Live im Happel-Stadion

Guns N‘ Roses: Ein Jackpot in der Wundertüte

Wien
14.07.2022 08:00

Packt er‘s oder nicht? Nachdem sich Axl Rose ein paar Tage vor dem Guns-N‘-Roses-Wien-Gig Mittwochabend kränklich zeigte, war das die Frage der Stunde. Vor rund 40.000 Fans zeigten sich die kalifornischen Hard-Rock-Legenden aber in Topform und boten nach leichten Anfangsschwierigkeiten eine bravouröse Show, die in drei Stunden so gut wie alle Hits beinhaltete. Ein in der Form nicht erwarteter Triumphzug.

Einige Tage lang stand der Auftritt von Guns N‘ Roses im Wiener Happel-Stadion auf Messers Schneide. Inmitten der laufenden Europatour bekam Frontmann Axl Rose plötzlich Stimmprobleme und musste auf Anraten von Ärzten sogar einen Gig in Schottland absagen, nachdem man den davor in London nach ungefähr der Hälfte beenden musste. Man kann es auch Tribut zollen für die Überbelastung nennen, denn die Guns spielen alle zwei bis drei Tage und prinzipiell immer drei Stunden aufwärts. Der Verfasser dieser Zeilen war beim allerlängsten Tourauftritt in Warschau live dabei, wo erst nach 200 Minuten Schluss war. Danach ging’s mit der Stimme sukzessive bergab und die Kritiken der Zeitungen wurden harscher. Vielleicht ein Mitgrund, warum die Band offiziell weder Journalisten noch Fotografen in Wien zugelassen hat.

Leichte Anfangsschwierigkeiten
Für die - leider nur - 40.000 Fans haben die kalifornischen Kult-Rocker aber eine wesentlich bessere Laune im Talon, denn nach ersten geglückten, aber auch etwas verkürzten Generalproben in München und Mailand zeigt sich der 60-jährige Axl in Wien fast wieder von seiner stimmlichen Schokoladenseite. Bis man sich dessen gewahr wird, vergehen aber ein paar Minuten. Die Opener „It’s So Easy“ und „Mr. Brownstone“ intoniert er noch relativ tief und holprig, „Chinese Democracy“ verlangt keine Wunderdinge und erst bei „Welcome To The Jungle“ findet er langsam in die Spur. Das Internet amüsierte sich unlängst bei einem Festival im norwegischen Stavanger, dass Axl beim Chorus wie die „Family Guy“-Figur Herbert, the Pervert klingen würde - davon ist an diesem Abend zum Glück nichts zu merken. Dazu funktioniert auch die Band. Drummer Frank Ferrer glänzt mit Peter-Criss-Shirt, Gitarrengott Slash wirbelt unvergleichlich mit mittlerweile grauem Bart, Bassist Duff McKagan ist das rhythmische Rückgrat, Melissa Resse fungiert als sanfte Backgroundstimme, Dizzy Reed darf sukzessive Keyboard-Soli einstreuen und Richard Fortus ist der allumfassende Rhythmusgitarrenkitt.

Band und Publikum brauchen aber etwas, bis man sich irgendwann im seligen Gleichklang findet. Bei hochsommerlichen Temperaturen und viel zu hellem Tageslicht kommen die Rock-Klassiker natürlich nicht ganz so gut zur Geltung, die Hitze scheint sich hingegen auch auf die Fitness der Anwesenden geschlagen zu haben. Anfangs fehlen die ganz großen Kracher. Songs wie „Better“, das würdig gesungene Velvet-Revolver-Cover „Slither“ und „Double Talkin‘ Jive“ haben zwar ihre lichten Momente, kommen aber nicht an das Hitpotenzial der Champions-League-Songs der Band ran. Aus gesundheitlichen Gründen hat man im Vergleich zu den restlichen Europashows vor allem die Coverversionen ordentlich eingestampft. Die Übriggebliebenen überzeugen aber auf voller Linie. Der Wings-Hit „Live And Let Die“ ertönt souverän, aber nicht herausragend. Doch wer sich angeschlagen an AC/DCs „Back In Black“ und die feine Country-Hymne „Wichita Lineman“ von Jimmy Webb wagt und dann auch noch gewinnt, dem gehört ein dickes Sonderlob ausgesprochen. Bravo, Axl.

Buntes Potpourri
Während sich die Band auf der Bühne nach Kräften abmüht, werden im Areal fleißig heillos überteuerte Getränke ohne Kartenzahlungsoption bestellt. Die Vielfalt der Anwesenden spiegelt ein Stadionkonzert wider. Eine Partie älterer Herren erzählt stolz, dass ihr letzter Gig vor Guns N‘ Roses bei den jungen Oberkrainern gewesen sei, andere tragen stolz ihre Live-Shirts aus 1992 und wiederum andere transportieren ihre Enkel zur musikalischen Früherziehung am Rücken. Die Demografie des Publikums reicht von Diaspora bis Döbling und bildet einen mehr als bunten Querschnitt der Bevölkerung ab. „Das meinte Billy Joel also mit ,Vienna waits for you‘“, entfleucht es Axl nach lauten Beifallsbekundungen seiner Fans. Showmaster wird aus dem ehemaligen Grantscherm keiner mehr, dafür tänzelt er auch im Frühpensionsalter leichtfüßig, verbeugt sich immer wieder demütig und hat sichtlich Spaß am bunten Treiben.

Gegen Halbzeit legt sich dann plötzlich ein Schalter um und die Magie des Abends zieht sich wie Feenstaub über das gesamte Stadion. Nach einem eher mühevollen und mit einem viel zu langen Slash-Gitarrensolo ausstaffierten „Rocket Queen“ ist der „Terminator“-Song „You Could Be Mine“ der Gamechanger des Abends. Plötzlich greifen die Zahnräder ineinander und aus einem Nebeneinander wird ein kollektives Miteinander. Bassist Duff McKagan darf beim Iggy-Pop-Cover „I Wanna Be Your Dog“ den Punk von der Leine lassen, das mit einer Ukraine-Botschaft versetzte „Civil War“ geht intensiv ins Mark und „Sweet Child O‘ Mine“ hat man sich auch nach vierstelligen Hörversuchen nicht madig gemacht. Der Himmel verdunkelt und der Jubel im Publikum verdoppelt sich und damit einhergehend scheint auch die Band plötzlich eine Art zweite Energie zu gewinnen.

Furioses Schlussdrittel
Im Schlussdrittel reiht sich ein magischer Moment an den nächsten. Vor allem die Balladen werden mit einer inbrünstigen Stringenz dargeboten, dass es auch gestandenen Mannsbildern im Publikum die Tränen in die Augen treibt. Axl Rose am Piano bei „November Rain“, seine grandiose Gesangsleistung beim Bob-Dylan-Cover „Knockin‘ On Heaven’s Door“ oder auch das mit drei Akustikgitarren und Beatles‘ „Blackbird“ eingeleitete Izzy-Stradlin-Geniestück „Patience“ vermischen wohlige Nostalgie und das Genießen des Moments auf besondere Art und Weise. Dass man „Don’t Cry“ zugunsten des überlangen „Coma“ streicht, tut nur kurz weh, denn der aus allen Schienen rumpelnde „Nightrain“ und der unverzichtbare Kultklassiker „Paradise City“ geleiten die enthusiasmierten Fans in eine wohlige Nacht. Drei Stunden und 27 Songs stehen da am Programm und von Axls temporärer Krankheit merkt man längst schon gar nichts mehr. Er ist und bleibt live eine Wundertüte - dieses Mal war aber der Jackpot drinnen.

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