In den vergangenen Tagen ist es nicht nur in Frankreich zu Ausschreitungen gekommen, sondern auch in Ländern wie Italien, Portugal und Belgien. In Albanien gingen am Sonntag bereits den sechsten Tag in Folge Menschen auf die Straße, um den Rücktritt des Ministerpräsidenten Edi Rama zu fordern. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein, um die Menschen vor dem Bildungsministerium in Tirana zurückzudrängen.
Hunderte Demonstrantinnen und Demonstranten hatten sich dort versammelt. Am Samstag war es bei Protesten für bessere Bildungsbedingungen und gegen die Regierung zu den bisher schwersten Ausschreitungen in Albanien gekommen. Mehrere Gebäude, darunter ein Gericht, Banken und eine Post, wurden in Brand gesetzt oder stark beschädigt. Demonstrantinnen und Demonstranten bewarfen die Polizei mit Pflastersteinen, die daraufhin Gummigeschosse einsetzte, um die Menge auseinanderzutreiben. In den vergangenen Tagen wurden 388 Menschen angezeigt und Dutzende verletzt, darunter auch Sicherheitskräfte.
Der Unmut gegen Rama und gegen die gesamte politische Führung hat sich seit Monaten verstärkt. Vor Monaten wurde bekannt, dass die Regierung ein Immobilienprojekt in einem Naturschutzgebiet an der albanischen Adriaküste unterstützt, hinter dem Jared Kushner steht, der Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump. Die Proteste werden nun „Flamingo-Revolution“ genannt, weil in dem Naturschutzgebiet auch Flamingos leben. Die Demonstrationen werden von Studierenden angeführt und richten sich auch gegen Korruption, Arbeitslosigkeit und schlechte Bildungsstandards. Sie weiteten sich zuletzt auf immer mehr Städte aus.
Rama sagt Treffen mit Stocker ab
„Die Albaner müssen sich ganz klar überlegen: Wollen sie das oder wollen sie die EU?“, sagte Rama am Sonntag. Es gehe nicht um eine Herausforderung für ihn oder seine Regierung, sondern für den Weg und die Mission des Landes, meinte er. Der Ministerpräsident, der bereits seine vierte Amtszeit hat, machte nicht näher benannte ausländische Interessen für die Proteste verantwortlich. „Gott weiß, was die Konsequenzen sein werden. Es gibt keine jungen Leute, keine Studenten und keine Minderjährigen, die auch nur daran denken würden, diesen Plan umzusetzen. Das ist eine ausländische Hand“, sagte er.
Rama hätte am Montag in Wien Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) treffen sollen, dieser Besuch wurde nun kurzfristig abgesagt. Stocker wird in den kommenden Tagen selbst nach Montenegro reisen, um am Westbalkan-Gipfel am Mittwoch und Donnerstag teilzunehmen. Albanien gilt neben Montenegro als aussichtsreichster Kandidat der Balkanländer für einen EU-Beitritt und strebt diesen bis 2030 an.
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