10.09.2020 06:00 |

Interview & Album

Everything Everything: Spiel mit dem Bewusstsein

Das Art-Rock-Kollektiv Everything Everything aus Manchester hat nach Jahren der Polit-Kritik die Reißleine gezogen und sich selbst evaluiert. MIt neuem Label im Rücken nennt sich das Ergebnis „Re-Animator“ und zeigt die Band thematisch und musikalisch neu aufgestellt. Bassist Jeremy „Jez“ Pritchard gab der „Krone“ im Interview tiefe Einblicke in die Geschichte und das Wesen der Band.

In welche Richtung geht man, wenn man sich über mehrere Alben hinweg politisch artikuliert hat? Diese Frage stellte sich das Manchester-Quartett Everything Everything mehr als nur einmal, denn das nun erscheinende, fünfte Studioalbum der Band ist gleich in mehrfacher Hinsicht eine Zäsur. „Jedes unserer Alben war so etwas wie ein eigenes Buch“, blickt Bassist Jeremy „Jez“ Pritchard im Gespräch mit der „Krone“ zurück, „seit wir diese Band gegründet haben, veröffentlichten wir Alben oder waren auf Tour. Ende 2018 haben wir dann beschlossen, eine erste Auszeit zu nehmen. Es gab einige seismische Veränderungen in unseren Privatleben, die wir genossen haben. Wir haben in der Zeit aber auch gemerkt, dass unsere ausgedehnte Jugend nun vorbei war. Wir haben etwa zweieinhalb Alben lang soziokulturelle und politische Themen aufs Tablett gebracht, hatten unser ,Trump-Album‘ schon ein Jahr vor seiner Inthronisierung eingespielt und unser ,Brexit-Album‘ schon gemacht, bevor zwei Jahre später alles in die Binsen ging. Wir waren der Zeit immer einen Schritt voraus und davon gelangweilt, in die Zukunft zu blicken.“

Entwicklung in alle Richtungen
Die stets progressiv vorgehenden Briten drehten den Spieß dieses Mal also um und blickten zurück, um auch andere Aspekte zu beleuchten und nicht endgültig zu einer Polit-Band zu verkommen. „,Re-Animator‘ bezieht sich persönlich und musikalisch vor allem auf uns selbst. Wir haben uns in allen Bereichen wiederbelebt. Albumtitel entstehen bei uns immer als letztes, aber durch die Isolation wegen Corona fühlte sich das Wort plötzlich perfekt an.“ Nebenbei wurde auch die Plattenfirma gewechselt und John Congleton als Produzent engagiert. „Die Band ist heute natürlich eine andere als zur Gründung vor 13 Jahren. Wir haben uns entwickelt und die Musik entwickelt sich mit uns mit, das ist etwas ganz Natürliches.“ „Re-Animator“ ist Art-Rock im besten Sinne. Kaum eine Band beherrscht die Kunst der majestätischen, aber auch komplexen und psychedelischen Herangehensweise an eine Musik so wie Everything Everything. Damit haben sich die Mancunians längst eine eigene Nische erschaffen und sich von den großen Schatten der Heimat befreit.

„Es gibt ja das berühmte Missverständnis, dass es den ,einen‘ Manchester-Sound geben würde“, lacht Pritchard, „in den 70er-Jahren gab es 10cc und die frühen Bee Gees, dann kamen Joy Division und New Order, die Smiths und die Stone Roses bis hin zum 90er-Britpop von Oasis. Was all diese Bands gemeinsam haben, ist nicht der Sound, sondern die Attitüde. Jede Band klang neu und radikal, das hat auch uns am meisten inspiriert. Es wird in Bezug auf die Popkultur in Manchester gerne übersehen, dass sie vor allem immer mit Innovation geglänzt hat.“ Davon haben Everything Everything auch nach fünf Alben nichts verloren. Die stete Suche nach unbekannten Klängen und Konzepten ist die Haupttriebfeder für die Kompositionen der Briten. „Wir hatten schon am Debüt zwölf Songs, die uns zwölf Möglichkeiten der Entfaltung und des Erforschens ermöglichten. Jeder von uns hat einen anderen Geschmack und andere Ideen. Wir alle schauen besonders darauf, wie wir uns verändern und die Band weiterbringen können. Diese Einstellung haben wir uns bis heute bewahrt.“

Plötzlich Realität
Der Aufhänger für „Re-Animator“ ist übrigens die Theorie der bikameralen Psyche von Julian Jaynes. Ein Buch, das der exzentrische Frontmann Jonathan Higgs verschlungen hat und den Bandkollegen in der Ideenfindung quasi „aufzwang“. „Grundsätzlich geht es um die zwei verschiedenen Seiten des Gehirns und ihre jeweilige Tätigkeit im Bewusstsein“, fasst Pritchard zusammen, „laut Jaynes ist das Erwachen des Bewusstseins den beiden Hirnhälften zu verdanken. Es ist kein Wunder, dass Jon von dieser Idee so fasziniert war und sie unbedingt in einen Pop-Song gießen müsste“, lacht der Bassist, „auch wenn das ob der thematischen Sperrigkeit kaum vorstellbar ist.“ Tatsächlich dreht sich aber nur „In Birdsong“ speziell um Jaynes, auch wenn der Rest des Materials inhaltlich durchaus das menschliche Bewusstsein und das drängende Zurückfinden in die Natur thematisiert. Everything Everything verfolgten eine sehr aktivistische Idee, die durch Corona zufällig zur Realität wurde. Es ist der kompositorischen Meisterleistung der Band zu verdanken, dass Songs wie „Lost Powers“, „It Was A Monstering“ oder „Arch Enemy“ trotz textlich komplexer Zugänge niemals zu verkopft oder absichtlich verschroben wirken.

Mit Songtitel wie „Planets“, „Moonlight“ und „Violent Sun“ scheint man sich zudem gerne in astronomischen Gefilden aufzuhalten. „Das wird Jonathan besser beantworten können als ich, aber er hat sich dabei zweifellos etwas gedacht. Planeten sind wesentlicher länger da als der Mensch und die Sonne ist überhaupt verantwortlich dafür, dass es auf der Erde leben gibt. Zudem sind Planeten bewegliche Objekte, die im musikalischen Kontext sehr viel hermachen. Vielleicht sind wir aber auch nur am besten Weg dazu, Hippies zu werden“, lacht Pritchard. Produzent Congleton hingegen war dafür verantwortlich, dass die Band die Zügel lockerer ließ, sich nicht in der gewohnten Perfektion verlor und auch einmal auf die ersten Takes setzte, ohne alles noch einmal zu überarbeiten. „Er wollte immer die Essenz aus uns herausholen und ich würde sagen, wir kamen ihr zumindest sehr nahe. Viele Songs auf dem Album fühlen sich für uns quintessenziell an. Das heißt, sie funktionieren nur, weil jeder von uns vier seine Stärken ausspielen konnte. John hat bei uns genau die richtigen Knöpfe gedrückt.“

Aufs Wesentliche besinnen
Reife, Veränderungen, Neuorientierung - alles Begriffe, die Everything Everything anno 2020 definieren. Unverändert ist nur die seit 2009 stabile Besetzung, die seit dem Debütalbum hält. „Nach so vielen Jahren wissen wir, was unsere Beziehung aushält und was nicht. Jonathan und ich haben im Keller gejammt und die Band gegründet. Es gab nichts anderes für uns im Leben und du brauchst am Anfang genau dieses Feuer, damit etwas vorangeht. Jetzt sind wir Mitte 30 und die Prioritäten haben sich verändert, aber der Trick ist, dass man Diversität als etwas Gutes sieht und die Unterschiedlichkeiten der Protagonisten zu seinem Vorteil nutzt. Die Kameradschaft untereinander hat für mich aber den gleichen Wert wie die Musik.“ Und frei nach dem bewusstseinsfördernden, ökologisch angehauchten „Re-Animator“ hat auch Pritchard selbst in den ersten Corona-Monaten viel gelernt. „Die einfachen Dinge des Lebens. Ich habe den Vögeln im Garten beim Singen zugehört, mir einfach mal ein Bier aufgemacht, gekocht oder mich in die Sonne gelegt. Simple Dinge, vor denen ich früher flüchtete, weil ich die Füße nie stillhalten konnte.“

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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