16.07.2019 06:06 |

Wilde Schönheit

Irland fürs Gemüt: Grüner geht’s nicht!

Die Insel hat für jedes Gemüt etwas zu bieten: Die einmalige Landschaft mit der zerklüfteten Küste im Westen, die vielen Flüsse, wo es sich auf einem Hausboot gut entspannen lässt. Die pulsierenden Städte wie Galway, 2020 auch Kulturhauptstadt Europas. Oder es bietet sich auch eine gemütliche Pub-Tour an, mit durchaus tieferen Blicken in Guinness-Gläser.

Haben Sie schon einmal so unglaublich viel Grün gesehen? Eine Ruhe liegt hier in der Landschaft, die gestresste Mitteleuropäer aufsaugen. Und wenn noch dazu im Frühjahr der Weißdorn in voller Blüte steht, ist die Natur wie in eine grün-weiße Decke gehüllt. Dazwischen grasen überall die Schafe. Wie viele es hier gibt? „Tausende“, lacht Brenda King, die Begleiterin von Irland-Tourismus.

Connemara ganz im Westen ist eine Region, wo Irland noch authentisch ist. Eine „wilde Schönheit“, wie einst schon Oscar Wilde einen passenden Beinamen wählte. Es gibt kaum Hotels, mehr feine B&B-Adressen und stolze Herrenhäuser. In den wenigen Hotels feiern die Iren gern rauschende Hochzeitsfeste.

Paul Harmon hat in Westport (County Mayo) mit Electric Escapes ein kleines Bike-Unternehmen aufgebaut, motiviert Urlauber, die gern in die Pedale treten. Garantiert unvergessen: Der Greenway, insgesamt 42 Kilometer, an einer alten Bahntrasse gelegen. Man spürt die Natur, riecht den frischen Knoblauch, kann sich am Ginster nicht sattsehen.

Das Freizeit-Biken wird wieder modern in Irland. „Ein Potenzial“, erzählt Paul, ein moderner Ire, der gern über das Wetter scherzt. „Forget all the sun rubbish“, sehnt er sich gar nicht nach Süden. Baden im Meer ist in Irland nichts für Verfrorene. Seine Kids sind heuer schon vom Peer gejumpt – bei 15 Grad Wassertemperatur. Klippenwanderer oder Surfer haben es da besser. Und Genießer können auch ein Bad im alten Whiskeyfass nehmen. Am Greenway erinnern Skulpturen an längst vergangene Zeiten: Zwei stählerne Koffer etwa sind ein stilles Mahnmal. Im 19. Jahrhundert, zur Zeit der großen Hungersnot, brachen viele Iren von hier auf und kehrten nie wieder zurück.

Wer das ursprüngliche Irland sucht, geht auf der Glen Keen Farm auf Zeitreise - ein besonderer Ort am Wild Atlantic Way und am Tor zum Killary Harbour, dem einzigen Fjord im Land. Mit 600 Schafen ist es eine der größten Farmen in ganz Irland. Catherine Powers, Farmerin in siebter Generation, erzählt über die gigantischen Dimensionen: „Wir haben 1600 Hektar Hügelland und 100 Hektar Flachland.“ Sie und ihr Mann, ein Amerikaner, sind aus den USA zurückgekehrt und leben jetzt als Farmer hier. „All this great land“, sagt er nachdenklich. Ein Kontrast für einen Piloten, der mehr in der Luft beheimatet war.

2014 haben die Jungfarmer ihre Tore auch für den Tourismus geöffnet, denn die Einkünfte aus der Schafzucht sind bescheiden. Mayo gehört zu den ärmsten Regionen Irlands, ohne EU-Förderung würden die Landwirte nicht über die Runden kommen. „Unser ganzes Leben ist hier“, sagt Catherine und demonstriert mit ihren Hunden das Schafehüten. „Lizz“ und „Gil“, zwei Border Collies, hören auf ihr Pfeifkonzert. Sie jagen davon. Scharf nach links. Wieder zurück. Immer hoch konzentriert Auch beim Schären mit der Hand kann man zusehen, traditionelles Torfschneiden beobachten oder nur wenige Wochen alte Lämmchen herzen. Das große Geschäft mit der Schafwolle ist vorbei: „Sie wird nur noch fürs Dämmen bei Häusern oder für Teppiche gebraucht“, erklärt Catherine, was gefragt ist. Bei Kleidung haben Merino- und Alpaka-Qualität der kratzigeren Schafwolle den Rang längst abgelaufen.

Auf der Weiterfahrt sollte ein populärer Foto-Stopp beachtet werden: Die sagenumwobene, einst aus Liebe erbaute Kylemore Abbey, heute die älteste Benediktinerinnen-Abtei Irlands. Wie ein Märchenschloss thront sie mit ihrem dunkelgrau verwitterten Mauerwerk über dem Pollacapall-See.

Im Connemara National Park erzählt Breandan, der Direktor, dunkle Geschichten: Im Moorland würden immer wieder Menschen verschwinden. Es gibt alte Gräber, viele Legenden von früher, dazu herrliche Ausblicke auf drei Wanderrouten. Ruhesuchende gehen im Moorland über breite Stege. Der Hubschrauber hat gerade große Taschen mit Schotter positioniert, um die Wege weiter zu sichern. Eine eigene Welt, schon seit 1980 Schutzzone: Connemara-Ponys grasen unbeirrt. Sogar der Rothirsch ist hier zurück. Flechten überziehen nackte Felsen.

Wer nach einem langen Tag spezielle Übernachtungs-Adressen sucht, wird im herzigen Städtchen Clifden nicht enttäuscht: Paddy und Julia Foyle führen das 200 Jahre alte Quay House am Hafen, das sie mit dekorativen Antiquitäten neu belebt haben. Jedes Zimmer hat ein eigenes Thema: Napoleons Raum, das Spiegelzimmer, alle haben ihre Reize. Zum Frühstück wird im Quay House immer ein „Fish of the day“ kredenzt, gegrillte Austern und geräucherter Lachs sowieso. „Wir lieben das Kochen“, sagt der Hausherr, der hier geboren ist. Seine Frau kam extra aus Liverpool und blieb. An ihrer Seite wacht „Blossom“, ein Mops - „mehr Diva als Hund“, lachen beide.

Die raue Brise am Atlantik bestimmt das Lebensgefühl: Mit ihrer Abalone-Farm gehören Sinead O’Brien und ihre Mutter Cindy zu den Exoten. Sie sind aus Kalifornien hierhergekommen und haben eine Zucht mit den seltenen Meeresschnecken aufgebaut. Seeohren, wie sie auf Deutsch genannt werden. Die Chinesen betreiben damit ein Millionengeschäft. Weil die Art im Meer weltweit schrumpft, will man auf der Farm nachhelfen. Gekocht, gegrillt oder roh als Sashimi aufgeschnitten werden die Meerestiere zum kulinarischen Gedicht. Parallel hat Sinead ihre eigene Kosmetiklinie mit Seegras aufgebaut. Es läuft gut.

Bei Jack in Keane’s Bar wird es dafür urig-irisch bei Guinness und Whiskey. 50 Jahre stand er hinter dem Tresen, für manche Gäste kommt er heute aus der Pension zurück. Und es finden sich auch genug Irish-Coffee-Fans, die jene Mixtur aus Kaffee, Obers und Whiskey lieben, die 1942 der Koch Joe Sheridan erfand.

Historisch interessant ist auch ein Stop in Derrigimlagh, dort, wo Alcock und Brown einst nach dem ersten erfolgreichen Transatlantik-Flug landeten. 16 Stunden dauerte das Experiment. Sie hatten genug Treibstoff im Cockpit dabei. Ein schnurgerader Wanderweg erinnert daran, kann von Naturliebhabern aber getrost vernachlässigt werden.

Bleibt noch das pulsierende Galway, eine junge Stadt am Meer, die wohl niemals schläft. Laut, lustig, viel Livemusik. 133 Pubs gibt es allein hier, 125 Festivals im Jahr und mit dem Programm für „Galway 2020“ bald noch mehr Kultur.

Sabine Salzmann, Kronen Zeitung

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