17.04.2019 00:09 |

„Either play or pose“

Ärger über Handys: Grantiger Bob Dylan rügt Fans

Dienstagabend spielte Bob Dylan im wundervollen Ambiente des restlos ausverkauften Wiener Konzerthauses die erste seiner drei Österreich-Shows dieser Woche. Was nett begann und sich zu einigen Highlights auswuchs, endete beinahe im Chaos.

Bei Nobelpreisträger Bob Dylan gibt es so einige Konstanten, auf die man sich als Fan oder Hörer verlassen kann. So ist er etwa seit mehr als drei Dekaden auf seiner „Never Ending Tour“ und kreuzt fast jährlich einmal durch Österreich (heute sogar auf den Tag genau ein Jahr nach seinem Stadthallen-Wien-Gig), er verformt seine großen Klassiker mit zynischer Selbstsicherheit oft so derbe, dass man noch nicht einmal mehr den Korpus erkennt und er verschwendet schon seit Jahren keine Mühe mehr darauf, aktiv mit dem Publikum zu interagieren und verbal mit ihm in Verbindung zu treten. Wenn es dann aber doch passiert, dann ist es nicht nur etwas Besonderes, sondern meist auch nicht gerade positiv konnotiert. Die Wiener haben ihm die Laune vermiest, doch was ist passiert?

Kampf gegen die Kameras
Zuerst sieht alles nach einer spontanen Arrangement-Änderung aus. Nach der ersten Strophe des Evergreens „Blowin‘ In The Wind“ holt er sich Gitarrist Charlie Sexton zur Seite, flüstert ihm etwas ins Ohr, was dieser im Stille-Post-System an die anderen weitergibt. Während die Band weiterjammt, tänzelt Dylan ans Mikrofon zur Bühnenmitte und teilt sich augenscheinlich mit. Das Mikro ist zu leise eingestellt, nur die ersten Reihen verstehen, was er zu sagen und als er zurückgehen will, stolpert er und landet beinahe im Schlagzeug von George Recile. Spürbar noch erboster, aber nach außen hin lässig schreitet er noch einmal zum Mikro und stellt die Gretchenfrage des Abends: „We can either play or pose. What do you prefer?“ Die Handyfilmer sind dem 77-jährigen Altmeister so auf die Nerven gegangen, dass er sich zwar noch einmal an den Flügel setzt, die letzte Nummer „It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry“ aber nur noch lustlos runterwürgt, bevor er sichtlich eingeschnappt von dannen zieht.

Ein spektakuläres Ende einer sehr starken, aber weitgehend unspektakulären Show. Die Hinweise, dass Filmen und Fotografieren verboten sein würden, hingen auf gefühlt jedem Quadratzentimeter im Konzerthaus, kurz vor dem Gig wurde der Wunsch des Künstlers auch noch einmal durch eine Durchsage bekräftigt. Das Handy einmal knapp zwei Stunden in der Tasche stecken zu lassen, ist offenbar nicht für jeden einfach zu bewerkstelligen. „His Bobness“ wurde damit trotzdem die gute Laune genommen, denn nur wenige Minuten davor hat er sich nach einem leidlich verformten „Gotta Serve Somebody“ bei abklingendem Bühnenlicht sogar vor dem Publikum verneigt. Das war zwar nicht das erste Mal so auf dieser Tour, bleibt aber trotzdem ungewöhnlich und besonders. Und fürwahr - die Chemie hat auch gestimmt.

Verfechter der Tugenden
Als er um Punkt 20 Uhr mit seiner perfekt eingespielten, vierköpfigen Band die Bühne entert, ist das restlos ausverkaufte Haus von Vorfreude und Spannung durchzogen. Das kultige „Highway 61 Revisited“ klingt noch etwas schaumgebremst, doch als er kurz darauf bei „Simple Twist Of Fate“ das erste Mal die Mundharmonika ansetzt, ist das Eis gebrochen. Bei gewohnt diffizilem Wohnzimmerlicht und ohne besondere Bühnenstaffierung, lehrt Dylan seinen Jüngern das Innehalten und Zuhören. Tugenden, die nicht nur, aber mitunter wegen der ständigen elektronischen Verfügbarkeit nicht mehr en vogue sind, im klassischen Rahmen des für den Amerikaner perfekt passenden Konzerthauses aber hervorragend kombinierbar sind. Die Aufwärmphase dauert fast bis zur Set-Halbzeit, findet dann aber bei „Scarlet Town“ gar den Höhepunkt des Abends. Dylan ist das erste und einzige Mal stehend am Mikrofon und schmettert seine Lyrics samt Unterstützung von Kontrabass und US-Südstaatenfeeling durch die feudale Umgebung. Die Standing Ovations sind verdient, denn in diesem Moment beweist er eindrucksvoll, dass er nicht nur mehr eine Legende am Papier ist.

Dylan klingt mit knapp 78 nicht immer fehlerfrei, aber ungemein intensiv und manchmal auch überraschend kräftig. Die Mischung aus Vocals und Mundharmonika lassen seine wahre Stärke in den Vordergrund treten, dass die Stimme manchmal auch bricht oder sein Einsatz nicht immer komplett kongruent mit jenem seiner Mitmusiker ist, sei ihm verziehen. Die Veränderungen seiner großen Klassiker kennt man mittlerweile, nerven tun sie aber noch immer. Bei „Like A Rolling Stone“ bemüht sich der Poet nach Kräften, nur ja keine Mitsingatmosphäre aufkommen zu lassen, das balladeske „Don’t Think Twice, It’s All Right“ gerät in seiner Wien-Livefassung gar zu kitschig und prätentiös. Es sei dem Genius des neben Paul McCartney größten lebenden Musikers der Popkultur aber gestattet, sich im steigenden Alter zunehmend sonderlicher zu verhalten.

Wien & Innsbruck
Heute gibt es noch einen Auftritt im bereits ausverkauften Wiener Konzerthaus. Man darf gespannt sein, ob sich die Laune wieder eingerenkt hat. Den Österreich-Zyklus schließt er am 19. April in der Innsbrucker Olympiahalle ab - dafür gibt es noch Karten unter www.oeticket.com.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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