10.01.2007 18:04 |

Suchmaschinenduell

Windows Live vs. Google

Seit Google begonnen hat, andere Internetcompanys im großen Stil aufzukaufen oder zumindest bei ihnen einzusteigen, fragt man sich: Wann reagiert Microsoft? Denn, dass der Quasi-Monopolist in Sachen Computersoftware tatenlos zusieht, wie zwei Garagentüftler das Internet erobern, ist kaum vorstellbar. Mit „Windows Live“, das jetzt auch in Österreich gestartet ist, kommt – allerdings mit Verspätung – die erste Salve aus Redmond und fordert den Erzfeind zum Kräftemessen.

Auf den ersten Blick ist klar: Windows Live erfindet das Internet nicht neu. Die Startseite sieht beim ersten Besuch aus wie bei Google. Ein Eingabefeld, Schaltflächen für Suche im Web, nach Bildern und Nachrichten, und eine Textleiste am Ende der Site, die Auskunft über Betreiber und AGBs gibt.

Runde 1: Suchen im Web
Gibt man einen beliebigen Suchbegriff ein (wir haben’s naheliegenderweise gleich mit „krone“ versucht), liefern beide Suchmaschinen fast dieselben Ergebnisse. Bei „krone“ wurde natürlich als erstes Krone.at ausgeworfen. Gibt man Musikernamen ein, folgt bei beiden zuerst die offizielle Künstler-Website, dann ein Wikipedia-Link und schließlich ein Verweis auf einen Online-Shop. Interessanterweise kommen bei Live zuerst mehrere kleine Anbieter und erst auf der zweiten, dritten Seite
der sonst überpräsente Versandriese Amazon.

Werbung zeigen beide an. Im Unterschied zu Google spuckt Live seine Anzeigen aber konstant als ersten Eintrag, dafür aber grau unterlegt, aus. Google macht das nur bei einschlägig kommerziellen Suchbegriffen, wie „Digitalkamera“ oder „Wollpullover“. Interessanterweise kann Live bei „Wollpullover“ keine Inserate anbieten...

Optisch bereiten beide Suchmaschinen ihre Resultate in ähnlicher Art und Weise auf. Google liefert Text in dunkelblauer bzw. schwarzer Schrift und Links in grüner Farbe, Live schreibt Text in Grünblau bzw. Grau und Links ebenfalls in Grün. Will man die Sucheinstellungen erweitern, warten beide Suchmaschinen mit exakt derselben Bedienoberfläche auf. Da Google zuerst dran war, muss man annehmen, das die Microsoft-Programmierer da heftigst abgeschrieben haben.

Bislang sieht es ganz danach aus, als könne Live nicht mehr als das, was bereits vorhanden ist. Einen Unterschied gibt es aber noch. Es kann zwar bei beiden Suchmaschinen zum Beispiel nur auf einer bestimmten Domain oder nach zeitrelevanten Kriterien gesucht werden, bei Google muss man sich allerdings Boolscher Operatoren bedienen. Live löst die Dinge eleganter: Mit einem Klick auf „erweitert“ kann die Suche in einem Pop-Up-Eingabefenster eingeschränkt werden.

Runde 2: Suchen nach Bildern
Die Bildersuche bei Google gleicht eins-zu-eins der Websuche. Man bekommt Resultate (Bild-Miniaturen) und darunter eine Fülle von Angaben wie Dateiname, URL, Größe, Beschreibung, etc. Live verfolgt einen anderen Ansatz. Man bekommt nur Bilder geliefert = genau das, wonach man such. Die Suchergebnisse werden in Form eines Fotoalbums angezeigt. Die Miniaturen darin lassen sich skalieren, weitere Informationen bekommt man mit einem Mouse-Over.

Klickt man bei Google das Bild an, wird man zunächst zur Website gelinkt, auf der sich die Datei (meist irgendwo ganz unten) befindet. Erst mit „Bild in Originalgröße öffnen“ bekommt man das Foto in voller Größe zu sehen. Das ist dem Betreiber der Website gegenüber zwar höflich, verlängert aber die Suche unnötig. Live linkt direkt auf das Bild und öffnet es zudem elegant, indem es die anderen Miniaturen „zur Seite schiebt“. Wer die Website will, muss extra klicken – auch schlau.

Ein weiteres Tool, dass die Bildersuche noch weiter beschleunigen soll, hat Microsoft schon auf der US-amerikanischen Live-Site eingebaut. Die ist für Europäer leider nur erreichbar, wenn man die Regional-einstellungen auf seinem PC verändert, was (um jetzt einen kurzen Exkurs einzuschieben) ein krasser Gegensatz zu Google ist, dessen länderspezifische Seiten für Jedermann und –Frau (außer man ist Chinese) erreichbar sind. Jedenfalls wird dieses Tool, es nennt sich „Scrapbook“, auch bald auf der österreichischen Live-Site zu finden sein. Es handelt sich dabei um ein leeres Feld neben dem Bilder-Container, das per Drag-and-Drop mit Items gefüllt werden kann. Scrapbook ist somit vergleichbar mit einer Art Zwischenablage. Auf diese Weise kann man sich durch zwanzig Seiten Suchresultate bewegen, ohne die bereits erhaltenen Ergebnisse zu verlieren.

Runde 3: Suche nach Nachrichten
Hier hat Microsoft klar das Nachsehen. Google’s News-Seite ist zu intelligent um auf diesem Sektor besiegt werden zu können. Während Live die Resultate nur nach den Quellen ordnet – d.h. man bekommt unter Umständen drei Artikel, die zum selben Thema berichten, als drei voneinander getrennte Resultate aufgelistet – sortiert Google-News die Meldungen nach ihrem Thema. Berichte über die aktuelle Lage im Irak  werden von Google nach dem Schema „und 25 ähnliche Artikel“ gebündelt, bei Live füllen sich zig Seiten mit demselben Krams – nur von unterschiedlichen Quellen eben. Außerdem kann Live nicht mit einem Pendant  der Google beliebten bei „News Alerts“-Funktion aufwarten.

Was Live bietet, Google aber nicht hat:
Die Essenz von Windows Live ist die so genannte „Personalisierte Suchseite“. Jeder, der Live besucht (egal ob registriert, oder nicht) kann sich eine persönliche Suchseite anlegen. Uhrzeit, Nachrichten-Feeds und Gadgets (Wettervorhersage, Promi-Spruch des Tages, etc.) können als kleine Bausteine auf die Seite gepackt werden und erscheinen bei jedem weiteren Besuch (Stichwort: Cookie). Es ist eine Art persönliches News- und Service-Portal, dass nach den Wünschen des Users aufgebaut und sogar gelayoutet wird.

Das vorgefertigte Angebot für Österreich ist derzeit noch dürftig gestaltet. Es finden sich nur die wichtigsten Online-Medien und eine Handvoll Service-Seiten wie die, der Arbeiterkammer. Man kann aber auch Blogs mit RSS-Feeds von Hand implementieren und auch ausländische Sites auslesen. Der Besuch seines persönlichen Such-Portals könnte somit zur Morgenroutine werden – zumindest ist es das, was sich Microsoft von dieser Funktion erhofft.

Im Gegensatz zu Google ist bei Live auch die geographische Suche direkt in Suchmaschine integriert. Wer Orte auf einer Landkarte finden will, muss sich bei Google zuerst auf die Maps-Seite navigieren. Bei Live findet sich ein Button neben der Bilder-Suche. Satellitenbilder – wie bei Google – bietet Live aber noch nicht, dafür sollen aber die für Amerikaner und Briten bereits abrufbaren 3D-Gebäude, die dann auch auf Satellitenbildern stehen, im Laufe des nächsten Jahres auch für Österreich (Mini-Stephansdom, Mini-Happel-Stadion, etc.) verfügbar sein. Selbst Google Earth bietet derzeit noch keine Gebäude-Miniaturen außerhalb Amerikas an, womit Microsoft dem Erzfeind hier den Rang ablaufen könnte. Vorausgesetzt, man ist schnell genug...

Was Google bietet, Live aber nicht:
Die bei Google über die Google-Labs erreichbare Video-Suche fehlt im Windows-Live-Paket derzeit komplett. Es gab zwar Ankündigungen und sogar schon fixe URLs – getan hat sich dann aber doch nichts. Wobei man jetzt aber dazusagen muss, dass auch Googles Video-Channel für diese Belange nicht gerade die Anlaufstellen Nummer eins im Web ist. Dafür hat Google ja auch YouTube gekauft...

Den größten Vorsprung hat Google derzeit ironischerweise bei den Office-Inhalten. Microsoft Office 2007 lässt noch auf sich warten, und somit ist Google derzeit der einzige Anbieter, der Web-Kalender, Online-Textverarbeitung und Online–Tabellenkalkulation bietet. Die Nutzbarkeit der Services muss zwar von jedem selbst beurteilt werden, Fakt ist jedoch, dass Office-Live (wie es später heißen wird) bei uns noch nicht verfügbar ist und immer an den Besitz und Kauf von Microsoft-Programmen gebunden sein wird, was bei Google nicht der Fall ist.

And the winner is...
...naja... ähem... okay... also... eigentlich muss man sagen, dass Google gewonnen hat. Aber es war ein Sieg nach Punkten und kein K.O., wie man sich das vielleicht erwartet hätte. Windows Live ist noch nicht fertiggestellt und bestimmte Services, die bei uns noch nicht verfügbar sind, hätten Live zu einer anderen, besseren Ausgangslage verholfen und eventuell auch zum Sieg. Vor allem bei der Suche nach Bildern kann die Microsoft-Maschine mit sinnvollen Verbesserungen aufwarten, die die Konkurrenz nicht bieten kann. Google ist aber schneller, weil grafisch weniger aufwendig und zugleich ruhiger, da es aufgeräer Bildersuche haften – denn da hat Google zum ersten Mal angestaubt gewirkt, was für ein Unternehmen, das seit Jahren die Web-Innovationen und Neuerungen bestimmt, doch ein schwerer Schlag sein muss. Einen Bonus hat Google aber, den Microsoft selbst mit den besten Features nicht wettmachen können wird: Google wird immer der sympathischere Partner bleiben. Zumindest solange der Multikonzern Microsoft weiterhin fast täglich wegen schwerster Vergehen und angeblichen Machtmissbrauchs-Affären vor den Gerichten dieser Welt steht...

[can]

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