12.06.2020 12:28 |

Rassismusdebatte

Amazon nimmt US-Polizei Gesichtserkennungs-Tool ab

Amazon hat der US-Polizei die Anwendung seiner Gesichtserkennungs-Software namens „Rekognition“ untersagt. Das vorläufige Verbot gelte für ein Jahr und solle dem Kongress die Zeit geben, „angemessene Regeln“ für den Einsatz derartiger Technologien zu verabschieden, erklärte der US-Internetkonzern. 

Man werde „Rekognition“ aber weiterhin zum Beispiel für Organisationen verfügbar machen, die nach vermissten Kindern suchen, die Opfer von Menschenhändlern geworden sein könnten, hieß es. Hintergrund ist die Rassismus-Debatte nach der Tötung des Afroamerikaners George Floyd durch einen US-Polizisten.

Mit dem Schritt reagierte Amazon auf die Kritik von Aktivisten, die sich für die Rechte von Minderheiten einsetzen. Sie warnen, die Gesichtserkennungssoftware sowie Beobachtungskameras von Amazon könnten von den US-Behörden für diskriminierende Maßnahmen gegen Afroamerikaner und andere Minderheiten missbraucht werden.

Proteste gegen Amazons „Beobachtungsimperium“
Ein Bündnis von Aktivistengruppen hatte in dieser Woche eine Petition gegen das „Beobachtungsimperium“ von Amazon gestartet. Darin wird das Unternehmen aufgefordert, seine Verbindungen zur Polizei und den Einwanderungsbehörden zu kappen. Einige US-Städte wie etwa San Francisco haben den Einsatz einschlägiger Technologien inzwischen untersagt.

Bei der Gesichtserkennung durch Behörden werden zur Identifizierung von Personen Kamerabilder mit Datenbanken abgeglichen. Befürworter entgegnen, dank Gesichtserkennung könnten in vielen Fällen Straftaten schneller aufgeklärt werden.

Amazon müsse „seine strukturelle Rolle in der systematischen Unterdrückung schwarzer Menschen untersuchen“, forderte Myaisha Hayes, Kampagnenleiterin bei der Aktivistenvereinigung Media Justice. Die Beobachtungskameras von Amazon sind zwar für den Schutz von Privathäusern gedacht. Die Eigentümer in den USA können aber die Polizei die Videoaufzeichnungen einsehen lassen.

Auch IBM steigt aus dem Geschäft aus
Erst Anfang der Woche hatte IBM angekündigt, sich aus dem Geschäft mit Gesichtserkennungs-Software komplett zurückzuziehen. Der Computerkonzern erklärte, er wolle nicht zulassen, dass Technologie für Massenüberwachung, rassistische Diskriminierung oder Menschenrechtsverletzungen verwendet wird, hieß es in einem Brief an US-Abgeordnete.

Google scheut wegen solcher Bedenken schon seit Jahren davor zurück, Technologie für Gesichtserkennung anzubieten oder öffentlich zugänglich zu machen. Microsoft hat nach Amazon ebenfalls angekündigt, keine solche Software mehr an Behörden zu liefern.

Bisher hat Amazon „Rekognition“ verteidigt
Bei Amazon wird die Technologie unter dem Dach der Cloud-Tochter AWS entwickelt. Für Amazon ist das Moratorium eine Kurswende. Bisher verteidigte der Konzern stets den Einsatz von „Rekognition“ bei der Polizei - auch nachdem Forscher nach einer Testreihe kritisiert hatten, dass das Programm mehr Fehler bei Gesichtern mit einer anderen Hautfarbe als der weißen mache. Amazon konterte, bei den Tests seien falsche Methoden angewendet worden, während die Technologie korrekt funktioniere. Zugleich hatte sich Amazon-Chef Jeff Bezos bereits im Herbst für eine Regulierung der Technologie ausgesprochen.

Microsoft fordert das bereits seit 2018 - und war zugleich auch ein relevanter Lieferant von Software zur Gesichtserkennung. Die amerikanischen Polizeibehörden haben aber auch andere Alternativen. So sorgte Anfang des Jahres die Firma Clearview AI für Aufsehen, die einfach eine Datenbank aus Millionen öffentlich zugänglichen Fotos von Online-Diensten zusammentrug und unter anderem Polizeibehörden darauf zugreifen lässt. Unter anderem Google, YouTube und Twitter forderten die Firma auf, das Abgreifen von Bildern zu unterlassen.

Clearview-Chef Hoan Ton-That bekräftigte nach der Ankündigung von Amazon, die Technologie seiner Firma arbeite korrekt bei allen Hautfarben. Das sei ihm persönlich ein besonderes Anliegen, sagte der Software-Entwickler, der aus Australien in die USA kam und vietnamesische Vorfahren hat, der Technologie-Website CNET. Dadurch habe man die falsche Identifizierung von Menschen durch die Polizei verhindert. Clearview lasse nur einen „verantwortungsvollen“ Einsatz seiner Gesichtserkennungs-Technologie zur Identifizierung von Verdächtigen - aber nicht etwa als Werkzeug zur Überwachung bei Protesten - zu.

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