Fr, 17. August 2018

"Krone"-Interview

11.03.2017 16:26

Wie schwer ist dieses Erbe, Frau Rendi-Wagner?

Sie ist Ärztin, Spitzenbeamtin, Mutter und Nachfolgerin von Sabine Oberhauser. Mit der "Krone" sprach die neue Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner über die schwarze Opernball-Nacht, den Ruf des Kanzlers und ihre Ehe mit einem Feministen.

Schon vor dem Eingang zum hässlichen Czernin-Koloss bei der Wiener Urania werden Erinnerungen wach. Am 20. Dezember brachte uns der Lift in den achten Stock des Gesundheitsministeriums noch zu Sabine Oberhauser. Das Hinweisschild ist bereits überklebt - mit der respekteinflößenden Namenszeile Priv. Doz.in Dr.in Pamela Rendi-Wagner, MSc.

Vor kahlen Wänden sitzt uns am Freitagnachmittag die neue Frauen- und Gesundheitsministerin im orangefarbenen Sessel ihrer verstorbenen Vorgängerin gegenüber. Der einzige Schmuck sind Blumen. Auf dem Schreibtisch, auf dem Beistelltisch, selbst auf dem Boden stehen Glückwunsch-Sträuße. Pamela Rendi-Wagner (45) trägt Schwarz, als habe sie noch ein letztes Zeichen der Trauer setzen wollen. "Das liegt noch immer in der Luft", betont sie, "dass mich ein trauriger Anlass hierhergeführt hat. So gesehen wäre ich froh, hier nicht sitzen zu müssen."

"Krone": Frau Rendi-Wagner, wie sind Ihre Eltern auf die Vornamen Joy und Pamela gekommen?
Pamela Rendi-Wagner: Das frage ich mich bis heute. (Lacht.) Joy war eine spontane Idee meines anglophilen Vaters. Joy wie Freude, eine Tochter bekommen zu haben. Er hat meine Mutter gar nicht gefragt. Auf Pamela haben sie sich dann beide verständigt. Ich glaube, sie wollten zum häufig vorkommenden Nachnamen Wagner einen ausgefallenen Vornamen, beeinflusst vielleicht auch noch von den 68ern.

Und wie spricht man Pamela genau aus?
Der Kanzler spricht meinen Vornamen deutsch aus, der Bundespräsident englisch. Dazwischen gibt es noch eine breite Palette, zu der auch Pam zählt. Mir sind alle recht.

Was war Pamela für ein Kind?
Ich war immer eine abwartende Natur. Meine Strategie war schon damals, alles zu beobachten, zu sondieren, zu analysieren und erst dann Pläne zu machen. Ich war nie die Laute, Spontane, die in der ersten Reihe gestanden ist.

Jetzt stehen Sie genau da - als Nachfolgerin von Sabine Oberhauser. Was sind Ihre Erinnerungen an den 23. Februar?
Wir saßen mit Freunden beim Abendessen. Ich war schon in meinem schwarzen Ballkleid, es wäre mein erster Opernball gewesen. Da kam der Anruf von Kolleginnen des Kabinetts, dass Sabine Oberhauser gestorben sei. Ich habe mich ins Taxi gesetzt und bin hierhergefahren. Wir sind bis Mitternacht zusammengesessen und haben die Opernballnacht gemeinsam im Büro vor dem Bildschirm verbracht.

Wie schwer ist dieses Erbe für Sie?
Ich habe dem Herrn Bundeskanzler klargemacht, dass es hier eine ganz starke emotionale Komponente gibt. In dieser zeitlichen Unmittelbarkeit auf Sabine Oberhauser nachzufolgen war für mich wirklich schwierig. Wir waren ja alle durchgebeutelt nach den letzten Wochen und Monaten, in denen wir Sabine in ihrem Kampf begleitet haben. Sie war so ein starker, positiver Mensch! Wir dachten, wenn es jemand schaffen würde, dann sie.

Wenn Sie ganz ehrlich sind, war da nicht auch der Gedanke, dass Sie mit Ihrem Lebenslauf die logische Nachfolgerin sind?
Das waren so intensive Tage, Wochen und Monate. Obwohl die medizinische Diagnose ab einem gewissen Moment sehr eindeutig war, haben wir bis zuletzt gehofft. Also warum hätte man sich mit der Zeit danach beschäftigen sollen? Das wäre ja wie ein Eingeständnis gewesen, dass dieser Tag wirklich kommen würde. Nein, ich habe mich selbst nicht als die logische Nachfolgerin gesehen.

Die Medien aber sehr wohl ...
Es war nicht leicht, damit konfrontiert zu werden. Denn mir war natürlich klar, dass Sabine Oberhauser das möglicherweise lesen wird.

Der Ruf von SPÖ-Chef Christian Kern folgte nur einen Tag nach der Trauerfeier. Wie müssen wir uns das vorstellen?
Das war ein Anruf am Montagmorgen. Ob ich Zeit hätte, bei ihm vorbeizuschauen. Ich bin dann ins Bundeskanzleramt gefahren, wir hatten ein vertrauensvolles, intensives erstes Gespräch.

Und als dann das konkrete Angebot kam, was war Ihr erster Gedanke? Ein uneingeschränktes Ja oder "Ich muss jetzt einen klaren Kopf bewahren"?
Mein erster Gedanke war: Ich muss es mir überlegen. Eine Nacht lang habe ich nachgedacht, es war eine schlaflose Nacht. Da ist auf einmal viel losgetreten worden. Ich habe es dann mit meiner Familie - mit meinem Ehemann, mit meinen Kindern - besprochen. Ich habe auch Kolleginnen, Kollegen und enge Freunde dazu befragt. Am nächsten Tag habe ich noch einmal Christian Kern getroffen und nach dem Gespräch war es dann klar: Ich werde das Amt übernehmen.

Was hat Sie zweifeln lassen?
Einerseits eben die Gefühlsebene. Andererseits habe ich meinen bisherigen Beruf mit seiner breiten Palette an Themen auch wirklich sehr gerne gemacht. Also es ist nicht so, dass ich auf Jobsuche war.

Die Angelobung am Internationalen Frauentag: War Ihnen diese Symbolik wichtig?
Ja, als Frauenministerin am 8. März angelobt zu werden war auch ein wichtiges Zeichen für die Frauenpolitik in diesem Land. Ein wirklich schönes Momentum. Ich bin froh, dass mein Mann und ich uns spontan entschlossen haben, auch unsere beiden Kinder in die Hofburg mitzunehmen.

Kommen wir zu den harten Fakten. Gangbetten, Zweiklassenmedizin, aufgebrachte Ärzte: Wie krank ist unser Gesundheitssystem?
Wenn wir es im europäischen oder auch internationalen Kontext betrachten, hat Österreich ein hervorragendes Gesundheitssystem. Wir haben hochqualifizierte, hochmotivierte Ärzte und Ärztinnen, dazu zähle ich auch alle, die in anderen Gesundheitsberufen arbeiten. Wenn Patienten lange Wartezeiten haben, sind das inakzeptable Zustände. Dieses Problem ist Teil des aktuellen Regierungsprogrammes. Wenn es hier nicht in den nächsten Wochen eine Verhandlungslösung gibt, wird die Bundesregierung einen Gesetzesvorschlag machen.

Werden Sie in Wien härter durchgreifen?
Ich habe Sandra Frauenberger als neue zuständige Gesundheitsstadträtin bereits kennengelernt. Wie Sie wissen, ist sie auch erst seit Kurzem in ihrer neuen Funktion. Ich habe die Wiener Herausforderungen mit ihr erörtert. Wir werden bestimmt gut zusammenarbeiten.

Sie sagen "Herausforderung", aber sind das nicht große Baustellen?
Das ist eine Frage der Betrachtungsweise.

Warum mussten Sie eigentlich trotz Ihrer steilen Karriere noch schnell Parteimitglied werden?
Ich musste nicht, ich habe es selbst vorgeschlagen. Ich bin seit fünf Jahren Mitglied im Bund sozialdemokratischer AkademikerInnen. Meine Einstellung hat sich also nicht geändert. Was sich geändert hat, ist, dass ich seit Mittwoch ein politisches Amt innehabe. Da war mir dieser Schritt wichtig.

Im Herzen schon immer Sozialdemokratin gewesen?
So ist es. Meine Mutter war 19 Jahre jung, als ich zur Welt kam. Als ich zwei war, ließen sich mein Eltern scheiden. Ich habe also schon sehr bald gemerkt, dass eine Frau - vor allem wenn sie Alleinerzieherin ist - viel mehr kämpfen muss als ein Mann. Ich habe mein erstes Kind mit 34 bekommen, ich wollte schon wichtige Etappen meiner Karriere vorher abschließen. Trotzdem ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nie einfach gewesen. Gleichzeitig weiß ich, dass meine Karriere, wie viele, wahrscheinlich nicht möglich gewesen wäre ohne die Errungenschaften der Frauenpolitik der letzten Jahrzehnte.

Könnte man zusammenfassen, dass Sie bisher in wilder Ehe mit der SPÖ gelebt und nun den Bund besiegelt haben?
Ich sehe es einfach als stärkere Positionierung einer politischen Einstellung. Aber wenn Sie so wollen, dann haben wir jetzt den Trauschein.

Ist man als Frauen- und Gesundheitsministerin am Nordkap der Karriere angelangt oder soll man gerade als Frau immer nach Höherem streben?
Ich glaube, man sollte sich konzentrieren aufan, mit vollem Einsatz, mit voller Freude gemacht. Mir war nicht bewusst, ob es jetzt ans Nordkap oder woandershin geht. Wenn man sich fokussiert, plant man nicht, dann eröffnen sich die neuen Wege von selbst.

Null Karriereplanung?
Ich werde mich doch am zweiten Tag als Ministerin nicht mit weiterführender Karriereplanung beschäftigen!

Ihr Mann ist Kabinettschef bei SPÖ-Kulturminister Thomas Drozda. Ist das ein Thema bei Ihnen zu Hause, dass Sie in Zukunft mit dem Dienstwagen vorfahren werden?
Das ist kein Thema. Weil er meistens vor mir aus dem Haus geht und die Kinder zur Schule bringt.

Ist Ihr Mann Feminist?
Absolut.

In Karenz gegangen?
Nein. Auch ich war nur sehr kurz in Karenz.

Machen Sie bei Haushalt und Kindern "halbe-halbe"?
Wir stimmen natürlich unsere aktuellen beruflichen Zeitfenster miteinander ab. Einmal hat der eine mehr Zeit für die Kinder, einmal ist es der andere. Da gibt es kein fixes Schema. Aber ingesamt stehen wir unseren Töchtern und der Familienarbeit sehr ausgeglichen zur Verfügung. Wobei sich das am Anfang meiner neuen Aufgabe ein bisschen mehr zu seinen Ungunsten verschieben könnte. (Lacht.) Ich sehe das als sehr positiv, weil grad für die Mädels die Beziehung zu ihrem Vater eine sehr wichtige ist.

Gibt es viele Helfer?
Meine Mutter steht sehr stark zur Verfügung. Darüber hinaus andere Familienangehörige und Freunde, und wir haben auch eine Kinderbetreuung.

Hand aufs Herz: Fand Ihr Mann es wirklich gut, dass seine Frau Ministerin wird, während er Kabinettschef bleibt?
Mein Mann war immer schon ein absoluter Befürworter meiner Karrriere. Mehr noch: ein Unterstützer.

Frau Ministerin, klingt diese Anrede mittlerweile schon vertraut?
Ich arbeite daran! Die Zeit, mich daran zu gewöhnen, war sicher noch nicht ausreichend. Aber es ist am Ende des Tages ein unwichtiges Detail.

Zur Person
Geboren als Joy Pamela Wagner am 7. Mai 1971 in Wien. Medizinstudium, Facharztausbildung in Wien und London, wissenschaftliche Arbeit am Institut für Tropenmedizin der Med-Uni Wien, Gastprofessur an der Universität Tel Aviv. Seit 1. März 2011 Sektionschefin und Generaldirektorin für die öffentliche Gesundheit. Am 8. März folgt sie Sabine Oberhauser als Gesundheits- und Frauenministerin nach. Verheiratet mit dem Diplomaten und jetzigen Kabinettschef von SPÖ-Kulturminister Thomas Drozda, Michael Rendi. Zwei Töchter, sieben und elf.

Video: "Werde Oberhausers Weg fortsetzen"

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