Österreichs Skiverband meint es mit dem Wunsch nach einer heimischen Skihalle ernst. „Wir richten in den nächsten Wochen eine Arbeitsgruppe ‘Skihalle‘ ein. Es haben sich in Österreich schon mehrere Menschen mit dem Thema beschäftigt, die holen wir jetzt zusammen“, kündigte ÖSV-Präsidentin Roswitha Stadlober an. Rekordsommer und Gletscherschmelze haben den ÖSV über die Grenze schauen und auch wieder reisen lassen.
„Unser Nachwuchs aus Leistungsschulen verbringt in den Sommermonaten zwischen 20 und 30 Tage in der Skihalle“, erklärte Stadlober. „Die fahren nach Litauen, nach Hamburg-Wittenburg, in die Niederlande – Polen baut jetzt zwei Skihallen!“ Auch Marcel Hirscher arbeitete zuletzt in Skihallen in den Niederlanden und Deutschland am Comeback. Und Manuel Feller überlegt nach dem verpassten Südamerika-Trainingscamp ebenfalls, seine Schwünge dieser Tage bei Laborbedingungen und Dach zu ziehen.
Stadlober spricht von positiven Rückmeldungen
Für Stadlober steht fest, dass die selbst ernannte Skination Nummer eins über kurz oder lang eine solche Infrastruktur haben muss. Einerseits, damit Kinder aus Ballungsregionen trotz der Klimakrise möglichst früh mit Schnee in Berührung kommen. Andererseits, damit der Spitzensport an der Technik feilen kann. „Skihalle ist die Zukunft“, sagt die 63-Jährige mit dem Brustton der Überzeugung.
Sie sieht die Zeit dafür auch reif. „Vor zehn Jahren hätte es nur ‘Energiefresser‘ und ‘Für was brauchen wir das?‘ geheißen. Aber das hat sich gewandelt.“ Seit die Verbandschefin das Thema öffentlich wirksam im ORF platziert hat, habe sie nur eine einzige, sehr negative E-Mail erhalten. „Ansonsten bin ich überrascht, dass es viele überlegenswert finden.“ Auch deshalb will sich Stadlober nun mit relevanten Stakeholdern wie Tourismus-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner (ÖVP), Wirtschaftskammer-Präsidentin Martha Schultz und mit der Thematik vertrauten Experten wie Martin Dolezal an einen Tisch setzen.
ÖSV will groß denken
Ein Konzept gibt es noch nicht. Bewusstseinsschaffung ist angesagt. „Wir sind jetzt in einem Stadium, wo man ein bisschen sensibilisieren kann, damit sich die breite Masse mit dem Gedanken anfreunden kann“, erklärte Jan Überall, der neue ÖSV-Generalsekretär. Der Tiroler, groß geworden im Kitzbüheler Skiklub, weiß, dass von einem solchen Projekt auch der Breitensport profitieren müsste. „Eine Skihalle ausschließlich für den Rennsport wird sich nicht spielen. Das muss groß gedacht werden. Da sind Überlegungen da. Es wäre eine gute Geschichte.“ Immer wieder wird Wien als möglicher Standort genannt.
Für ÖSV-Sportdirektor Mario Stecher wäre ein solches Ding nicht weniger als „ein Gamechanger“, weil man dem Wintersport das ganze Jahr über erlebbar machen könne. „Da sehe ich schon Potenzial in einer Skihalle. Dass man einfach Breite schafft, dass man Skisport wieder lebt. Dass Skisport diese Wertigkeit weiterhin hat, die er bis jetzt gehabt hat in Österreich.“
Die Ski-Firmen und -Industrie würden sich den Plänen wohl nicht verwehren. „Ich könnte mir vorstellen, dass es Sachen gibt, die ökologisch verwerflicher sind als eine Skihalle – wenn man es geschickt anstellt“, sagte Atomic-Rennchef Christian Höflehner. Der Salzburger Skihersteller hat sich dem Klimaschutz ganz offiziell verschrieben. Höflehner sieht keinen Widerspruch: „Wir wollen, dass der Skisport in der Natur uns möglichst lange erhalten bleibt. Zu unserem Geschäft gehört aber auch, dass man junge Leute zum Skifahren bringt. Der Erstkontakt zum Schnee wird immer schwieriger.“
Feller kennt die Vor- und Nachteile
Die Top-Asse indes sind bei diesem Thema durchaus zwiegespalten. Julia Scheib verbat sich nach längerem Überlegen einen Kommentar, während Feller etwa gleich mehrere Vorteile herausstrich: „Du hast fast Laborbedingungen, einen kurzen Umlauf, kannst materialmäßig ganz anders reagieren. Du hast kurze Wege.“ In der Halle sei das Training sehr minimiert auf den Sport an sich, so Feller. „Im Vergleich zu Gletschertraining in Zermatt, wo ich um halb fünf Uhr aufstehen und sechs Paar Ski über drei Lifte auf dreieinhalbtausend Meter raufschleppen muss, ist es eine ganz andere Belastung. Ich kann in einem Yoga-Raum meine Mobilisationssachen machen, 50 Meter rübergehen und Abläufe trainieren.“
Training für die schnellen Disziplinen wie Abfahrt und Super-G ist hingegen nicht möglich. Und auch für die Techniker werden die Südamerika-Reisen in der Sommer-Vorbereitung unumgänglich bleiben, weil schlichtweg Winterschnee in der Halle fehlt. „Du wirst in der Materialabstimmung für die Rennen in der Halle null weiterbringen“, sagte Feller. Ungeachtet dessen findet Marco Schwarz das Hallenthema überlegenswert. „Ich kenne viele Slalomfahrer und Teams, die sich fast nur in der Skihalle vorbereiten. Es ist schon möglich. Aber wir brauchen nicht über das Gefühl reden, ob man auf dem Berg oben steht oder in einer Skihalle.“
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