09.09.2019 06:30 |

Keine Hektik

Paradies im Atlantik: Obrigado, Madeira!

Vier bis sechs Flugstunden entfernt - je nach Flugverkehr über Europa - liegt ein kleines Paradies im Atlantik. Blumeninsel, Insel des ewigen Frühlings wird sie genannt. Stimmt alles. Aber Madeira ist noch viel mehr: etwa „Maracuja-Land“ oder ein Wander-Paradies ...

Ganz offen gebe ich es zu: Ich habe mich in Madeira verliebt. Und ich werde wieder hinfliegen, auch wenn Fliegen nicht ganz so meine Sache ist. Und so kam es auch recht ungelegen, dass unser AUA-Airbus, der sommers zweimal die Woche direkt von Wien Funchal ansteuert, einmal wegen zu viel Flugverkehr über Europa und einmal wegen zu wenig Fluglotsen Umwege machen musste; rund um Mallorca und Madrid; retour mit einem Abstecher über Paris. Der „Final approach“, also der Endanflug, kann dann auch noch was: die vielleicht spektakulärste 180-Grad-Kurve direkt zur auf Stelzen gebauten Landebahn – und wir sind da. Endlich.

Madeira nimmt dich gefangen
Die Hektik geht zurück, es gibt nur eine einzige Autobahn, sonst geht’s überall nur bergauf und bergab, das Wetter wechselt im Stundenrhythmus, und es grünt und blüht überall.

Während die prächtige Hauptstadt Funchal den Besucher mit weltläufigem Flair umfängt, mit Promenaden, herrlicher Altstadt, traumhaften Cafés, netten Boutiquen und quirligem Leben, geht’s ein paar Kilometer außerhalb gleich beschaulicher zu. In Porto da Cruz etwa, wo die Rumfabrik die größte Attraktion ist, werben gerade einmal vier Restaurants um Gäste - wobei eines besser ist als das andere und das typische „Bolo do Caco“, das Süßkartoffelbrot mit Knoblauchbutter, sich in Nuancen, aber doch unterscheidet.

Gegen 22 Uhr werden die Gehsteige hochgeklappt und nachdem der Chefkellner wenig später sein Motorrad aus dem Dorf getrieben hat, ist nur noch die Brandung des Atlantiks zu hören und das Klappern der Millionen Vulkansteinchen, die von den Wellen bewegt ein eigenartiges Konzert anstimmen.

Zeit, sich in die Fluten zu stürzen, auch wenn der Atlantik halt nie Temperaturen erreichen wird wie eine Adria. Außer im Nordwesten Madeiras, in Porto Moniz, wo die Wellen große Lavabecken aus dem Uferfelsen geleckt haben. Ausgebaut zu einem Natur-Strandbad, lässt es sich hier herrlich einen Badetag genießen, bis das Wetter wieder einmal umschlägt.

Das macht auf Madeira übrigens gar nichts, wenn man einen Leihwagen hat. Denn überall gleich ist das Wetter hier nie: Sonne im Süden, Wolken im Norden, Badewetter am Strand, Nebelschwaden in den Bergen. Ja, die gibt es hier auch, und was für welche. Steile Hänge wechseln mit lieblichen Wäldern, Hochwiesen mit Schluchten. Diese zu erkunden, machen wir uns eine von Menschenhand über Jahrhunderte weg geschaffene Einrichtung zunutze: Levadas, Kanäle, die über die ganze Insel ziehen, Wasser von dort, wo es im Überfluss vorhanden ist, dahin leiten, wo Mangel herrscht. Hunderte Kilometer messen sie in Summe, führen an Hängen entlang und sogar durch Tunnels und bieten Wanderern unvergessliche Erlebnisse.

Unvergesslich sind auch die Geschmäcker der Insel, allen voran die der Früchte. Wer hier auf dem sonntäglichen Bauernmarkt in Santo Antonio da Serra die kleinen Bananen verkostet, wird nie wieder andere wollen. Und vor allem die Maracuja (sprich Marakuschah) hat es mir angetan; diese Vielfalt ist umwerfend. Wobei – und da sei auch die einzige Kritik an dieser Insel vermerkt: der berühmte Markt Mercado dos Lavradores gaukelt dem unbedarften Reisenden auch einiges vor; da dürften die gewieften Händler bei ihren Verkostungen doch ein wenig nachhelfen; Zuckersirupe seien im Einsatz, wird gemunkelt. Sei’s drum, sehens- und kostenswert ist es allemal.

So wie auch die botanischen Gärten wie der Jardim Tropical Monte Palace, direkt unter der Kirche Nossa Senhora do Monte, die das Grabmal von Österreichs letztem Kaiser Karl in sich birgt, der im Exil auf Madeira verstarb. Österreichische und ungarische Fähnchen auf den Gittern verraten, dass er vielen unvergessen zu sein scheint.

In Monte stehen Urlauber aber auch wegen eines Touristenspektakels Schlange: der Korbschlittenfahrt auf der öffentlichen Straße. Zwei Kilometer weit dirigieren weiß gewandete „Carreiros“ ihre urigen Gefährte mit mehr oder weniger johlenden Insassen talwärts. Kann man machen, muss man aber nicht; so wie die Fahrten mit den Seilbahnen quer über die Hauptstadt, für die Pauschaltouristen in eigens errichteten Schneckenaufgängen geduldig anstehen.

Eine Woche Madeira ist wie drei Wochen in einer anderen Welt, aber doch irgendwie europäisch vertraut, fassen wir zusammen und wissen heute schon, dass ein weiterer Aufenthalt nicht langweilig werden wird. Hier, vor der Küste Nordwestafrikas, wo so gut wie nie Extremwetter belastet und sich die Milde des Klimas anscheinend auch in die Herzen der Menschen eingenistet hat.

Auf dem Flughafen, der nach dem weltbekannten Sohn der Insel, Cristiano Ronaldo, benannt ist, sage ich nur leise: Obrigado, danke, Madeira.

Hannes Mößlacher, Kronen Zeitung

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