03.06.2019 09:35 |

Künstlerische Freiheit

„Bloggerin des Jahres“ erfand Familiengeschichte

Eine preisgekrönte Bloggerin, die für sich selbst eine jüdische Familiengeschichte erfunden haben soll, hat am Wochenende für Aufregung gesorgt. Die in Irland lebende deutsche Historikerin Marie Sophie Hingst soll sowohl in ihrem Blog „Read on my dear, read on“ als auch dem Archiv der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gegenüber falsche Angaben über ihre Abstammung gemacht haben.

Nach Recherchen des deutschen Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ hat Hingst in Wirklichkeit keine nähere jüdische Verwandtschaft - obwohl sie in ihrem Blog und auch in Vorträgen immer wieder davon berichtet hatte. Außerdem habe sie bei der Gedenkstätte Yad Vashem mit dem Einreichen von sogenannten Gedenk- oder Opferbögen zu 22 angeblichen Verwandten den Eindruck erweckt, große Teile ihrer Familie seien im Holocaust umgekommen. Tatsächlich stammt sie aus einer evangelischen Familie, wie das Magazin nach Recherchen im Stadtarchiv von Stralsund schreibt.

Keine jüdische Vergangenheit
Ihr Großvater soll demnach nicht wie von ihr behauptet Häftling im Vernichtungslager Auschwitz gewesen sein, sondern evangelischer Pfarrer. Von weiteren angeblich jüdischen Familienmitgliedern fanden sich gar keine Spuren. Dem „Spiegel“ zufolge hat der Oberbürgermeister Stralsunds bereits das Auswärtige Amt auf die Darstellungen in den Opferbögen hingewiesen und darum gebeten, die Gedenkstätte Yad Vashem offiziell zu informieren.

Hingst war zur „Bloggerin des Jahres“ 2017 gekürt worden. Das Team hinter dem Preis „Goldene Blogger“ teilte auf Twitter mit, man habe die Preisträgerin um Stellungnahme gebeten und berate über eine Reaktion auf die Vorwürfe. Ein Sprecher von Yad Vashem sagte am Sonntag, man untersuche den Fall.

„Künstlerische Freiheit“
Über einen Anwalt ließ die 31 Jahre alte Hingst dem „Spiegel“ zufolge mitteilen, dass die Texte ihres Blogs, der am Wochenende nicht mehr erreichbar war, „ein erhebliches Maß an künstlerischer Freiheit für sich in Anspruch“ nähmen. Es handele sich um Literatur, nicht um Journalismus oder Geschichtsschreibung, zitiert der „Spiegel“ die Stellungnahme weiter. Auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur äußerten sich Hingst und ihr Anwalt inhaltlich nicht. Hingst wolle den Bericht zunächst näher prüfen.

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