11.12.2021 06:00 |

Forscher im Interview:

„Angst vor der Spritze kommt aus der Steinzeit“

Ob kleiner Piks oder große Fleischwunde ist egal: Zunächst einmal fährt das gleiche Überlebenssystem in uns hoch, weiß Hirnforscher Marcus Täuber. Die „Krone“ hat mit ihm gesprochen, was die Angst vor der Spritze auslöst.

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„Krone“: Wo kommt unsere Angst vor Verletzungen her?
Marcus Täuber: Sie basiert auf einem Steinzeitprogramm unseres Gehirns. Sie kommt aus einer Zeit, in der Verletzungen schnell lebensgefährlich werden konnten. Es ist die einzige Angst, die direkt durch einen massiven Blutdruckabfall zur Ohnmacht führen kann. Wenn wir bewusstlos sind, gerinnt das Blut besser. Und wir wirken tot, wodurch eventuell Feinde von uns ablassen. Das hat also evolutionäre Vorteile.

Und was hat das mit der Impfung zu tun?
Wir alle tragen die Veranlagung in uns, diese Angst zu entwickeln. Bei rund einem Viertel der jungen Menschen ist sie so stark ausgeprägt, dass Blutabnahmen, Impfungen, medizinische Eingriffe vermieden werden.

Die große Überlebensangst bei dem kleinen Piks?
Unser Angstsystem im Kopf unterscheidet zunächst nicht zwischen einem kleinen Piks und einer größeren Fleischwunde, es fährt dasselbe Überlebenssystem hoch. Die Alarmanlage Amygdala im Gehirn schießt in Bruchteilen von Sekunden hoch, selbst wenn wir nur an eine Impfung denken und wir versuchen, der Situation auszuweichen.

Können wir da denn nicht normal denken?
Erst unser Verstand ist in der Lage, hier eine Neubewertung durchzuführen. Das setzt aber voraus, dass wir die Angst wahrnehmen, das Reaktionsmuster dahinter entlarven und uns aktiv und kontrolliert mit dem, was uns Angst macht, auseinandersetzen.

Wer ist oft betroffen?
Grundsätzlich Menschen, die generell anfälliger sind für Ängste. Dahinter steckt meist Stress, der über einen erhöhten Stresshormonpegel der Mutter schon vor der Geburt erfahren wurde. Sie sind von Haus aus introvertiert, misstrauisch, pessimistisch. Dann auch Menschen, die schlechte Erfahrungen gemacht haben. Die erste Impfung, die erste Injektion - vieles kann man da als Kind noch nicht einordnen. Auch Übergriffe und Grenzverletzungen können dazu führen, Impfungen gegenüber Angst zu empfinden.

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Eine Impfung ist eine Form von Kontrollverlust. Ein anderer dringt in den persönlichen Bereich ein.

Marcus Täuber, Neurobiologe

Was steckt dahinter?
Eine Impfung ist eine Form von Kontrollverlust. Jemand anderer dringt mit der Nadel in den persönlichen Bereich ein. Was genau in den Körper wandert und dort wie wirkt, ist für uns nicht erkennbar. Es ist vergleichbar mit Flugangst. Auch da kennen wir die Piloten nicht, haben keinen Einfluss aufs Cockpit, liefern uns einer Situation aus. Angst vorm Fliegen haben viele, aber nur wenige Angst vor der gefährlicheren Autofahrt zum Flughafen. Kontrollverlust bewirkt eine verzerrte Risikoabschätzung.

Welche Folgen kann die Angst vor dem Piks haben?
Angst ist ein Vermeidungsverhalten, welches alle unsere Entscheidungen beeinflusst. Wenn wir die Wahl zwischen einem unbekannten urigen Café und der Filiale einer wohlbekannten Kaffeehauskette haben, gehen die meisten in Zweitere. Die Angst vor einer schlechten Wahl lässt uns gewohnte Pfade folgen.

Wir haben echt ständig Angst? Hört sich mühsam an.
Ängste sind unsere ständigen Begleiter. Zum Problem werden Ängste, wenn wir sie als belastend empfinden oder sie uns stark im Handeln einschränken. Im Fall der Angst vor dem Piks: dass notwendige Behandlungen oder Vorsorgemaßnahmen ausbleiben und wir dadurch gesundheitlich Schaden nehmen.

Was geben Sie Betroffenen für Tipps?
Wo die Angst ist, ist der Weg. Wenn wir Situationen meiden, vor denen wir Angst haben, wird die Angst nicht besser. Im Gegenteil: Sie schnürt unser Leben wie ein unsichtbarer Faden ein.

Was ist besser?
Besser ist die kontrollierte Konfrontation. Bei Kindern, z.B., kann es helfen, mal als Elternteil das Kuscheltier liebevoll mit einer Spritze zu behandeln. Als Jugendliche und Erwachsene, dass wir uns aktiv Bilder von Spritzen ansehen und dabei tief in den Bauch ein- und lange ausatmen. Unsere Amygdala kann sich regelrecht an solche Angstbilder gewöhnen, wenn wir die Atmung im Griff haben und das Gehirn lernt, dass dabei nichts Schlimmes passiert. Auch Meditation ist ein wunderbarer Weg, Ängste zu besiegen. Denn mit ihr lernen wir, unsere Gedanken zu kontrollieren und mehr Gelassenheit zu entfalten.

Was tun, wenn man es allein nicht packt?
Wenn man selbst die Angst nicht in den Griff kriegt, gibt es professionelle Hilfe seitens der klinischen Psychologie und Psychotherapie. Immer mehr arbeiten mit virtuellen Realitäten: Patienten bekommen eine VR-Brille und durchleben die ärztliche Behandlung Dutzende Male in therapeutisch begleitetem Umfeld. Virtuelle Expositionen sind momentan der letzte Schrei in der Verhaltenstherapie.

Silvia Schober
Silvia Schober
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