Auf den Malediven mit Haien zu schwimmen, ist nichts Ungewöhnliches. „Krone“-Reiseressort-Leiterin Andrea Thomas interviewte den britischen Meeresbiologen James Cordery, der im Six Senses Kanuhura arbeitet. Er erzählt über im Atoll vorkommende Haie und warum ihr sanftes Wesen fasziniert.
„Krone“: Welche Haie kommen im Lhaviyani-Atoll vor?
Meeresbiologe Cordery: Im Lhaviyani-Atoll gibt es eine große Vielfalt an Haien, die sowohl in den wunderschönen Seegraswiesen als auch an unseren Korallenriffen leben. Die häufigste Art ist der Schwarzspitzen-Riffhai, der sich vorwiegend von kleinen Fischen und Krebstieren ernährt und dabei bevorzugt verletzte oder kranke Tiere jagt, die leichter zu fangen sind. Interessanterweise kann man bei uns oft junge Schwarzspitzen-Riffhaie direkt vor der Küste beobachten, sodass Gäste die Haie sehen, ohne ins Wasser zu müssen. Eine weitere Art, die bei Tauchern sehr beliebt ist, ist der Graue Riffhai. Diese Haie werden etwas größer als Schwarzspitzen-Riffhaie, die typischerweise etwa 1,5 Meter lang werden, während Graue Riffhaie fast 2 Meter erreichen können. Besonders hervorzuheben ist, dass es im Six Senses Kanuhura auch eine lokale Population von Ammenhaien gibt.
Begibt man sich in Gefahr, wenn man mit diesen Haien schwimmt?
Keiner der hier vorkommenden Haie stellt eine Gefahr dar. Die Tiere leben in extrem nahrungsreichen Umgebungen, in Seegraswiesen und Korallenriffen, zwei der artenreichsten Ökosysteme des Ozeans. Daher haben sie spezifische Beutevorlieben entwickelt, ähnlich wie wir Menschen Lieblingsgerichte haben! Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Hai an einem Korallenriff und suchten nach den gleichen kleinen Fischen, die Sie jeden Abend essen. Würden Sie sich wirklich umdrehen und versuchen, etwas zu fressen, das Sie noch nie zuvor probiert haben, das doppelt so groß ist wie Sie und eine ernsthafte Bedrohung für Ihr Leben (also das der Menschen) darstellen könnte? Die Antwort ist nein, und deshalb können wir das Wasser gefahrlos mit ihnen teilen.
Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, Haien bei einem Ausflug zu begegnen?
Bei unserem Abenteuer-Schnorchelausflug beispielsweise ist die Wahrscheinlichkeit, Schwarzspitzen-Riffhaie zu sehen, deutlich höher, während die Sichtung von Ammenhaien sehr unwahrscheinlich ist. Im Gegensatz dazu begegnen Gäste bei unserem Ammenhai-Schnorchelausflug regelmäßig Ammenhaien, während Schwarzspitzen-Riffhaie eher selten anzutreffen sind. Dies liegt an den unterschiedlichen ökologischen Nischen, die diese Haie besetzen. Schwarzspitzen-Riffhaie ernähren sich hauptsächlich von Fischen, während Ammenhaie Bodenfresser sind und Tiere jagen, die auf oder im Meeresboden leben, wie zum Beispiel Krebse, Garnelen und kleine Fische. Aufgrund dieses Fressverhaltens bieten die üppigen Seegraswiesen rund um das Resort ideale Jagdgründe für Ammenhaie, weshalb wir sie dort regelmäßig antreffen.
Die Haie schwimmen dem Boot nach? Warum tun sie das? Werden sie gefüttert, um sie daran zu gewöhnen?
Diese Ammenhaie folgen oft den Geräuschen von Motorbooten in der Nähe, biologisch gesehen ist das nachvollziehbar. Haie sind von Natur aus darauf spezialisiert, tieffrequente Geräusche (ähnlich denen von Motoren) im Wasser wahrzunehmen, um Beute zu finden. Viele Meerestiere stoßen beispielsweise tieffrequente Laute aus, wenn sie in Not sind, um Fressfeinde abzuschrecken oder sogar, um mit ihren Artgenossen zu diskutieren. Indem Haie diese Geräusche wahrnehmen, können sie also entweder eine leichte Beute oder eine abgelenkte Beute finden. Doch das ist noch nicht alles. Bevor Six Senses das Gelände übernahm (vor zwei Jahren), wurden diese Ammenhaie regelmäßig gefüttert, und ein Element des assoziativen Lernens (eine erlernte Verknüpfung zwischen dem Geräusch eines Motorboots und Futter) wird bei unseren Begegnungen mit ihnen eine Rolle spielen.
Man begegnet hier auch Stachelrochen und Mantas.
Ja, neben Ammenhaien begegnen wir häufig Stachelrochen wie dem Rosa Stachelrochen und dem Federschwanz-Stachelrochen. Ähnlich wie Ammenhaie ernähren sie sich vom Meeresboden und jagen kleine Krebstiere und Fische, die im Sand leben. Seegraswiesen sind daher ein wichtiger Lebensraum für Stachelrochen. Sie bieten reichhaltige Nahrungsquellen und dienen als wichtige Kinderstuben für die Beutetiere, von denen sie abhängig sind. Deshalb sehen Gäste täglich Stachelrochen an den Stränden oder unter unseren Stegen vorbeigleiten. Sie sind nicht gefährlich. Ihr Stachel dient ausschließlich der Verteidigung, er wird nur eingesetzt, wenn sich das Tier bedroht fühlt.
Gibt es eine Saison, in der man die Tiere typischerweise im Wasser antrifft?
Das Lhaviyani-Atoll zieht auch Mantarochen an, allerdings ist deren Anwesenheit saisonabhängig. Mantarochen sind Filtrierer und verbringen einen Großteil ihres Lebens im offenen Ozean auf der Suche nach Zooplankton - winzigen, im Wasser treibenden Tieren, die sich mit den Meeresströmungen bewegen. Von Anfang Oktober bis Januar begünstigen die Meeresbedingungen eine erhöhte Planktonproduktion. Diese saisonale Planktonblüte lockt die Mantarochen näher an das Atoll, wo sie an lokalen Tauch- und Schnorchelplätzen beobachtet werden können. Ammenhaie kann man das ganze Jahr beobachten.
Was für ein Gefühl ist es für Gäste, mit den Haien zu schwimmen?
Mit einem Tier im Wasser zu sein, das größer ist als man selbst, ist für viele unglaublich einschüchternd. Ähnlich wie beim ersten Fallschirmsprung überwindet man die anfängliche Angst und wagt den Sprung ins Wasser mit den Tieren. Man empfindet sofort ein Gefühl der Dankbarkeit und des Staunens, das schwer zu beschreiben ist! Viele Gäste sind überglücklich und beschreiben das Erlebnis als unvergesslich.
Was ist Ihnen besonders wichtig?
Dass Gäste eine neue Sichtweise auf diese oft missverstandenen Tiere gewinnen.
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