Experten vor EU-Wahl:

Jungwähler sind vor allem im Social Web erreichbar

Web
02.11.2023 12:48

Wer im Zuge der EU-Wahl Jungwähler erreichen will, muss auf soziale Medien setzen. Denn diese informieren sich überdurchschnittlich stark dort, stellten Digital-Expertin Ingrid Brodnig und Markus Zimmer, Geschäftsführer der Social Media Marktforschungsagentur Buzzvalue fest. Dass Instagram, YouTube, TikTok und Co. eine große Rolle spielen, bringt Herausforderungen wie Fake News und Social-Media-„Bubbles“ mit sich.

Brodnig hob vor allem die Bedeutung von YouTube und Instagram für das junge Publikum hervor. So nutzen laut Digital News Report 2023 des Reuters Institutes 61 Prozent der 18- bis 24-Jährigen in Österreich, die Internet haben, YouTube, 59 Prozent Instagram, 31 Prozent TikTok - laut Brodnig ein „ganz besonders junger Kanal“ - und nur 25 Prozent Facebook. Zimmer nennt Instagram und TikTok als jene Kanäle, über die Jungwähler gut erreichbar seien. Facebook hingegen sei zwar immer noch eine vielgenutzte Plattform, junge User würden dort aber kaum nachkommen. Auch X (vormals Twitter) habe Relevanz - was dort passiere, könne sich am nächsten Tag in den Zeitungen wiederfinden.

Heimische Parteien sowie Spitzenkandidaten würden nun vermehrt TikTok nutzen, „Facebook und Instagram sowieso“, meinte Zimmer. Er geht davon aus, dass Andreas Schieder und Harald Vilimsky, die wohl für SPÖ bzw. FPÖ als Spitzenkandidaten antreten, auf alle Kanäle setzen werden. Traditionellerweise bespiele die FPÖ die sozialen Medien am umfangreichsten und mitunter auch am professionellsten, meinte Zimmer. Auch Brodnig räumt der FPÖ vor allem auf Youtube einen Startvorteil ein, wo diese den Kanal „FPÖ TV“ aufgebaut hat, der derzeit bei rund 200.000 Abonnentinnen und Abonnenten hält. Bei der Jugend können Parteien online außerdem mit für sie relevanten Themen punkten - etwa der Klimakrise.

Autorin und Social-Media-Expertin Ingrid Brodnig (Bild: APA/HANS PUNZ)
Autorin und Social-Media-Expertin Ingrid Brodnig

Andere Art der politischen Kommunikation
Jungwähler stoßen in den sozialen Medien auf eine andere Art der politischen Kommunikation als in klassischen Medien. Diese sei typischerweise weder witzig, noch kurz - zwei Aspekte, die aber auf TikTok besonders gefragt seien, meinte Brodnig. Auch auf Instagram müsse man sich kurz halten, außerdem erlaube die Plattform wenig Text und sei sehr bildlastig. Das erfordere einen Fokus auf die Kernthemen, die am besten häufig wiederholt werden, um die Anliegen der Partei zu verdeutlichen. In den sozialen Medien werde außerdem auf Personalisierung gesetzt. Auch durch Investitionen können Wahlwerbende in sozialen Medien besonders sichtbar werden.

Zimmer sieht für Kandidaten und Parteien einige Vorteile von sozialen Medien. Sie können dort etwa einseitig - ohne journalistische Fragen oder Einordnung - Botschaften verbreiten. Auch können sie entscheiden, welche Gruppen welche Botschaften sehen. Zielgruppengerechte und auf die jeweilige Plattform zugeschnittene Postings seien denn auch ein Erfolgsrezept. Andererseits würden sich auch Fehler schnell verbreiten, weist Zimmer etwa auf das „Burger-Video“ von Kanzler Karl Nehammer (ÖVP) hin.

Vorsicht vor Falschmeldungen!
Grundsätzlich seien soziale Medien dennoch keine schlechte Quelle für Informationen, meinte Brodnig. Wer sich hier informiert, ist allerdings auch vor Falschmeldungen nicht gefeit. Fake News, die die EU in ein schlechtes Licht rücken, die Brüsseler Bürokratie etwa als volksfern oder korrupt darstellen, würden etwa von EU-skeptischen Accounts kommen. Auch hält es Brodnig für wichtig, darauf zu achten, ob mittels Falschmeldungen eine Beeinflussung aus Russland im Wahlkampf stattfindet. Zimmer warnt indes vor der durch Algorithmen gestützten „Bubble“, in der man sich auf Social Media befindet. Folge man auf Dauer nur einem Spitzenkandidaten oder einer Partei, so sehe man mehr und mehr Inhalte davon, andere Ansichten finden den Weg in die Timeline nicht.

Während Zimmer mutmaßt, dass junge Menschen vor allem das wahrnehmen, was in ihre Timeline gespült werde, spricht Brodnig ihnen eine im Vergleich zu anderen Altersgruppen höhere, aber nicht bei allen gleich stark ausgeprägte digitale Kompetenz zu. Bei ihnen sei die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie im Internet überprüfen, ob eine Behauptung stimme. Sie rät Jungwählern, auch online möglichst hochwertige Quellen wie etablierte Medien heranzuziehen und Quellen kritisch zu betrachten.

Doch wie bedeutsam sind „Likes“ für das Wahlergebnis? Ein Vernachlässigen sozialer Medien könne einen deutlich negativen Effekt auf das Wahlergebnis haben, meinte Zimmer. Nicht jedes „Like“ sei aber eine Wählerstimme. Allerdings befördere jede Interaktion den Algorithmus und sei ein Zeichen von Relevanz des geposteten Inhalts, meinte er. Soziale Medien könnten ein „zusätzlicher Boost“ sein, indem Wähler nochmals mit Inhalten und Kandidaten in Kontakt kommen, erklärte Brodnig, fügte aber hinzu, dass ihre Bedeutung für den Ausgang einer Wahl auch überschätzt werden könne.

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