"Krone"-Interview

Kastration: “Unsere Landwirte sind doch keine Unmenschen”

Steiermark
16.12.2010 09:48
Empörung hat die "Krone"-Story ausgelöst, wonach Schüler ohne jede Vorbildung Ferkel zu Übungszwecken bei vollem Bewusstsein kastrieren; ein Umstand, den die Behörde aber zum Glück sofort abgestellt hat (Story siehe Infobox). Wie die Bauern dies generell handhaben, dazu hat die "Steirerkrone" Agrarlandesrat Johann Seitinger befragt.

"Krone": Herr Seitinger - wozu ist das Kastrieren von Jungschweinen überhaupt nötig?
Johann Seitinger: Weil es das Phänomen gibt, dass ein Eber, wenn er älter als fünf Monate ist, einen Eigengeruch entwickelt, den viele im Fleisch als abstoßend empfinden.

"Krone": Andere Länder haben Kastrationen aber verboten, wie geht das denn bei denen?
Seitinger: Andere Länder oder Kulturen haben eben einen anderen geschmacklichen Zugang - oder sie schlachten früher. Bei uns funktioniert das nicht, weil der Trend in Richtung geschmacksneutraleres Fleisch geht, das über Gewürze definiert ist.

"Krone": Wie viele männliche Ferkel gibt es eigentlich pro Wurf?
Seitinger: Das ist mit 50:50 genetisch ziemlich ausgeglichen. Man kann im Schweinebereich auch nicht gut künstlich eingreifen. Und was sollte man sonst mit männlichen Tieren machen?

"Krone": Ab 1. Jänner 2011 haben sich die Mitglieder von "Styriabrid" verpflichtet, bei der Kastration Betäubung einzusetzen. Wie viele Schweine betrifft das?
Seitinger: Styriabrid verwaltet 80 bis 90 Prozent des Schweinevolumens, 65 Prozent der Schweinebauern sind darin vereinigt. Kleine Landwirte können sich gern anhängen, ich wäre da sehr dafür.

"Krone": Die Tierschützer und Veterinäre kämpfen ja schon lange um Betäubung - was sind Ihre Argumente dafür?
Seitinger: Dass es der Konsumentenwunsch ist - und Tierschutz ist auch ein wichtiges Verkaufsargument. Wer "Styriabrid" isst, weiß dann, dass dafür bei der Kastration kein Tier leiden musste.

"Krone": Durchs Betäuben entstehen Kosten, der Landwirt übernimmt den Eingriff selbst; wer überprüft denn, dass der Bauer sich das Geld dafür nicht einfach spart?
Seitinger: Das kann natürlich nur stichprobenartig passieren, die ultimative Überprüfung kann's nicht geben. Aber unsere Landwirte sind doch schließlich keine Unmenschen.

"Krone": Apropos: Die Kastration ist ja nicht der einzige schmerzhafte Eingriff - Ferkeln wird auch der Schwanz abgezwickt und abgebrannt! Damit sie sich, durch Stress, Massenproblematik oder welche Ursachen auch immer, nicht gegenseitig anfressen. Was ist damit?
Seitinger: Ich empfehle, dass alles, was an Schritten durchgeführt werden muss, eben unter dieser Lokalanästhesie gemacht wird.

"Krone": Ein "Muss" ist es nicht?
Seitinger: Nein, aber das wird sicher gemeinsam gemacht, weil es ja sinnvoll ist. Ich freue mich, dass die Steiermark mit diesem Vorstoß beim Tierschutz vorne mitmischt.

von Christa Blümel, "Steirerkrone"

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