Sa, 18. August 2018

Mit neuem Album

16.05.2018 07:00

Schönheitsfehler: Comeback der Hip-Hop-Urgesteine

Nach zehnjähriger Abwesenheit feierten Österreichs Hip-Hop-Pioniere Schönheitsfehler auf der Donauinsel 2015 ihr großes Comeback - doch das Trio ist gekommen um zu bleiben und hat mit „#gutesleben“ das erste Album einer Trilogie veröffentlicht, die weit über die bloße Musik hinausreicht. Grund genug, um mit den drei Vollblutkünstlern in ihrem Studio über Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges zu reden.

Finanzkrisen, Klimawandel, Flüchtlingsproblematik, Rechtsruck, Perspektivenlosigkeit, Zerbrechen der Mittelschicht, Ungleichbehandlung der Geschlechter etc. Die Welt stand schon mal besser da als heute, doch während viele Menschen aktiv dazu beitragen, das Rad der Gesellschaft weiter den Berg runter zu rollen, gibt es auch die andere Fraktion, die daraus Chancen zieht, Perspektiven und Lösung für eine Trendwende anbieten will. Das Wiener Hip-Hop-Trio Schönheitsfehler, bei der Gründung 1992 in heimischen Gefilden unter den allerersten ihrer Zunft, hat sich für sein Comebackalbum „#gutesleben“ bewusst von der Negativität abgespalten, um eben das gute Leben zu propagieren. Das Leben, das wir sehr oft immer noch haben und noch viel öfter nicht sehen oder erkennen (wollen).

Schönheitsfehler pur
Das Comeback nach der Abschiedsshow 2005 in der Wiener Arena gab es fast exakt zehn Jahre später auf der Donauinsel. Schon damals reifte bei Milo, Paul und Burstup der Wunsch, die alten Tage in derselben Besetzung wiederzubeleben und es noch einmal ordentlich zu versuchen. „Uns war aber klar, dass es Schönheitsfehler pur sein muss. Wir drei, ungefiltert und ohne kreative Einflüsse von außen“, erklärt Milo. Beatbastler Burstup erinnert sich schmunzelnd zurück: „Am Tag des Donauinselkonzerts hat sich Milo noch in meiner Wohnung, wo wir auch an den Songs feilen, hingelegt, aber daneben habe ich schon an den Beats gebastelt. Ein paar davon sind jetzt, knapp drei Jahre später, tatsächlich am Album gelandet.“ 50 bis 60 Grundkompositionen haben sich im gemeinsamen Dropbox-Ordner gesammelt, von denen man die schlussendlich zwölf finalen Tracks für „#gutesleben“ zusammengebaut hat.

Zwölf Tracks, die sich, jeweils eingeleitet mit einem Hashtag (#), um zeitlose Themen wie Freiheit, Gerechtigkeit, Respekt oder Empathie drehen. Wer in der Historie der Band etwas bewandert ist weiß, dass Politisches und Zwischenmenschliches stets an vorderster Front standen und die Band - ähnlich wie Texta - schon früh auf die wirklich wichtigen Punkte im Leben hingewiesen hat. Fernab jedweder Trendanbiederung Richtung Battle-Rap, Trap oder überkandidelten Autotune-Einsatz. Schönheitsfehler sorgten vor allem Ende der 90er-Jahre für Aufregung. Nicht nur wurden Songs alternierend auf FM4 und Ö3 gespielt, auch die Kooperationen und Zusammenarbeiten mit Stilfremden wie Heinz, 3 Feet Smaller oder der Jazzkantine zeugten vom weitläufigen Horizont des ambitionierten Trios.

Perspektivenwechsel
„Wir haben einfach alles ausprobiert und waren in jeder Ecke drinnen, wurden auch ganz oft auf völlig stilfremde Festivals gebucht. Wir sind nie irgendwelchen Trends gefolgt, sondern haben unseren Stiefel durchgezogen.“ Wie sehr sich die Welt im Kreis dreht zeigt mitunter auch, dass bereits Mitte der 90er-Jahre geschriebene, parteipolitisch kritische Texte noch gut 20 Jahre später nichts an Gültigkeit verloren haben. Aber auch hier schwächt Frontmann Milo ab und reflektiert. „Das Kausale und Einfache ist nicht immer das Richtige und ich habe bewusst versucht, auf dem Album die allgemeinen Themen hoch zu halten. Ich beschäftige mich sehr viel mit Geschichte und auch politisch gibt es immer Wellenbewegungen. Wenn du dich einmal mit Zeitzeugen unterhältst oder Zeitungen aus der damaligen Zeit liest, dann kriegst du schnell einen anderen Blick auf die Themen.“

Schönheitsfehler anno 2018 bedeutet Gemeinsamkeit und Miteinander. „Wenn man ein gutes Leben haben will, sollte man zueinander nett sein, sich respektieren und Empathie aufweisen können. Wir alle haben ähnliche Grundbedürfnisse und alles im Leben kommt zurück. Jeder ist froh, wenn ihm manchmal jemand hilft und aus dem Gedanken heraus haben wir das Album geschrieben.“ Wie sehr sich die Zeiten gewandelt haben sieht man nicht zuletzt an der Band selbst. Als das Debüt „Broj Jedan“ 1993 auf den Markt kam, war Österreich noch nicht in der EU, das Internet steckte in seinen Kinderschuhen und Smartphones wurden noch nicht einmal bei den „Simpsons“ vorhergesagt. Insofern haben Schönheitsfehler mit ihrer wohl notwendigen, zehnjährigen „Schönheitspause“ tatsächlich nichts ans Relevanz und Aktualität eingebüßt. Das Ziel Zeitlosigkeit ist scheinbar gelungen - keine Selbstverständlichkeit im Musikgeschäft.

Offen für das Neue
Die Wiener sind jedenfalls alles andere als „Steckenbleiber“ und weit davon entfernt, den Wandel der Zeit unreflektiert automatisch zu verteufeln. „Es ist kein reines Stimmungsalbum, das dich gut fühlen lässt“, erklärt Milo, „es ist eine Reise, die mit einer radikalen Forderung anfängt, dass jeder eine Million kriegen sollte. Es geht um eine relevante Basis und nicht um ein Grundeinkommen von ein paar Hundert Euro, wo sie dir dafür die Soziale streichen und die moderne Versklavung behübscht wird. Das ist verknüpft mit der technischen Evolution, denn wir wissen nicht, was in der nächsten Garage ausgetüftelt wird. Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass wir alle mit Smartphones abhängen? Ein Riesenthema ist auch Blockchain. Bitcoins sind nicht per se böse, denn man muss offen bleiben für das Neue.“

Burstup ergänzt um verkehrspolitische Ansichten. „Nachdem 20 Jahre niemand mehr daran glaubte, hast du jetzt die Möglichkeit Elektromobilität nach vorne zu bringen. Die Welt verändert sich damit total. Denk einfach daran, dass der Wiener Gürtel dann plötzlich ruhig ist. Die Wohnungen würden viel mehr wert sein, weil man keinen Straßenlärm mehr hat.“ „Das Album raunzt und ,wienert‘ jedenfalls nicht“, fügt Paul lachend an. Das Albumkonzept endet übrigens nicht bei den Songs, sondern sollte eine Art Thinktank für Interessierte und ähnlich Denkende im breiteren Kontext werden. So ist dem Werk in der Special Edition ein Buch beigelegt und mit gutesleben.solutions haben Schönheitsfehler sogar eine Internetplattform eingerichtet, um die Welt ein Stück besser zu machen. „Man muss das Leben mit allen Facetten wahrnehmen, es ist nicht immer nur eskapistisch, aggressiv oder negativ. Das passiert heute oft im Hip Hop, aber nur mehr ironisch oder zynisch zu sein führt zu gar nichts. Zynismus ist eine Aggressionsform, mit der man sich den Schrecken der Welt weglacht. Aber das wirkt schnell zu passiv-aggressiv.“

Trilogie des Guten
Schönheitsfehler sind gekommen um zu bleiben und haben fest vor, aus dem großen Überthema eine Trilogie zu fertigen. „Inhaltlich erkennt man auf diesem Album unsere Ansätze und unsere Weltsicht. Wir haben parallel schon weitere Songs in der Pipeline. Wir haben jetzt ja ein Buch herausgebracht und diese grobe Grundidee wird beim zweiten Teil weitergetragen, worüber ich aber noch nicht zu viel sagen möchte. Das Buch an sich steht in erster Linie für Humanismus und Bildung - dann auch noch für die Ästhetik, das Haptische und dafür, dass nicht alles nur digital ist. Es wird weniger Text geben und mehr Instrumentales. Wie der dritte Teil aussehen wird, wissen wir noch nicht. Wir suchen Mitstreiter für dieses Projekt, denn gemeinsam ist man immer stärker.“

Auf große Touren in kalten Bussen samt klapprigen Betten in abgeranzten Unterkünften werden Schönheitsfehler künftig eher verzichten. Klasse statt Masse lautet da die Devise. „Wir fahren sicher keine Ochsentouren mehr, denn das geht mit dem guten Leben nicht zusammen. Wir wollen qualitativ gute Geschichten spielen, so wie es unsere Leben zulassen. Es ist aber eine ernsthafte, langfristig angelegte Geschichte und nicht bloß ein Hobby. Wir haben zum Glück eine Basis durch unsere Erfahrung, aber ich glaube auch, dass sich die Qualität durchsetzt. Eine Zwei-Wochen-Tour würde ich nicht ausschließen, aber wir spielen uns sicher nicht ein Jahr lang den Ast ab. Es ist nicht mehr reizvoll, im Tourbus oder Backstage zu sitzen.“

Virtuelle Konzerte
Viel mehr sieht das Trio der Zukunft entgegen, die nicht mehr nur aus klassischen Konzerten und physisch anspruchsvollen Touren bestehen soll. Burstup spielt schon seit geraumer Zeit DJ-Sets für Menschen von „Texas bis Bahrain“ und kann sich das künftig auch gut für Konzerte vorstellen. „Diese Technologien werden sich weiterentwickeln und irgendwann wirst du mit Vollkörpersensoren dastehen, performen können und die Leute sehen die Dinge mit VR-Headsets.“ Ein gutes Leben kann natürlich in der Realität existieren - muss aber nicht zwingend so sein…

Im Zuge des Donaukanaltreibens sind Schönheitsfehler das nächste Mal live ebendort am 1. Juni auf der Salztorbühne zu sehen - live und in ihrer vollen Physis. Alle weiteren Infos unter www.donaukanaltreiben.at.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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