01.12.2021 12:00 |

Kunst in der Karlau

Wenn Nestroy über die Gefängnismauern schaut

Lumpazivagabundus hinter Gittern! Insassen der Justizanstalt Graz-Karlau waren an einem Hörspiel frei nach Johann Nepomuk Nestroy beteiligt. Darin berichten sie vom Leben im Knast und von ihren Hoffnungen für die Welt „da draußen“.

Als Mauerschau bezeichnet man im Theater den Bericht einer Figur über ein Ereignis, das auf der Bühne nicht gezeigt werden kann. Meistens handelt es sich dabei um Begebenheiten in fernen Ländern. Doch oft sind es auch Zwischenfälle, die schlicht zu skandalös wären, um sie tatsächlich zu zeigen. Diese Tradition greift nun ein Kunstprojekt auf, das mit Häftlingen der Karlau in Graz erarbeitet wurde.

Von der nächsten Chance eine Unendlichkeit entfernt
Viele von ihnen haben eine skandalöse Tat hinter sich und befinden sich deshalb in einem fernen Land namens „Häfn“. Von dort senden sie nun einen Bericht: „Wir sind seit 12.204 Tagen hinter diesen Mauern, 339 Jahre alt und von unserer nächsten Chance eine Unendlichkeit entfernt.“ Mit diesen Worten beginnt das Hörspiel „Acht liederliche Türmer“, das man bei einem Rundgang entlang der Mauern der Karlau anhören kann.

„Ursprünglich war der Plan, dass wir Nestroys ,Der böse Geist Lumpazivagabundus‘ in der Karlau auf die Bühne bringen. Doch wegen der Lockdowns mussten wir uns etwas Neues überlegen“, erzählt Julia Gratzer. Via Zoom hat die Grazer Theaterpädagogin das Stück mit den Teilnehmern durchgeackert und einzelne Szenen aufgenommen.

Nachdenken über den Platz in der Gesellschaft
Vor allem aber hat sie sich mit ihnen über die Themen des Stücks unterhalten: „Es geht darin um Liebe und Geld, also um zwei Dinge, die oft Motive für Straftaten sind“, so Gratzer: „Es geht aber auch um die Frage, wer eine zweite oder dritte Chance verdient und wer nicht.“

„Das sind alles Themen, die auch unsere Insassen beschäftigen, über die aber viel zu wenig gesprochen wird“, sagt Josef Riedl. Der Anstaltsseelsorger der Karlau war Gratzers Partner hinter den Gefängnismauern. „Die künstlerische Arbeit hat die Männer nicht nur dazu gebracht, sich mit Nestroy zu beschäftigen, sondern hat sie vor allem auch dazu veranlasst, über sich selbst nachzudenken, über ihre Taten, aber auch über ihren Platz in der Gesellschaft.“

Auch im Gefängnis ein Teil der Gesellschaft
Genau das ist auch der Grund, warum Anstaltsleiter Josef Mock derartige künstlerische Aktionen unterstützt und fördert: „Das Strafvollzugsrecht sieht ja vor, dass wir ab dem ersten Tag der Haft an der Wiedereingliederung des Häftlings in die Gesellschaft arbeiten. Dafür ist wesentlich, dass sie den Kontakt zur Außenwelt nicht verlieren und sich auch weiterhin als Teil der Gesellschaft fühlen.“

Wichtig dafür sind vor allem soziale Kontakte zu Familie und Freunden, aber auch eine berufliche Ausbildung und sportliche Betätigungen. „Doch auch die Teilhabe am kulturellen Leben und die Förderung des Geistes ist ein bedeutender Teil der Resozialisierung“, erklärt Mock. Und die künstlerische Arbeit ermöglicht auch ein positives Miteinander, wie Riedl erzählt: „Am aktuellen Projekt etwa waren zwei Männer beteiligt, die sich davor eher nicht so gut verstanden haben. Durch den ehrlichen Austausch, den die Gespräche über das Stück mit sich gebracht haben, sind sie sich näher gekommen.“

Mehr als nur eine kriminelle Geschichte
Bereichernd ist das Hörspiel aber nicht nur für all jene, die daran beteiligt waren, sondern auch für all jene, die es sich anhören. „Wir wollten aufzeigen, dass hinter jedem Häftling mehr steckt, als nur seine kriminelle Geschichte. Auch sie machen sich etwa Sorgen um die gesellschaftliche Spaltung wegen Corona oder beschäftigen sich mit der Klimakrise“, so Gratzer.

Und auch für sie selbst hat die Arbeit viele Vorurteile - etwa,dass es sich bei Häftlingen um „ungebildete Wilde“ handelt - abgebaut: „Für mich wurde erkennbar, dass uns viel mehr Themen und Gedanken verbinden, als uns trennen.“ Die Kunst kann hier also mehr bieten, als bloß eine Mauerschau. Sie ist eine Brücke zwischen drinnen und draußen.

Der Hör-Spaziergang startet an der Haupteinfahrt der Karlau in Graz (Herrgottwiesgasse 50) und dauert ca. 90 Minuten. Dafür nötig ist ein internetfähiges Smartphone oder Tablet. Zu hören auch von zuhause hier.

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