12.05.2019 09:00 |

Experte im Interview

Soziale Roboter: Wie Maschinen menschlicher werden

Werden Roboter in Zukunft allgegenwärtiger Teil unserer Gesellschaft sein, sich mit uns unterhalten und uns im Alltag unterstützen? Beim schwedischen Robotik-Start-up Furhat Robotics ist man davon überzeugt und arbeitet an einem „sozialen Roboter“, mit dem man sich unterhalten kann wie mit einem Menschen.

Geht es nach seinen Entwicklern, soll der soziale Roboter Furhat in viele Bereiche der Gesellschaft vorstoßen und die Interaktion mit Computern persönlicher gestalten.Wir haben am Rande des Wiener Start-up-Festivals Pioneers bei Furhat-Manager Varun Atrey nachgefragt, was den sozialen Roboter ausmacht und wie weit die Entwicklung fortgeschritten ist.

„Krone“: Bei Furhat Robotics entwickeln Sie eine soziale Robotikplattform. Was ist denn ein sozialer Roboter?
Varun Atrey: Einfach ausgedrückt, ist Furhat ein sozialer Roboter, der mit uns Menschen wie mit jedem anderen kommuniziert, indem er zuhört, spricht, Augenkontakt hält und Emotionen ausdrückt. Verbale Kommunikation und soziale Interaktion sind Fähigkeiten, die wir in Tausenden von Jahren entwickelt haben, und da sie für uns so selbstverständlich sind, gibt es wenig bis gar keine Lernkurve. Indem sie mit uns so kommunizieren, wie wir es miteinander tun, haben soziale Roboter die Fähigkeit, sich auf tiefere und sinnvollere Weise mit uns zu verbinden und potenziell die Barrieren zwischen Mensch und Technologie zu beseitigen.

Können Sie uns weitere Details zu Ihrer Plattform mitteilen?
Sozialroboter haben unzählige Anwendungen in so unterschiedlichen Branchen wie Gesundheitswesen, Transport, Ausbildung, Kundenservice und Personalbeschaffung. Jeder dieser Anwendungsfälle ist sehr unterschiedlich und erfordert Spezialwissen und viele Ressourcen. Anstatt uns auf eine oder zwei Branchen zu konzentrieren, haben wir die strategische Entscheidung getroffen, die Software, Hardware und Tools zu entwickeln, die für den Aufbau leistungsfähiger Konversationserfahrungen erforderlich sind, während wir mit einigen der weltweit innovativsten Unternehmen und Entwicklern zusammenarbeiten, um diese Anwendungen auf den Markt zu bringen. Wir sind auch der Meinung, dass wir, damit die Technologie ihr volles Potenzial entfalten kann, eine sehr enge Integration zwischen Hard- und Software benötigen. Stellen Sie sich die Situation ähnlich vor wie bei der Entwicklung und Markteinführung des iPhones durch Apple. Indem wir das gesamte Ökosystem besitzen, können wir ein Produkt von weitaus höherer Qualität liefern als Unternehmen, die nur die Hard- oder Software herstellen.

Welche Hauptschwierigkeiten gibt es bei der Entwicklung von Robotern für die Interaktion mit Menschen?
Kognitiv sind wir am aktivsten in einem Gespräch mit einer anderen Person, was uns auch extrem sensibel für kleinste Unvollkommenheiten und Fehler macht. Zum Beispiel sind wir viel weniger empfindlich gegenüber schlechten Benutzererfahrungen in einer mobilen App als beim Gespräch mit einem digitalen Assistenten wie Siri. Deshalb ist die Entwicklung reibungsloser, natürlicher Wechselwirkungen eine so schwierige Herausforderung.

Die meisten alltäglichen Gespräche sind sehr flüssig und ungeplant. Wir wechseln häufig Themen, reden miteinander, erwarten, dass sich der andere an etwas erinnert, was wir vor Wochen gesagt haben, oder verwenden Handgesten je nachdem, woher wir kommen, unterschiedlich. All dies macht die Entwicklung von Berechnungsmodellen für Gespräche sehr schwierig. Wenn jedoch alles zusammenkommt, ist die Erfahrung wirklich anders als jede andere.

In welchen Situationen werden wir in Zukunft auf soziale Roboter treffen?
Wir glauben, dass soziale Roboter die größte Wirkung haben werden, wo wir Menschen durch weniger intuitive und weniger soziale Technologien wie Touchscreens und Computer ersetzt haben. So testen wir beispielsweise Furhat derzeit gemeinsam mit der Deutschen Bahn am Frankfurter Flughafen. Wenn Sie an die meisten modernen Flughäfen oder Bahnhöfe denken, hat man das Kundendienstpersonal dort durch interaktive Kioske und Schilder ersetzt. Soziale Roboter, die ein Gesicht haben, mehrere Sprachen sprechen oder Empathie zeigen, sind eine viel bessere Lösung als die kalte, transaktionale Technologie, die heute auf der ganzen Welt weit verbreitet ist.

Ein weiteres Beispiel ist die Personalbeschaffung. Gemeinsam mit der schwedischen Personalagentur TNG entwickeln wir den weltweit ersten unvoreingenommenen Interviewroboter. Die Idee hier ist, einen Roboter zu entwickeln, der weniger voreingenommen ist als Menschen in den frühen Phasen eines Rekrutierungsprozesses, in dem Fragen auf Fähigkeiten und Kompetenzen basieren. Dann gibt es noch die digitale Gesundheitsversorgung. Im Dezember 2018 haben wir gemeinsam mit der Merck-Gruppe „Petra“, den weltweit ersten medizinischen Screening-Roboter, getestet. Petra ist ein sozialer Roboter, der im öffentlichen Raum eingesetzt werden kann und bei der Früherkennung von Krankheiten wie Diabetes, Schilddrüsenunterfunktion und Alkoholismus hilft. Dies sind nur einige wenige Beispiele, es gibt buchstäblich Tausende von Möglichkeiten, wie Roboter Teil unserer Gesellschaft werden.

Robotern fehlt es an Empathie: Wie trainiert man sie, menschliche Gefühle zu lesen?
Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, das aktuelle Empfinden eines Menschen zu beurteilen, wie zum Beispiel Tonalität, Volumen, Tonhöhe, Tonhöhe, Mimik und Körperhaltung. Zum Beispiel könnten wir Roboter ausbilden, um Hilfe anzubieten, wenn jemand gestresst aussieht. Ob das ausreicht, um als „Empathie“ zu gelten, kann natürlich diskutiert werden. Dazu bedarf es auch vieler authentischer Trainingsdaten, die schwer zu bekommen sind.

Wie sieht es mit der Akzeptanz aus? Wo sind Roboter erwünscht, in welchen Situationen wäre es besser, beim Menschen zu bleiben?
Letztendlich besteht die Rolle der Technologie darin, der Menschheit zu dienen. In Zukunft sollten Roboter in der Lage sein, alltägliche Aufgaben zu übernehmen, damit wir uns auf sinnvollere und kreativere Aufgaben konzentrieren können.

Dominik Erlinger
Dominik Erlinger
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