"Krone"-Interview

Kahn: "Heute schlägt mir viel Sympathie entgegen"

Sport
17.11.2013 10:53
Dreimal Welttorhüter, zweimal Deutschlands Fußballer des Jahres, bester Torhüter und Spieler der WM 2002, Vizeweltmeister, Champions-League-Sieger, Europameister, UEFA-Cup-Sieger - Oliver Kahn! Symbolfigur des FC Bayern, Feindbild der Nicht-Bayern-Fans. Aber noch viel mehr, wie der 44-Jährige vor seinem Kommen zur "Krone"-Sportgala am 30. November ins Linzer Design-Center verraten hat.

"Krone": Herr Kahn, bei Ihrem Abschied hat es 2008 geheißen: "Der Titan geht, die Legende bleibt!" Wie sehr fehlt Ihnen heute der Geruch des Rasens?
Oliver Kahn: Ich habe mich erst letztens mit Kalle Riedle darüber unterhalten, was denn das eigentlich Großartige an so einer Karriere ist.

"Krone": Und?
Kahn: Es ist die Emotion. Diese emotionalen Momente, so ein Champions-League-Finale zu gewinnen, zu verlieren. Oder eine WM zu erleben. Weil es so emotionale Elemente sonst nirgends gibt. Die Frage ist nur die der Kompensation, wenn man aufhört. Was dann? Kann man solche Momente mit etwas anderem kompensieren? Man kann es nicht!

"Krone": Warum zeigten Sie dann nie Ambitionen, in den Fußball zurückzukehren?
Kahn: Es war nicht mein Bestreben, Trainer oder Manager zu werden. Weil ich diese Monotonie nicht mehr wollte. Training, Reisen, Hotel – ich wollte etwas anderes, weil mich das Unternehmerische immer fasziniert hat.

"Krone": Wie schwierig war diese Umstellung dennoch?
Kahn: Ich habe früh erkannt, dass man nicht automatisch ein guter Geschäftsmann ist, weil man ein guter Sportler war. Also erarbeitete ich mir neue Kompetenzen, begann zu studieren, habe in Seekirchen bei Salzburg meinen MBA gemacht, parallel dazu meine Stiftung und zusammen mit Partnern die Titaneon Media AG sowie die Fanorakel AG aufgebaut. Darüber hinaus bin ich heute ZDF-Experte, arbeite mit meinen Werbepartnern und halte auch Vorträge.

"Krone": Ihr Lieblingsvortrag?
Kahn: "Die Philosophie der Nummer eins." Darin geht es um die Bedeutung kontinuierlicher Höchstleistung im Sport und in der Unternehmenswelt. Bestimmte Strategien und Techniken können sowohl im Profisport als auch im Unternehmen Spitzenleistungen hervorbringen. Hinterher habe ich dann schon gehört: "Das klingt aber anstrengend, Herr Kahn!" So ist es aber: Erfolgreich zu sein funktioniert nicht einfach so nebenbei.

"Krone": Was ist für Sie heute überhaupt ein Erfolg?
Kahn: Wenn ich in Südafrika sehen kann, was dort mit Hilfe meiner Stiftung entstanden ist und ich das Gefühl habe, ich habe Menschen gestärkt, entwickelt, weitergebracht. Aber natürlich gehören zu unternehmerischem Erfolg auch Hard Facts – also die wirtschaftlichen Zahlen.

"Krone": Was macht Ihre Stiftung?
Kahn: Wir haben in einem Township in Kapstadt ein Bildungszentrum für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche gebaut. Jungs und Mädels spielen Fußball und durchlaufen das "Du packst es"-Programm. Sie werden in ihrer Persönlichkeit entwickelt. Lernen, was eine Vision ist, was Ziele sind, wie man mit Niederlagen und Frustration umgeht. Die Kinder und Jugendlichen durchlaufen ein pädagogisches System, können auch selbst Coach werden, einen Arbeitsplatz oder – durch unsere Vernetzung – auch ein Universitäts-Stipendium bekommen.

"Krone": Welche Schlagzeile würde Sie über Ihre Karriere nach Ihrer Karriere freuen?
Kahn: Schlagzeilen haben für mich keine große Bedeutung. Früher war mir bei Schlagzeilen immer wichtig, dass ich glaubwürdig war. Ich wollte nie der Sympathische sein, weil man es sowieso nie allen recht machen kann. Heute brauche und suche ich gar keine Bestätigung von außen mehr.

"Krone": Reden wir von früher! Sie waren in Ihrer Karriere jemand, der extrem polarisiert hat, deshalb sehr angefeindet wurde. Wo lag da die Schmerzgrenze?
Kahn: Also bei allem, was die Menschenwürde verletzt und rassistisch ist, ist diese Grenze längst überschritten. Aber wenn man Profi wird, muss man auch wissen, was man tut. Und als Symbolfigur eines stark polarisierenden Klubs wie dem FC Bayern muss man auch damit rechnen und leben, dass es hart zur Sache geht.

"Krone": Doch auch wenn Bananen weich sind: Wenn Sie einem ständig entgegenfliegen – ist das nicht zu hart?
Kahn: Ach, die Bananen! Irgendwann versuchte ich, das psychologisch umzudeuten. Heißt: Ich hätte mich gewundert, wenn sie mir in fremden Stadien nicht entgegengeflogen wären. Weil das ja ein Signal für den Gegner war: "Der Kahn ist da!" Deshalb hab' ich sie irgendwann einmal gar nicht mehr wahrgenommen. Aber man bekommt auch eine dickere Haut.

"Krone": Wie reagieren Nicht-Bayern-Fans heute, wenn Sie, nennen wir es, "ins Feindesland" kommen?
Kahn: Das hat sich total relativiert. Überall, wo ich hinkomme, schlägt mir heute interessanterweise viel Sympathie und Freundlichkeit entgegen. Kürzlich sagte etwa ein Dortmund-Fan zu mir: "Mensch, als du noch im Tor gestanden bist, war dat hier noch richtig emotional!" Also der eine oder andere findet es offenbar ein bisschen schade, dass ich aufgehört habe.

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(Bild: KMM)



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