09.07.2019 01:15 |

Metastadt-Premiere

The 1975: Von allem etwas, von nichts komplett

Bei angenehmen Temperaturen und einer reichhaltigen Portion an starker Musik aus dem Indie-Segment ging Montagabend vor rund 3.500 Zusehern die Premiere der neuen Wiener Open-Air-Location Metastadt über die Bühne. Ein mehr als gelungener Auftakt, der Lust auf mehr macht.

Vorfreude und Spannung hielten sich in den letzten Wochen die Waage. Nach langer Zeit war wieder einmal richtig frischer Veranstaltungswind angekündigt. Die Metastadt im 22. Wiener Gemeindebezirk, vornehmlich bekannt durch einen traditionellen Flohmarkt, soll das mehr als dürftige Open-Air-Angebot Wiens (das vornehmlich aus dem wundervollen Arena-Gelände besteht) kräftig aufwerten und im besten Fall ein Mekka für den kunterbunten Musikgeschmack werden. Das engagierte Team von Arcadia Live arbeitete monatelang akribisch an der großen Premiere, die eigentlich gleich dreifach über die Bühne geht und (vorerst) Einzelkonzerte und kein Festival darstellen. Vom Hypefaktor hat man montags auf das richtige Pferd gesetzt. Die Indiepop-Durchstarter The 1975 sind so etwas wie die Sprachrohre einer ganzen Generation sensibler Jugendlicher, die teilweise schon am Vorabend auf dem bitterkalten Asphalt nächtigten, um ihren Helden möglichst nahe kommen zu können.

Bewusstseinsschaffung
Bevor aber die Musik endgültig über das Gelände wabert und sich seiner Prüfung stellt, ist eine grobe Geländeorientierung notwendig. Wie vom Veranstalterteam bereits aus Wiesen bekannt, ist das kulinarische Angebot im höheren Qualitätssegment angesiedelt. Statt vor fett triefender Pizzaschnitten gibt es gemüsedurchzogene Wraps, eine beträchtliche Anzahl an Burgern mit und ohne Fleisch und Pommes Frites mit verschiedenen Saucenkreationen. Für die ganz Mutigen besteht die Möglichkeit einer Insektenverkostung oder der Genuss von Schnecken in unterschiedlichster Zubereitung. Mit hoher Frequenz ist dort nicht zu rechnen, die Neugierde hat aber bei so manchen gesiegt - umgefallen ist am Ende auch keiner. In der liebevollen Gestaltung gibt es für ein prognostiziertes da capo 2020 aber sicher noch etwas Luft nach oben. Der Merchandise-Stand ist zu versteckt und der Kreativität der Stände könnte man noch etwas mehr Flair beimengen. Positiv: Der Hashtagprinter für die Generation Instagram, die ihre Influencer-Bilder somit analog mit nach Hause nehmen kann und das Bewusstsein, gegen etwaige sexuelle Übergriffe eine kompetente Anlaufstelle zu haben. Bei weitem keine Selbstverständlichkeit in der einheimischen Konzertlandschaft.

Den musikalischen Reigen eröffnet spätnachmittags das Indie-Kollektiv The Japanese House rund um Amber Bain. Die verträumten, melancholisch angehauchten Songs, die gerne zwischen Dream Pop und Electro-Versatzstücken mäandern, haben letztes Jahr wunderbar in das mäßig gefüllte Wiener Fluc gepasst, auf der imposanten Open-Air-Bühne vor einer stattlichen Anzahl an Besuchern verpuffen manche Soundeffekte aber zu sehr. Die introvertierte Sängerin, die seit ihrem Karrierebeginn eng mit The 1975 zusammenarbeitet und erst diesen März nach vier EPs und etwas zu ambitioniertem Perfektionismus ihr Debütalbum veröffentlichte, fühlt sich mit ihrer trittsicheren Band immer besser in den Gig ein und gewinnt die Herzen für sich. Der Kontrast zu den Nordiren von Two Door Cinema Club könnte aber nicht ärger sein. Frontmann Alex Trimble und seine beiden ihn unterstützenden Jugendfreunde feiern das Leben mit Electro, Disco und ganz viel Tanz. Ihr aktuelles Album „False Alarm“ stellte eine klangliche Zäsur im kreativen Schaffen dar. Nach längerem Experimentieren hat das Trio die Indie-Schule abgeschlossen und lässt- angenehmerweise - nun lieber die Sau raus.

Zurück zum Mystizismus
Mit „Dirty Air“, „Talk“ und „Satellite“ gibt’s im Endeffekt aber doch nur drei der flotten Songs am Menüplan. Womöglich hat die Vorsicht, den alten Fans nicht zu sehr mit dem Hintern ins Gesicht zu fahren, die Abenteuerlust noch reguliert. Spätestens bis zur erwartenden Hallentour im kommenden Winter/Frühling sollte sich aber auch dahingehend was tun. Trimble lädt mit lila Sakko und stets am Weinglas nippend in eine wohlige Welt des Eskapismus. Bühnen- und Privatpersonen unterscheiden sich hier bewusst beträchtlich. Schon im Interview davor mit der „Krone“ sagt der Frontmann: „Die Musik verliert immer mehr das Mystische, was vor allem an den sozialen Medien liegt. Wer will denn seinen Lieblingsmusiker beim Gassi gehen mit dem Hund sehen? Auf der Bühne bist du anders, das ist wichtig für das ganze Musikgeschäft.“ Das Schotterfeld vor der Bühne wird auch mit den alten Indie-Hadern zur staubigen Tanzfläche. Erlaubt ist, was Spaß macht und Spaß haben hier alle. Noch etwas mehr Mut zur neuen Identität, und die nächste Karrierestufe kann erklimmt werden.

The 1975 lassen sich für ihren Auftritt zehn Minuten länger Zeit als geplant, doch wer schon eine fröstelnde Nacht für seine Helden am harten Granitboden übersteht, der lässt sich auch in der Endphase nicht mehr aus der Ruhe bringen. Über die letzten Jahre haben der charismatische Frontmann Matt Healy und Co. unheimlich viel Routine gesammelt. Vom Flex über ein restlos ausverkauftes Arena-Open-Air geht es nun vor rund 3.500 Fans in die Metastadt - das alles innerhalb von sechs Jahren. Schuld daran ist einerseits das famose aktuelle Album „A Brief Inquiry Into Online Relationships“ und andererseits das Glück, den Nerv einer ganzen Generation getroffen zu haben. Healy, der sich und seine Band selbst gerne als „Emo“ bezeichnet, vermischt in seinen Texten Persönliches, Globales und manchmal auch Fantastisches. Das alles verpackt er in eine nicht zu kategorisierende Melange aus Pop, Rock, Funk, Indie, Soul und sogar Jazz, die sich von überall etwas ausborgt und es zu etwas Originärem wachsen lässt.

Mehr Potenzial da
„In erster Linie bin ich selbst einfach der größte Musikfan auf Erden“, gibt Healy uns in einem Interview Einblick ins persönliche Seelenleben, „all diese Einflüsse, die viele Musik, die ich absorbiere, kommt gefiltert aus unseren Instrumenten wieder raus.“ So changieren The 1975 irgendwo zwischen Prince, Coldplay, Franz Ferdinand oder Autotune-Versatzstücken, ohne dabei an Authentizität einzubüßen. The 1975 sind von allem etwas, aber von nichts komplett. Die vornehmlich jungen Hörer lernen aber durch Healy die alten Helden kennen. Er ist die Ursprungsquelle für juvenile Musikhistorie-Recherche. Dass er das Konsumieren von weichen Drogen im Publikum verharmlost, ist dabei der wildeste Rock’n’Roll-Part einer handzahmen, aber extrem professionellen Show. Eine kurze Kritik an die rechte Europapolitik verpufft fast, dann wird mit den zwei Backgroundtänzerinnen wieder synchron gehüpft. Ein würdiger Abschluss für einen würdigen Auftakt. In Band und Festivalgelände steckt aber noch mehr Potenzial.

Weiter geht es heute, Dienstag, mit den Rockern von Greta Van Fleet. Am Donnerstag, 11. Juli, wird HP Baxxter mit seinem Lebensprojekt Scooter wieder die alles entscheidende Frage „How Much Is The Fish?“ stellen. Auch wenn Edeka uns die Antwort geliefert hat - finden Sie sie persönlich raus! Karten für beide Events wird es an der Abendkassa geben.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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