24.04.2021 19:00 |

Wanderausstellung

Ein Mahnmal für Reichtum versus Armut

Wie nah Armut und Reichtum in unserer Gesellschaft beieinanderliegen, zeigt eine Wanderausstellung bis 15. Mai am Vorplatz des Grazer Hauptbahnhofes.

Sechs Silhouetten aus Stahl - Kinder, junge Erwachsene, ältere Erwachsene - jeweils als Paar dargestellt, als arm und reich vereint. Diese Kunstinstallation „Reichtum versus Armut“ des Familienreferats der Katholischen Kirche Steiermark und „RAINBOWS“ sowie fünf weiteren Organisationen ist bis 15. Mai am Vorplatz des Grazer Hauptbahnhofes zu sehen. Im Sommer wird die Installation als Wanderausstellung nach St. Lambrecht weiterziehen. Als Zeichen, wie nah arm und reich zusammenliegt und wie schnell aus einem guten Leben ein schwieriges werden kann.

Die Künstler, die die Figuren entworfen haben, wurden von den Auswirkungen des Corona-Virus selbst in eine prekäre Situation gedrängt. „Wir alle kennen inzwischen die Situation, viele Monate hindurch weder etwas verdienen zu können, noch durch soziale Auffangnetze ausreichend unterstützt zu werden. Wer Glück hat, hat Ersparnisse, wer Pech hat - und das sind sehr viele unter uns - muss Sozialhilfe beantragen“, so die Künstler Jelena Ristic und Rainer Juriatti. In diesem Projekt sehen sie die Chance, dass Menschen, die zufrieden und mit einem ausreichenden Einkommen beschenkt sind, ein paar Sekunden nachdenken, auf welcher „Seite“ der Armutsgrenze sie selbst stehen - oder bald stehen könnten.

20 Lebensläufe
Die Grundlage des Projektes sind 20 Lebensläufe, die aus dem Beratungsalltag der beteiligten Organisationen stammen. Die Ausstellung erzählt exemplarisch Geschichten von Teilzeit arbeitenden Alleinerzieherinnen, von Langzeitarbeitslosen, von chronisch Kranken, von kinderreichen Familien, von Menschen mit Migrationshintergrund, von „working poor“ Familien und von deren Kindern. „Geschichten, die bestürzen und nachdenklich stimmen. Die zeigen, wie schnell Brüche im Leben passieren, z.B. durch Scheidung oder Jobverlust, auf die Armut folgt. Jede und jeden von uns kann es treffen, jeden Tag“, so die Projektleiterinnen Katrin Windischbacher (Familienreferat der Diözese Graz-Seckau) und Dagmar Bojdunyk-Rack (RAINBOWS). Sie hoffen, dass Passanten Teil der Ausstellung werden, etwa durch Selfies mit den Figuren und sich bewusstwerden, dass Armut nicht mit Schuld in Verbindung zu bringen sondern als strukturelles Problem zu sehen sei, welches ein Teil unserer Gesellschaft ist. Infomaterial steht vor Ort ebenfalls zur Verfügung.

An Not nicht vorbeisehen
Erich Linhardt, Generalvikar der Diözese Graz-Seckau, bringt das „christliche Mittel“ gegen die Armut ins Spiel: „Als Christ und Priester möchte ich als treibende Kraft zur Bekämpfung der Armut die Nächstenliebe nennen. Die Liebe drängt uns, die Notleidenden nicht ihrem Schicksal zu überlassen, sondern sich ihnen zuzuwenden. Das große Doppelgebot heißt, Gott zu lieben und seinen Nächsten wie sich selbst. Die Beziehung zu Gott soll uns die Kraft geben, am Nächsten, der sich in Not befindet, nicht vorbeizugehen.“ Menschen in Notlagen seien uns nicht egal; mein Leben sei erst als erfüllt erfahrbar, wenn es auch meinen Mitmenschen gut gehe. Was im Leben wirklich zähle, ist immer das Tun in Liebe, und das gebe Kraft - den anderen, aber auch mir selber. „Das verändert die Welt hin zum Guten“, so der Priester.

Caritasdirektor Herbert Beiglböck erweitert den Armutsbegriff: „Wer ist arm, in einer reichen Gesellschaft wie der unseren? Es sind nicht nur die, denen es an Geld, an Materiellem fehlt. Es sind auch jene, die Mühe haben, mit dem Leben zurecht zu kommen, die einsam sind oder das Gefühl haben, nicht mithalten zu können. Als Gesellschaft sind wir dann reich, wenn wir aufeinander achten und es gemeinsam gelingt, eine Balance des Lebensglücks herzustellen.“

Laut Sozialstadtrat Kurt Hohensinner (ÖVP) verfüge die Stadt Graz über ein engmaschiges soziales Netz und man arbeite laufend daran, dieses noch stärker und tragfähiger zu machen. „Einen Beitrag dazu leistet diese Ausstellung. Aus den zahlreichen Gesprächen in meiner Sozialsprechstunde weiß ich, dass es gerade in diesen Situationen auf eine schnelle und unbürokratische Hilfe ankommt. Unter anderem haben wir vor diesem Hintergrund im vergangenen Jahr den Sozialfonds ‚Graz hilft‘ ins Leben gerufen.“

Soziallandesrätin Doris Kampus (SPÖ) ist besonders die Kinderarmut ein Dorn im Auge: „Obwohl die Zahl armutsgefährdeter Kinder in der Steiermark in den letzten Jahren zurückgegangen ist, gibt es leider noch immer Kinder, die von Armut betroffen sind. Wir werden so lange kämpfen, bis tatsächlich kein Kind in der Steiermark mehr von Armut bedroht oder betroffen ist. ‚RAINBOWS‘ ist ein wichtiger Partner im Engagement für mehr soziale Sicherheit von Kindern in schwierigen Situationen, die durch Armut noch zusätzlich verschärft werden können.“

Für RAINBOWS-Vorsitzende Tatjana Kaltenbeck-Michl ist die Installation eine Aufforderung an die politisch Verantwortlichen, sich bei allen Maßnahmen an den existenziellen Grundbedürfnissen von Menschen zu orientieren, für Einkommen für alle Menschen zu sorgen, die zum Leben reichen, leistbaren Wohnraum zu garantieren und letztlich für eine gerechte Vermögensverteilung zu sorgen. Dieser Aufforderung komme die Katholische Aktion jedenfalls nach, bekräftigt deren Generalsekretärin Anna Hollwöger: „Diese Ausstellung zeigt auf, was Menschen arm und gleichzeitig reich macht: Beziehung, Dinge, Unterstützung. Als Katholische Aktion schauen wir ‚arm‘ und ‚reich‘ zusammen und leisten einen Beitrag zu einem gelingenden, sozial gesicherten und erfüllten Leben.“

Übrigens: Armutsgefährdet sind Personen, deren Haushaltseinkommen kleiner ist als 60 Prozent des durchschnittlich gewichteten Medianeinkommens. Jede/r Siebente (1.472.000 Menschen, das sind 16,9 % der Gesamtbevölkerung) ist in Österreich armutsgefährdet oder arm. 303.000 Kinder und Jugendliche leben österreichweit in Haushalten mit Armutsgefährdung. (Quelle: Statistik Austria, Mai 2020)

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