05.09.2019 06:00 |

Wie süchtig sind wir?

Facebook, Instagram: Ein „Like“, sie zu knechten

Die Jagd nach Daumen, Herzerl oder lachenden Smileys in sozialen Netzwerken: Was oft als bloßer Zeitvertreib abgetan wird, kann schnell zur Sucht werden. Besonders, wenn der Bezug zur realen Welt verloren geht und der „Like“ als einzige soziale Anerkennung gesehen wird. Selbst Facebook hat die Gefahr, die diese Abhängigkeit mit sich bringt, bereits erkannt und überlegt sogar, die Anzahl der „Gefällt mir“-Angaben nicht mehr öffentlich sichtbar zu machen.

Ein lauschiger Sommerabend irgendwo in Österreich. Eine lustige Runde sitzt beisammen. Die Stimmung ist gut, irgendwann zückt irgendwer das Handy und schießt ein Foto. Das ist schnell gepostet, und bereits Minuten später fragt der Erste: „Wie viele ,Likes‘ haben wir schon?“ Eine wahre Begebenheit, die sich keinesfalls in einer Teenagerrunde zugetragen hat. Aber: Sie zeigt, wie stark die sozialen Netzwerke auch unser reales Leben beeinflussen.

Ohne Internet geht nichts mehr
So weit, so alltäglich. Ohne das Internet und seine modernen Kommunikationskanäle geht heute so gut wie nichts mehr. Oder können Sie sich einen Büroalltag ohne E-Mails vorstellen? An und für sich kein Problem - solange der Bezug zum „echten“ Leben nicht verloren geht oder gar Suchtverhalten entsteht. Doch genau davor warnen Forscher seit Jahren - und seit Kurzem auch die Betreiber der sozialen Netzwerke selbst.

Ein Sprecher von Facebook bestätigte mittlerweile, dass man überlege, die Zahl der „Likes“ bzw. „Gefällt mir“-Angaben nicht mehr öffentlich anzuzeigen. In dem zu Facebook gehörenden Fotodienst Instagram testet man dieses System, bei dem nur der User selbst, nicht aber alle anderen, die Anzahl der „Likes“ sieht, in einigen Ländern.

Dennoch: Ein Entfernen der öffentlichen Anzeige hilft bestenfalls den anderen Nutzern, nicht aber dem Betroffenen selbst, denn der wird weiterhin seinen „Likes“ hinterherjagen. Selbst der Erfinder des „Gefällt mir“-Buttons, Justin Rosenstein, bezeichnete soziale Medien und ihre Funktionen als „etwas, das zu sehr abhängig macht“.

Negative Auswirkungen auf mentale Gesundheit
Welche Auswirkungen der Wegfall dieses „Statussymbols“ hat, ist allerdings unklar. Natürlich erzeugt die Messung der „Gefällt mir“-Angaben Druck, möglichst populäre Inhalte einzustellen, die viel Interaktion erzeugen. In den vergangenen Jahren hatten Studien über den Einfluss von sozialen Netzwerken gezeigt, dass Instagram eine negative Wirkung auf die mentale Gesundheit seiner Nutzer haben kann. Eine US-Studie des „Pew Research Center“ aus dem Jahr 2018 fand heraus, dass fast 40 Prozent der Jugendlichen auf Instagram sich unter Druck setzten, nur Inhalte zu veröffentlichen, von denen sie sich möglichst viele Reaktionen erwarten.

Debatte um Strache-Facebook-Seite
Auch in der Politik, speziell im Wahlkampf, sind die sozialen Netzwerke nicht mehr wegzudenken. So sorgte zuletzt die Facebook-Seite von Ex-Parteichef Heinz-Christian Strache sogar FPÖ-intern für Debatten. Nach der Ibiza-Affäre hätten die Freiheitlichen ihrem Ex-Chef wohl gerne ein etwas diplomatischeres Posting-Verhalten vorgeschrieben. Doch der hatte daran wenig Interesse.

Ein „Like“, sie zu knechten …
Einen Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden …“, schrieb J.R.R. Tolkien in seinem Roman „Herr der Ringe“ über den „einen Ring der Macht“, das Objekt der Begierde von Gut und Böse in Tolkiens Fantasy-Welt. Wie sehr knechten uns die sozialen Netzwerke und die Jagd nach „dem einen Like mehr“ tatsächlich? Und wann beginnen wir, unsere realen Kontakte zu vernachlässigen und in die virtuelle Welt abzudriften?

Seit 2018 listet die Weltgesundheitsorganisation WHO die Sucht nach Onlinespielen in ihrem Diagnosekatalog als Krankheit. Ab wann Social-Media-Nutzungsverhalten als „problematisch“ eingestuft wird, dazu hüllt sich die WHO allerdings in Schweigen. Experten streiten zudem darüber, ob die „Sucht nach Likes“ ein eigenes Krankheitsbild darstellt oder lediglich ein Symptom anderer psychischer Erkrankungen ist. Solange hier keine Klarheit herrscht, wird es schwer, Betroffenen zu helfen - da man ja nicht einmal genau sagen kann, wer eigentlich betroffen ist.

„Like-Wegfall könnte zu mehr Authentizität führen“
Einen positiven Aspekt der nicht-öffentlichen Anzeige von „Gefällt mir“-Angaben sieht Barbara Buchegger, pädagogische Leiterin der Plattform saferinternet.at, wie sie im Gespräch mit krone.at erläutert.

krone.at: Was könnten die Auswirkungen sein, sollte Facebook wirklich die „Gefällt mir“-Anzahl nicht mehr öffentlich anzeigen?
Barbara Buchegger: Also, ich selber kann ja auf meinem Profil weiterhin sehen, wie viele „Likes“ mein Foto bekommt. Aber natürlich müsste man wieder anfangen, sich selber ein objektiveres Bild zu machen, weil man ja auf den Profilen von anderen nicht sieht, was am meisten geliked wird. Das wäre schon ein wichtiger Schritt, weg vom Mainstream.

Wieso Mainstream?
Weil das ein starkes Phänomen in sozialen Netzwerken ist. Auf Instagram müssen ja alle Sonnenuntergänge oder das Essen gleich ausschauen und die gleichen Anforderungen erfüllen, damit sie positives Feedback bekommen.

Das Problem, dass die Menschen sich über die „Gefällt mir“-Angaben definieren, löst man aber damit nicht …
Nein, das nicht, weil man selber ja trotzdem weiterhin weiß, wie viele „Likes“ man bekommt. Aber ich löse das Benchmarking zu anderen, also dass man sich permanent im Wettbewerb befindet. Damit könnte man den Schritt hin zu mehr Authentizität machen.

Ab wann wird Social-Media-Nutzung problematisch?
Da müssen wir noch gar nicht von Suchtverhalten sprechen. Problematisch ist es dann, wenn ich als Person merke, dass alle meine Gedanken darum kreisen. Wenn das Instagram-Foto das Erste ist, was ich im Kopf habe, dann muss ich mir selbst als Person überlegen, wie ich wieder zu mir komme.

Sind hier Jugendliche mehr betroffen?
Das ist weniger eine Sache des Alters, sondern eher eine Sache der Medienkompetenz. Wir erleben auch zunehmend Kinder, die ihre Eltern maßregeln, weil sie permanent am Handy hängen. Gemeinsames Reflektieren hilft hier sehr. Natürlich hängen Jugendliche auch am Handy. Aber dann liegt es bei den Eltern, eine sinnvolle Nutzung vorzuleben.

Michaela Braune
Michaela Braune
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