22.02.2021 08:42 |

Pilotstudie

KI bringt mehr Lebensqualität für Diabetiker

Die Behandlung von Typ-1-Diabetes ist aufwendig und fordert vor allem Eltern betroffener Kleinkinder. Schon jetzt unterstützen Glukosesensoren und Insulinpumpen bei der Therapie - künftig sollen sie durch künstliche Intelligenz verbunden werden. Sabine Hofer, Leiterin der Diabetes-Ambulanz an der Innsbrucker Universitätsklinik für Pädiatrie 1, ist an einer europäischen Studie des „Closed-Loop“-Systems beteiligt. Sie spricht von „beeindruckenden“ Ergebnissen.

„Eltern diabeteskranker Kleinkinder sind im Alltag enorm gefordert“, erklärt Hofer der APA, „sechs bis zehn Mal am Tag muss der Zuckergehalt im Blut bestimmt werden. Vier bis sechs Mal täglich muss den Kindern Insulin gespritzt werden“. Die Erkrankung könne zwar gut therapiert werden, greife aber massiv in den Alltag der Betroffenen ein, beschreibt Hofer. Eltern seien ständig in Sorge: „Ungestörte Nachtruhe ist kaum möglich“. Sinke der Blutzucker zu stark und plötzlich, könne das zu Bewusstlosigkeit und Krampfanfällen führen.

Technische Hilfsmittel helfen schon heute, Kontrolle über den Zuckerspiegel zu behalten. In sogenannten „Closed-Loop“-Systemen würden Glukosesensor und Insulinpumpe über einen Algorithmus zusammengeschlossen, beschreibt die Innsbrucker Diabetologin den neuesten Stand der Technik. Die Steuerung des Algorithmus und das Monitoring erfolge über eine Smartphone-App.

Methode für Kleinkinder wird untersucht
In einer von der europäischen Union gesponserten Studie wird bis Ende des Monats die Tauglichkeit dieser Methode für Kleinkinder untersucht. 71 Kinder unter acht Jahren nahmen seit Herbst 2019 an der Studie teil, an der abgesehen von der Medizinischen Universität Innsbruck auch Studienzentren in Wien, Graz, Cambridge, Leeds, Luxemburg und Leipzig beteiligt waren. Die Untersuchungen dieser „besonders vulnerablen“ Gruppe würden zeigen, welchen Einfluss mit künstlicher Intelligenz gestützte Therapien auf „die Lebensqualität und Entwicklung von Kleinkindern“ trotz ihrer Diabeteserkrankung habe, erläutert Hofer.

„Künstliche Intelligenz ist uns in mancherlei Hinsicht einfach voraus“
Zuvor habe man eine Pilotstudie durchgeführt, an der 20 Kleinkinder teilgenommen hätten. Die Studie wurde 2019 abgeschlossen, direkt im Anschluss hätte man mit der Rekrutierung der Teilnehmer für die Hauptstudie begonnen. Damals habe sich gezeigt, dass das System „sehr sicher anwendbar ist - sowohl nachts-als auch tagsüber“. Es sei „unglaublich beeindruckend“ wie „ruhig und stabil die nächtlichen Glukosespiegel verlaufen“, betont Hofer, „nicht mehr der Arzt, sondern der Algorithmus bestimmt die Feindosierung der Insulinzufuhr. Artifizielle Intelligenz ist uns in mancherlei Hinsicht einfach voraus“.

Enorme Erleichterungen für Betroffene
„Der Mensch ist aber immer noch Chef“, fügt die Medizinerin hinzu, man gebe nicht die ganze Kontrolle ab. Technik könne in diesem Fall aber beim Finetuning helfen, auch Korrekturmaßnahmen durch die Eltern würden „weitestgehend entfallen“. Die Eltern hätten nach der Pilotphase von enormen Erleichterungen berichtet. Die Schlafqualität habe sich enorm verbessert. „Eine Mutter hat uns berichtet, dass es plötzlich auch Momente gegeben hat, in denen sie vergessen durfte, dass ihr Kind Diabetes hat“, erzählte Hofer, das sei ein „bewegender Moment“ gewesen.

Eltern von System großteils überzeugt
90 Prozent der an der Pilotstudie beteiligten Eltern würden das „Closed-Loop“-System weiterempfehlen, drei Viertel aller Teilnehmer aus Innsbruck möchte das System weiterhin und langfristig verwenden. Dass das System alltagstauglich ist, habe sich also bereits gezeigt, ab März würden die Daten statistisch aufgearbeitet. „Ich bin mir sicher, die Daten werden überzeugen“, meint Hofer, nun gehe es darum, „messbare Verbesserungen“ vorzuweisen.

Das „Closed-Loop“-System ist kommerziell noch nicht erhältlich, aber bereits CE-zertifiziert. Hofer hofft, dass es innerhalb der nächsten ein bis drei Jahren den „Sprung in die Alltagsbehandlung“ findet. Wichtig sei, dass es hier zu einem „Umdenken bei den Krankenkassen und Versicherungen“ komme, konstatiert die Medizinerin. „Diese Kosten müssen refundiert werden“.

Sebastian Räuchle
Sebastian Räuchle
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