allen globalen Bedrohungen, wie Migration oder Umweltkatastrophen, angestiegen. Obwohl in der politischen Realität nur die internationale Zusammenarbeit und ein entsprechendes Engagement einer Regierung Lösungen im Interesse Österreichs bringen können.

Es gibt einen Minderwertigkeitskomplex trotz starkem Patriotismus und Akzeptanz des Kleinstaats. Warum?
Das Trauma der Weltkriege und der Zwischenkriegszeit hat sich bei uns noch immer tief als Angstgefühl eingegraben. Dies hat sich zum Beispiel bei der Finanzkrise 2008 deutlich gezeigt, als 1929 stets präsent war. Dabei wird übersehen, dass es noch nie den Menschen hier so gut gegangen ist. Eine Bildungsrevolution würde helfen, diese Ängste und Pessimismus zu überwinden.

Die Zustimmung zur EU ist sehr hoch. Steht das noch im Widerspruch zu einer regionalen Identität?
Tief im Inneren hat Österreich trotz aller regionaler emotionaler Verankerung ein Realitätsbewusstsein, das durch aktuelle Krisen gestärkt wurde, obwohl die gestaltende Politik leider diesen Trend der EU-Akzeptanz nicht aktiv unterstützt. In diesem Sinn hat die Gesellschaft in Österreich mehr politischen Weitblick als viele der gewählten Repräsentanten.

Kronen Zeitung, Clemens Zavarsky

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