Sa, 20. Oktober 2018

Französin zu krone.at:

23.09.2018 10:20

„Darum will ich nicht älter als 76 Jahre werden“

Eine 74-jährige Französin gibt ihrem Leben ein Ablaufdatum - diese Meldung hat viele unserer Leser schockiert. Wie kann man an Sterbehilfe denken, wenn man weder eine tödliche Krankheit hat noch ans Bett gefesselt ist und offensichtlich ein erfülltes, schönes Leben hat? krone.at hat sich mit der 74-jährigen Jacqueline Jencquel unterhalten, die sagt: „Ich möchte nicht älter als 76 Jahre werden.“

Es war nie die Absicht von Jencquel, mit ihrer persönlichen Entscheidung an die breite Öffentlichkeit zu gehen, sagte die 74-Jährige im Gespräch mit krone.at: „Es hat alles mit einem Blog angefangen. Den hat ein Journalist entdeckt und aufgegriffen. Das hat alles verändert.“

„Ich bin viel zerbrechlicher als früher“
Sie ärgert sich seitdem, dass viele Medien ihren Fall falsch darstellen. „Ich bin nicht kerngesund, wie viele schreiben“, stellt sie klar. Neben kleinen, altersbedingten Blessuren mache ihr vor allem ihre Osteoporose schwer zu schaffen. „Mein Knochengerüst zerbröckelt langsam. Immer wieder brechen meine Wirbel, heilen wieder, brechen dann erneut. Ich bin viel zerbrechlicher als früher.“ Auch das Gedächtnis lasse sie immer öfter im Stich. „Beispielsweise gehe ich aus dem Supermarkt und habe vergessen, ob ich überhaupt bezahlt habe“, so Jencquel.

„Natürlich kann man noch schöne Sachen in dem Alter machen. Ich genieße die Zeit mit meiner Familie, ich genieße die Natur und gutes Essen, wie auch zum Beispiel Kaiserschmarrn, wenn ich in Innsbruck bin“, lässt sie Kritikern ausrichten, die sie für depressiv halten: „Aber ich weiß, dass es ab einem gewissen Zeitpunkt schlechter wird.“ Daher habe sie für sich entschieden, nicht älter als 76 Jahre zu werden. „Mit dieser rationalen und klaren Ansage möchte ich zeigen, dass ich meinen Entschluss nicht aus Verzweiflung getroffen habe.“

„Es wäre schön, noch einmal meine Rosen im Garten blühen zu sehen"
Warum sie gerade den Jänner 2020 als Zeitpunkt ausgesucht hat? „Das ist ein willkürliches Datum. Vielleicht wird es auch Februar oder auch später, im Frühling - es wäre schön, noch einmal meine Rosen im Garten blühen zu sehen“, sagt die Französin. Einzig vor der Vorstellung, noch einen Winter ganz zu erleben, graut ihr: „In der kalten Jahreszeit bin ich aufgrund meines Alters nämlich immer durchgehend krank.“

„Es gibt für mich keine Gründe, warum man im Alter unnötig leiden sollte
Jencquel erzählt, dass sie seit zehn Jahren freiwillig in ihrer Heimat für einen Verein arbeite, der Sterbehilfe in der Schweiz, wo dies erlaubt ist, organisiert. „Dort habe ich im Vorfeld viel mit todkranken, unglücklichen Menschen gesprochen. Doch leider ist es in Frankreich nicht gestattet, seinem eigenen Leben ein Ende zu setzen. Es gibt für mich keine Gründe, warum man im Alter unnötig leiden sollte“, so die Aktivistin, die erreichen möchte, dass sich die Gesetzeslage in ihrer Heimat ändert. „Aus einer aussichtslosen Lage befreit zu werden, das ist doch nicht töten“, meint Jencquel. „Wenn man einen Hund einschläfert, wird man das doch auch nicht als Mord bezeichnen.“

Bei ihrer Arbeit in der Sterbebegleitung sei sie wie ein Filter gewesen. „Es kann nicht jeder kommen und diesen Schritt tun. Es ist ein Unterschied, ob man das nur aus Verzweiflung möchte oder ob man depressiv ist“, erklärt Jencquel. Ein Freitodbegleiter würde niemals einem depressiven Menschen helfen, führt sie aus. Auch keinem, der verzweifelt ist, sei es denn die Verzweiflung sei die Konsequenz einer oder unheilbaren Krankheit oder wegen Mehrfacherkrankungen im Alter. Die Menschen, die sie in die Schweiz begleitet habe, „sind zufrieden eingeschlafen und haben nicht gelitten“.

Die schlimmste Vorstellung wäre für die Französin, im fortgeschrittenen Alter abhängig von anderen Menschen zu sein: „Ich möchte nicht in ein Pflegeheim und mich auch nicht von meinen Söhnen oder Schwiegertöchtern pflegen lassen. Ich will keine Belastung sein.“

Miriam Krammer
Miriam Krammer

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