Fr, 22. Juni 2018

Schiffkowitz über 1968

02.06.2018 16:01

„Die Musik war für uns wie eine Religion“

Kaum ein Steirer hat den Geist der 68er glaubwürdiger verkörpert und vertont als Helmut Röhrling alias Schiffkowitz. Die „Steirerkrone“ plauderte 50 Jahre danach mit dem legendären dritten S von S.T.S. über Bob Dylan und die allerersten Hippies, Utopien und ohrenbetäubende E-Gitarren.

Herr Schiffkowitz, wie kam die Revolution in die Steiermark?

Sie kam mit riesiger Verzögerung, und zwar zuerst durch die Musik. Sie war für uns wie eine Religion. Sie hat ausgedrückt, was wir sagen wollten, aber wir hatten noch nicht die Worte dafür.

Was war die Initialzündung?

Für mich persönlich war das 1964, als ich in Stockholm als Abräumkellner gejobbt habe. Damals hast du wegen der starken Krone in Schweden irrsinnig gut verdienen können. Da habe ich die ersten Hippies gesehen und nur gedacht: Bist du deppert. Dann haben die Beatles in der Stadt gespielt, und ich war dabei.

Und Bob Dylan lief schon im Radio?

Genau. Ich habe zwar kein Wort verstanden, aber er hat mir alles gesagt.

Das heißt, es ging mehr um ein Gefühl als um Inhalte?

Heute fragst du dich bei vielen Texten: Was ist daran so revolutionär? Aber darum ist es nicht gegangen. Der Sound war revolutionär, so etwas hast du vorher nie gehört.

Eine Revolution gab es damals auch bei Kleidung und Frisuren …

Ich war in Sinabelkirchen der Zweite, der lange Haare gehabt hat. Der Erste war einer, der immer vor dem Postamt auf der Stiege gesessen ist und seine Mähne gepflegt hat. Die Bauern, die das gesehen haben, sind vor Entsetzen fast mit dem Traktor in die Ilz hinuntergefahren.

Und wie hat die Familie reagiert?

Bei mir war das natürlich eine mittlere Katastrophe. Mein Vater war zu dieser Zeit Postenkommandant bei der Gendarmerie und meine Mutter Lehrerin. Die haben damals kein leichtes Leben gehabt.

Die Steiermark hatte in dieser Zeit eine unvergleichlich lebendige Musikszene, in der Sie selbst mit Bands wie den „Dirtles“ oder „Music Machine“ mitten drin steckten. Warum gerade die Steirer?

Es war einfach so. Die Steiermark war zu der Zeit ein fruchtbares Biotop mit wirklich klassen Auftrittsmöglichkeiten. Da konnten wir am Wochenende immer irgendwo „zum Tanz“ aufspielen.

Vermutlich keinen Jive oder Foxtrott…

Das waren natürlich keine Standardtänze, sondern individuelle Verrenkungen. Auch das war eine Art Befreiung. Wir waren keine Tanzbands, sondern Beatgruppen - und stolz darauf.

Warum war Fürstenfeld, das Sie später ja augenzwinkernd und hymnisch besungen haben, so ein Brennpunkt dieser neuen Musikkultur?

Mit Boris Bukowski (spielte bei FBI Man, The Dirtles, Music Machine, Magic 69, Anmerkung) bin ich dort in die Schule gegangen, die anderen hat man halt so kennengelernt. Vielleicht war es bei mir eine Reaktion auf den Horror im Schülerheim, und ich hab’ mir gedacht: Jetzt blas’ ich euch mit meiner E-Gitarre alle davon.

Das war lange vor den vergleichsweise zahmen akustischen Gitarren von S.T.S.

Das hat damals Beat-Musik geheißen. Wir haben die E-Gitarren so laut aufgedreht wie möglich. Dafür ist das menschliche Ohr eigentlich nicht geeignet. Ich wundere mich heute noch, dass ich nicht taub bin.

Wie haben die Gastronomen, bei denen die jungen Wilden damals aufgetreten sind, reagiert?

Die waren natürlich skeptisch. Ich kann mich noch an einen Wirt erinnern, der vor unserem Auftritt gemeint hat: Wenn da heut’ einer LSD raucht, dann hol ich die Feuerwehr, die spritzt euch alle mit dem Schlauch aussi!

Wie stand es um die Klischees von den Drogen und der freien Liebe?

Beides wurde ausgiebig probiert. Aber da will ich nicht ins Detail gehen.

Waren bei uns auch die Themen der amerikanischen Bürgerbewegung und der französischen Studentenproteste präsent?

Absolut. Wir haben das mit Begeisterung aufgesogen. Und wir haben erst verstanden, wofür die Musik steht. Bei uns Jungen ist sozusagen zum Bauchgefühl die Theorie dazugekommen.

Wogegen hat sich die 68er-Bewegung bei uns gerichtet? Rassismus gegen Schwarze, wie in Amerika, war wohl kein Thema.

Nein. In Graz haben damals zwei, drei Schwarze gelebt. Da haben die Leute zwar groß geschaut, aber der Rassismus richtete sich dann gegen die Gastarbeiter. Und wir sind in unserer Blase langsam draufgekommen, dass es Arme und Reiche gibt auf der Welt.

Was ist von der Revolution geblieben?

Heute muss man sagen: Sie hat nicht stattgefunden. Und das ist vielleicht auch besser so. Weil wenn man nach Deutschland schaut, mit Rudi Dutschke und Konsorten, die danach in grauer Theorie versunken sind, wird klar: Die Revolution frisst ihre Kinder. Da hatten sogar wir mehr Bezug zur Realität. Aber einen Umbruch hat es sicher auch bei uns gegeben.

Damals standen soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Werte zur Debatte. Heute wird der mühsam erkämpfte Sozialstaat von allen Seiten attackiert, und das Flüchtlingsthema beherrscht viele Debatten. Was könnten wir von einer Zeitreise ins Jahr 1968 lernen?

Schwierig. Da war so viel Idealismus, da waren so viele Träume und Utopien. Wir leben jetzt in einer unfassbar schwierigen Zeit, nicht nur wegen der großen Migrationsströme. Jedem, der behauptet, das ist leicht, sage ich: Nein, das ist nicht leicht.

Verstehen Sie die Ängste mancher Bürger?

Angst ist immer eine verständliche Regung. In gewisser Weise ist der Mensch ja auch nichts anderes als ein Tier, das reden kann, und das sein Territorium und sein Rudel verteidigt. Aber: Wir sind von der Steinzeit schon ein ganzes Stück entfernt. Wir sollten gelernt haben, zu differenzieren.

SCHIFFKOWITZ
Schiffkowitz, mit bürgerlichem Namen Helmut Röhrling, wurde 1946 geboren und wuchs in Sinabelkirchen auf. Im Gymnasium von Fürstenfeld lernte er viele seiner späteren Musikerkollegen kennen, spielte etwa mit Boris Bukowski bei den Dirtles und Music Machine, die sich 1972 auflösten. Danach war er freier Journalist und Solomusiker, bis ihm Anfang der 1980er mit S.T.S. - zusammen mit Günter Timischl und Gert Steinbäcker - der Durchbruch gelang.

Der Rest ist deutschsprachige Popgeschichte, wobei die Band neben volksnahen Hits wie „Fürstenfeld“ mit zeitkritischen Liedern gegen Rassismus und Ausländerhass immer auch politisch klar Position bezog. Schiffkowitz, der neben elf S.T.S.-Studioalben zwei Solo-CDs produzierte, erhielt 2012 das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Der heute 71-Jährige lebt in Graz - und tourt unter anderem als Begleiter bei Gert Steinbäckers Solokonzerten.

Matthias Wagner
Matthias Wagner

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