06.07.2020 10:07 |

Corona in Indien

Heldinnen der Krise sind dem Virus ausgeliefert

Ungeschützt, schlecht bezahlt, mit Wut und Misstrauen konfrontiert: Auf der Suche nach Corona-Infizierten gehen in armen Gegenden Indiens rund eine Million Gesundheitshelferinnen von Haus zu Haus. Die sogenannten ASHAs (Accredited Social Health Activists) sind normalerweise unterwegs, um medizinische Grundversorgung wie Impfungen und Entbindungen sicherzustellen. Nun stehen die Frauen an vorderster Front im Kampf gegen das Coronavirus, das in Indien mittlerweile bereits rund 681.000 Menschen infiziert hat.

Außer ihrem vor Mund und Nase gezogenen Kopftuch schützt sie dabei nach eigenen Worten nichts vor dem Virus. Außerdem werden sie oft beschimpft, weil sich viele über das Krisenmanagement der Regierung von Indiens Regierungschef Narendra Modi ärgern. „Ich bin jetzt seit 14 Jahren eine ASHA und hatte noch nie so viel Angst, mit bloßen Händen an eine Tür zu klopfen“, berichtet die 32-jährige Alka. „Wir haben keine Handschuhe, nicht einmal Masken.“

Die Frauen lassen die Bewohner Fragebögen über eventuelle Covid-19-Symptome und ihre jüngsten Reisen ausfüllen. Viele der Befragten gehören zu den Millionen von Wanderarbeitern, die durch den monatelangen, im März verhängten Lockdown arbeits- und mittellos geworden sind. Verdachtsfälle melden die ASHAs den Behörden.

Körperliche Übergriffe keine Seltenheit
Manche ASHAs berichten von körperlichen Übergriffen der Dorfbewohner, weil sie für Überträger des Virus oder Spione der Regierung gehalten werden. In einem Dorf im nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh wurde Alka mit zwei Kolleginnen von acht Männern umzingelt. Lautstark forderten sie Nahrungsmittel und Schutzausrüstung gegen das Coronavirus.

„Nicht einmal wir bekommen Ausrüstung und Getreide, wo sollen wir es dann für Sie hernehmen“, habe sie den Männern entgegnet, berichtet Alka. „Neulich rissen einige Einheimische einer Frau bei der Arbeit die Kleider vom Leib.“

Corona-Bonus von rund 12 Euro
Als „unverzichtbar“ im Kampf gegen Corona bezeichnet der Gesundheitsexperte Anant Bhan die Ashas, weil in Indien die Nachverfolgung der Kontakte von Infizierten unzureichend sei. Aber die Arbeit der Frauen sei schwierig und schlecht bezahlt - trotz eines Coronavirus-Bonus von umgerechnet zwölf Euro.

Mit ihrer monatlichen Aufwandsentschädigung von 71 Euro unterstützt Alka ihren Ehemann und drei Kinder. Auch das Fahrgeld zu ihren Einsatzorten muss sie davon bezahlen. Wenn ihr das Geld ausgeht oder Corona-Beschränkungen für die öffentlichen Verkehrsmittel bestehen, geht sie zu Fuß nach Hause. Dort muss sie sich häufig von ihrem Mann, der ihre Arbeit missbilligt, beschimpfen lassen.

„Wir sind die wahren Heldinnen“
Manchmal ist es nur die Solidarität mit den anderen Frauen, die Alka durch den Tag trägt. „Unsere Vorgesetzten erteilen uns bequem vom Büro oder von zu Hause telefonisch Befehle. Wir setzen das Leben unserer Familie aufs Spiel und gehen täglich Risiken ein, um Menschen aufzuklären und beizustehen“, erzählt sie. „Wir sind die wahren Heldinnen.“

Mithilfe einer selbst angerührten Mehlmischung klebt sie im Dorf Bahadarpur ein Plakat über die Vorsichtsmaßnahmen gegen das Coronavirus an. „Der Kleber ist nicht stark genug“, sagt sie. „Aber wenn ich auch nur eine Rupie von meinem Gehalt für den Kleber verwenden muss, reißt das ein riesiges Loch in mein Budget.“

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„Die Menschen haben Mühe, ihre Familien zu ernähren. Was können wir tun?“

Eine Heldin der Corona-Krise

Oft stoßen die Ratschläge der Frauen, Gesichtsmasken zu tragen oder sich bei Symptomen in Quarantäne zu begeben, auf Ablehnung, vor allem in verarmten Gemeinden mit vielen Tagelöhnern. „Ich bleibe zu Hause, wenn Sie mir garantieren, dass meine Kinder nicht verhungern“, antwortet ein Bewohner. Alka hat Verständnis: „Die Menschen haben Mühe, ihre Familien zu ernähren. Was können wir tun?“

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