Sa, 18. November 2017

Ehrenmord in Wien

06.10.2017 12:51

Opfer (14) zeigte Bruder und Vater vor Bluttat an

Jene 14-jährige Afghanin, die im September von ihrem Bruder mit insgesamt 28 Messerstichen getötet wurde - der Afghane sitzt wegen Mordverdachts in U-Haft - hat den 18-Jährigen sowie den eigenen Vater rund zweieinhalb Monate vor ihrem Tod wegen fortgesetzter Gewaltausübung angezeigt. Wie jetzt bekannt wurde, musste das damalige Verfahren allerdings eingestellt werden.

Die 14-jährige Bakhti war bereits Ende Juni von zu Hause geflüchtet, nachdem es dort wiederholt zu Handgreiflichkeiten gekommen sein soll. Die aus Afghanistan stammenden Eltern waren laut Thomas Vecsey, dem Sprecher der Staatsanwaltschaft Wien, vor mehr als zehn Jahren nach Österreich gekommen. Bei der Erziehung ihrer Kinder orientierten sie sich an der traditionellen, in ihrer ursprünglichen Heimat gültigen Lebensweise und den Glaubensregeln des Koran. Zuletzt waren sechs Kinder an der Adresse des Paares gemeldet. Zwei weitere Töchter sollen sich in Pakistan befinden - angeblich wurden sie dorthin verheiratet.

Flucht in Krisenzentrum
Die 14-Jährige dürfte sich zu Hause eingeengt gefühlt haben und zusehends unter Druck gesetzt worden sein, weil sie sich gegen die elterlichen Vorgaben auflehnte. Sie durfte beispielsweise die Wohnung nur in Begleitung verlassen. Weil sie auch geschlagen worden sein soll, flüchtete sie schließlich in ein Krisenzentrum in Graz, wo sie auch Anzeige gegen den Vater und den 18-jährigen Bruder erstattete.

Mädchen entschlug sich Aussage
Gegen die beiden wurde in weiterer Folge ein Ermittlungsverfahren wegen fortgesetzter Gewaltausübung eingeleitet. Die Verdächtigen wurden als Beschuldigte vernommen und bestritten sämtliche Vorwürfe. Bakhti wurde als Zeugin befragt, dabei aber nicht über ihr Entschlagungsrecht aufgeklärt - in einem Strafverfahren, das gegen Angehörige geführt wird, ist man von der Pflicht zur Aussage befreit. Die 14-Jährige wurde daher von der Staatsanwaltschaft zu einer neuerlichen Aussage gebeten. Als sie jedoch später von Graz wegzog und in einem Krisenzentrum des Wiener Jugendamts untergebracht wurde, entschlug sie sich der Aussage. Dort habe sie die Vorwürfe gegen ihre Familie widerrufen und behauptet, sie habe "das nur so gesagt", wie Behördensprecherin Herta Staffa erläuterte.

Verfahren wurde eingestellt
Die Staatsanwalt habe dann nachgefragt, ob die 14-Jährige sich noch im Krisenzentrum befinde, berichtete die Sprecherin. Das sei zu diesem Zeitpunkt nicht mehr der Fall gewesen. Informationen zu einem Termin bei der Anklagebehörde habe das Jugendamt nicht gehabt. Die Obsorge lag nur so lange beim Jugendamt, wie sich das Mädchen im Krisenzentrum befand, so Staffa. Die Angaben der Schülerin bei der ersten Befragung durften aus rechtlichen Gründen nicht verwertet werden, das Verfahren gegen den Vater und den Bruder wurde daher Ende Juli von der Wiener Anklagebehörde eingestellt, bestätigte Vecsey.

U-Haft über Bruder verlängert
Die U-Haft über den nunmehr mordverdächtigen 18-Jährigen ist vom Landesgericht vor wenigen Tagen bis Anfang November verlängert worden. Ob und inwieweit der Vater oder andere Familienmitglieder in die Bluttat verwickelt waren bzw. davon wussten, ist Gegenstand der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen.

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