05.06.2022 07:00 |

Triebfeder des Bösen

Hass: Das schlimmste Gefühl

Psychiater Reinhard Haller hat ein neues Buch geschrieben. Über das schlimmste Gefühl der Menschen. Über Hass.

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Hass. Das schlimmste menschliche Gefühl. Das nur Unheil schafft, in seiner immensen Destruktivität. Für jene, die Hass ausgesetzt sind. Und für die Hassenden selbst. So Hallers Conclusio zu seinem neuen Buch: „Die dunkle Leidenschaft - Wie Hass entsteht und was er mit uns macht.“ Hass. Eine Empfindung, die krank macht, die immer Zerstörung bringt, die niemals reinigend wirken kann. Hass. Ein „Phänomen“, bislang kaum beleuchtet von Psychiatern.

Wenn Liebe zu tiefer Abneigung wird
„Weil“, wie Haller aus seiner jahrzehntelangen beruflichen Erfahrung weiß, „Hassende kaum dazu bereit sind, über das Böse in Ihnen zu sprechen, und sie es zudem in seiner Dimension nicht erkennen.“ Wodurch entsteht Hass? „Häufig durch Kränkung, durch Zurückweisung, durch Enttäuschung.“ „I hate you, I hate you, oh my God, I love you - Ich hasse dich, ich hasse dich, oh mein Gott, ich liebe dich.“ Ein Textstelle aus einem Lied des US-amerikanischen Rocksängers Kurt Cobain. Können Liebe und Hass tatsächlich nebeneinander existieren? Entspricht es der Wahrheit, dass gerade besonders intensive Liebe nicht selten in unendlichen Hass umschlägt? Haller: „Schon in der Bibel steht: ,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.‘ Was bedeutet: Auch nicht mehr. Wer also seinen Partner über sich extrem erhebt, verfügt in der Regel über einen zu geringen Selbstwert. Und im Falle einer Trennung besteht dann die Gefahr, dass die bis dahin überbordende Zuneigung zu einer über allem stehenden Abneigung wird.“

Wodurch für die Hassenden eine fatale Spirale nach unten entsteht. „Sie fressen ihre grauenhaften Gefühle in sich hinein, verstricken sich darin. Werden in ihrem Unglück zunehmend zu Gefangenen ihrer Gedanken. Und entwickeln irgendwann sogar psychosomatisch bedingte Leiden.“ Bluthochdruck, Herzbeschwerden, Bandscheibenprobleme. Wie den Betroffenen helfen? „Mit Therapien. In denen sie langsam lernen, sich zu schätzen, zu lieben.“ Geschehen solche „Umpolungen“ nicht, besteht ein hohes Risiko für Suizid. „Der ausgeprägtesten Form des Hasses - nämlich gegen sich selbst.“ Hass. Seine „Spielarten“ können weitreichend sein. Wenn die primitivste Form der Aggression ganze Bevölkerungsgruppen betrifft. Wenn von Diktatoren, Terroristen, Verblendeten Hass bewusst geschürt wird, um Mitstreiter für entsetzliche Ideen zu bekommen. Aktuell zeige der Krieg in der Ukraine, „wie Menschen nachhaltig zu der Auffassung manipuliert werden, sie würden auf der guten Seite stehen - obwohl in deren Namen Schreckliches geschieht“.

Öffentliche Hinrichtungen - unter Beifall
„Putin“, erklärt Haller, „hat die Überfallenen als drogensüchtige Nazis, die zum Eigenschutz unbedingt bekämpft werden müssten, stilisiert. Und - laut Umfragen - scheinen 70 Prozent der Russen seinen falschen Behauptungen Glauben zu schenken.“ Die Strategie, bestimmte Personen und Ethnien zu Feinden - und folglich zu Hassobjekten zu machen - hat eine lange Geschichte. Als erschütternde Beispiele dafür nennt der Psychiater in seinem Buch - etwa auch - öffentliche Hinrichtungen, „die bis jetzt in manchen Kulturen stattfinden.“ Und Beifall auslösen. Genauso wie bereits der Terroranschlag vom 11. September 2001 mit über 3000 Toten in den USA. Die Täter hatten - wie ihre Gesinnungsbrüder - gedacht, mit ihrem Verbrechen, das Richtige zu tun; so stark, dass sie sogar dazu bereit waren, für ihre fanatischen Anschauungen zu sterben. Wie ist es möglich, Männer und Frauen zu Attentätern zu machen? „Indem sie Gehirnwäschen unterzogen werden.“ Können solche bei jedem von uns funktionieren? Hallers erleichternde Antwort: „Davon gehe ich nicht aus.“

Vom Opfer zum „Hater“
Unter welchen Umständen wir aufwachsen; wie wir im Kindesalter behandelt werden, ob wir zu dieser Zeit Empathie vermittelt bekommen oder Gewalt erfahren, spiele schließlich eine bedeutende Rolle dabei, ob wir letztlich als „Hater“ prädestiniert gelten. Ein Drittel der Menschen, das belegen Untersuchungen, sei diesbezüglich disponiert; einige wenige davon wegen Veränderungen im Gehirn. In dem Zentrum, in dem das Mitgefühl „sitzt“; und in einem Bereich, der durch diverse Krankheiten Schäden davontragen kann. Der - zum Teil tief sitzende, auf verschiedene Ebenen lenkbare - umfassende Hass zeige sich im Heute deutlich mit verabscheuungswürdigen Postings im Internet. Die in der Pandemie zugenommen haben. „Und gleichzeitig ist“, so Haller, „die Bereitschaft angestiegen, die Regierung bei Demonstrationen wegen der durch Corona notwendig gewordenen Maßnahmen anzugreifen, zum Feind zu schablonisieren.“

Die Gründe dafür sieht der Psychiater hauptsächlich in Furchtgefühlen. Im konkreten Fall in der Furcht, joblos zu werden und in der Folge einen gesellschaftlichen Abstieg zu erleiden. In der Furcht, zu vereinsamen. In der Furcht, unfrei zu werden. „Denn wir dürfen nicht vergessen, dass Angst ein Auslöser für Hass ist.“ Was bei allen Hassenden - egal, aus welchem Antrieb - gleich bleibt: Sie entmenschlichen ihre Opfer. Sie machen sie zu schwerst Schuldigen. In ihrem Fanatismus, ihrem Narzissmus, ihrer Gekränktheit. In ihrer Unzulänglichkeit, eigene schlimme Erlebnisse in einer adäquaten Weise aufzuarbeiten.

Blutige Amokfahrt eines „unfreiwillig Zölibatären“

Es geschah am 23. April 2018: Mit einem Lieferwagen fuhr der damals 25-jährige Alek M. in Toronto, Kanada, Amok und tötete dabei acht Frauen und zwei Männer. Seine Opfer hätten „eigentlich bloß weibliche Personen“ sein sollen, erklärte er später in Verhören. Der Täter gehörte der Gruppe der „Incels“, der „unfreiwillig Zölibatären“, an. Einer Gemeinschaft, die vor allem über soziale Medien miteinander kommuniziert; deren Mitglieder Frauenhasser sind. Weil sie von potenziellen Partnerinnen stets abgewiesen wurden. Bei seinem Prozess 2001 sagte Alek M., dass er mit seinem Verbrechen „auf das tragische Schicksal der vielen Incels auf dieser Welt“ habe hinweisen wollen.

Sigrid Maurer und der „Bierwirt“

Vielleicht waren es fürchterliche Erlebnisse, die ihn zu einem hassenden Menschen gemacht haben. Albert L., aus desolaten Familienverhältnissen stammend, aufgewachsen in einem Heim, wurde schon im Hauptschulalter straffällig. Zunächst mit Vandalenakten, später mit Drogen- und Gewaltdelikten. „In ihm war einfach immer eine immense Aggressivität“, sagen ehemalige Freunde von ihm bis heute. 2018 kam der „Bierwirt“ - er war Pächter eines Lokals - in die Schlagzeilen. Nachdem er Sigi Maurer, Klubobfrau der Grünen, obszöne Nachrichten geschickt hatte. 2021 ermordete er die Mutter seiner zwei Kinder. Die Frau hatte sich von ihm trennen wollen.

Johnny Depp gegen Amber Heard: Aus Liebe wurde Hass

Johnny Depp und Amber Heard - früher sollen sie einander geliebt haben. Denn beide trennten sich rasch von ihren Partnern, nachdem sie sich 2009 bei Dreharbeiten kennengelernt hatten. 2014 die Verlobung, bald die Hochzeit. Aber schon 2016 die Scheidung. Zwei Jahre später eröffnete Heard den Krieg gegen ihren Ex. Indem sie über ein Medium andeutete, er habe sie einst misshandelt. Es folgte eine Klage Depps. Letztlich ein - öffentlicher - Prozess, indem sich das Paar fürchterlichster Dinge beschuldigte: unzähliger Körperverletzungen, des Drogenkonsums. Die ganze Welt weiß nun von den Exzessen. Doch das haben die beiden in Kauf genommen; in ihrem gegenseitigen Hass.

Wertvolle Tipps zur Hassbewältigung
Gibt es „Rezepte“, Hass zu besiegen; sich von diesem vernichtenden Gefühl zu befreien? Der Psychiater gibt dazu in seinem Buch Tipps. Die da sind: Erkennen und sich bekennen; ansprechen und benennen; Ursachen - am besten mit Fachkundigen - analysieren; sich in die gehassten Personen hineinfühlen; Folgen seiner Gedanken, seiner Handlungen bedenken; Mitmenschen ganzheitlich betrachten; Aggressivität konstruktiv nutzen - etwa, um Karriere zu machen; versuchen, Humor einzuschalten; loslassen. Verzeihen. „Denn verzeihen“, sagt Reinhard Haller, „bedeutet am Ende auch - Frieden zu finden mit sich selbst.“

Martina Prewein
Martina Prewein
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