19.09.2019 07:00 |

Neues Album „Charli“

Charli XCX: „Ihr könnt mich lieben oder hassen“

Fünf Jahre nach ihrem Debütalbum „Sucker“ veröffentlichte der in Amerika wohnhafte, britische Popstar Charli XCX unlängst sein zweites Album. Gereift und geläutert zeigt sich die 27-Jährige von ihrer einnehmenden Seite und propagiert Liebe, Gemeinschaft und Feminismus. Nicht zuletzt sind ihr in der Zusammenarbeit mit Stars wie Lizzo, Troye Sivan oder Sky Ferreira Botschaften für die LGBTQ-Community wichtig.

Wer erinnert sich nicht an die Sommermonate 2012, als die Clubs in ganz Europa „I Love It“ spielten, diesen eindringlichen Popsong mit unwiderstehlichem Beat des Schweden-Duos Icona Pop. Zwei Jahre später schmachtete Schmusebarde James Blunt „When I Find Love Again“ aus dem Äther, Selena Gomez spürte 2015 die „Same Old Love“ und „Señorita“ von Shawn Mendes und Camila Cabello schaffte diesen Sommer sogar das seltene Kunststück, mit beneidenswerter Mühelosigkeit gleichermaßen den amerikanischen, britischen und deutschen Chartthron zu besteigen. Was all diese so unterschiedlichen wie hittauglichen Kompositionen gemeinsam haben? Sie stammen aus der Feder der britischen Songwriterin Charlotte Aitchison, hierzulande besser bekannt als Charli XCX.

Über die Jahre gestählt
Mit ihrem untrüglichen Gespür für Hits und dem goldenen Händchen, die richtigen Songs zum richtigen Zeitpunkt zu schreiben, ist die 27-Jährige aus dem Mainstream-Pop-Business nicht mehr wegzudenken. Ihr eigenes Debütalbum „Sucker“ liegt schon fünf Jahre zurück, hatte mit „Boom Clap“ und „Break The Rules“ zwei Ohrwurm-Singles am Start, brachte die Vollblutmusikerin mit dem Topfschnitt aber nicht so sehr ins Rampenlicht, wie es sich so mancher erwartet hätte. Die frühen Interviews absolvierte sie - je nach Lust und Laune - schüchtern oder verkatert, Touren mit den Pop-Weltmarktführerinnen Katy Perry und Taylor Swift stählten Charli in mehrfachem Sinne. Einerseits war sie leibhaftige Zeitzeugin, wie man in diesem Jahrtausend für überdimensionale Popspektakel sorgt, andererseits erlernte sie die nötige Routine und Abhärtung, um sich vom Haifischbecken Musikbusiness nicht zerfleischen zu lassen.

Sie ist längst vom kalten britischen Hertfordshire in die US-Musikmetropole Los Angeles gezogen, hat sich musikalisch als auch menschlich von alten Dogmen befreit und emanzipiert und feiert nun, fünf lange Jahre nach dem Debüt, mit dem schlicht „Charli“ betitelten Zweitwerk eine Pop-Rückkehr, wie man sie nicht allerorts mehr von ihr erwartet hätte. Freilich, faul war sie in der Zwischenzeit nicht. Neben den vielen Kollaborationen veröffentlichte Charli eine EP, zwei Mixtapes und tourte ohne Unterlass über die Kontinente. Und zwar nicht nur mit den beiden zuvor genannten Größen, sondern auch mit Halsey und Sia. Dazu entdeckte sie ihre Liebe für das Filmgeschäft und begann für David Guetta, Nasty Cherry oder sich selbst Musikvideos zu drehen. „ich bin in den letzten fünf Jahren einfach erwachsen geworden“, erzählt sie uns am Rande ihres Auftritts beim diesjährigen Frequency Festivals im „Krone“-Interview, „ich habe herausgefunden, was ich vom Leben will.“

Mehr als bloß Floskeln
Charli hat für ihr zweites Album mit dem mutig-leichtbekleideten Cover-Artwork zwar keine inhaltliche Radikalumkehr gemacht, sich aber so stark wie nie zuvor der LGBTQ-Community angeschlossen. Gleichberechtigung, Feminismus, Gemeinschaft und Liebe sind nicht willkürlich aneinandergereihte, bloße Floskeln. Vielmehr sind es durchdringende Botschaften, mit denen sich die Künstlerin in Form zahlreicher Kooperationen lautstark an die Außenwelt wendet. „Mir ist es einfach wichtig, den Hörern etwas mitzugeben und ich bin auf dem Album so ehrlich wie nie zuvor. Ich habe sehr viele Fans und Freunde aus der LGBTQ-Community, die mir sagen, dass ihnen meine Musik dabei hilft, ihre Identität herauszufinden. Das ist für mich ein sehr spezielles und großartiges Kompliment, auf dem ich das Album schlussendlich aufgebaut habe.“

So bunt wie das Album musikalisch ausgefallen ist, ist schlussendlich auch die Gästeschar, die Charli dafür integriert hat. Die eingängigsten Songs entstanden mit Troye Sivan („1999“) und der Senkrechtstarterin Lizzo („Blame It On Your Love“), dazu tummeln sich unter anderem noch Transfrau Kim Petras, Alternative-Liebling Christine And The Queens, die vor allem in den USA populäre Frauenband Haim und Sky Ferreira auf dem Album. Gängiger Mainstreampop mit Hit-Appeal ist dabei nur bei den beiden erstgenannten Songs der Fall, ansonsten mäandert Charli mehr oder weniger gekonnt durch verschiedenste Substile und versucht oft so zwanghaft dem Zeitgeist zu entsprechen, dass es manchen Songs schlicht an der kompositorischen Nachvollziehbarkeit fehlt. „Aus der Arbeit mit anderen Menschen entsteht immer etwas Magisches“, fügt sich hinzu, „bei den Kollaborationen ging es mir um Freundschaften und eine gute Atmosphäre. Sky kenne ich seit acht Jahren und mit CupcakKe habe ich jetzt das dritte Mal zusammengearbeitet. All die Gäste auf dem Album sind auf ihre eigene Art und Weise brillant und von derart brillanten Menschen fühle ich mich automatisch angezogen.“

Große Umklammerung
Mit ihrem avantgardistischen Zugang zu Musik schafft Charli schlussendlich aber ein seltenes Kunststück. Sie kann den Mainstream und die Indie-Szene in skurriler Art und Weise gleichermaßen umklammern, ohne sich zu sehr anzubiedern und die eine Seite auf Kosten der anderen zu überdrehen. Stilistisches Nischendenken ist der Weltbürgerin ohnehin fremd. „Musik zu schreiben und zu kreieren ist für mich wie eine Erfüllung. Es gibt eigentlich nichts, was ich lieber tue. Für mich ist die Musik ein Platz der Sicherheit, in dem ich mich mit Gleichgesinnten vereinen kann.“ Die Rolle der Kuratorin und Kollaborateurin behagt Charli XCX ganz ausgezeichnet, doch solange sie die größten Hits anderen auf den Leib schreibt, wird die Liga Perry/Swift unerreichbar bleiben. Möglicherweise ist das aber auch ganz ihren Wünschen nachempfunden. „Mir ist wichtig, dass die Leute meine Musik entweder lieben oder hassen. Es gibt keinen Platz für die Mitte. Mir ist es eindeutig lieber, wenn ich polarisiere.“

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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