10.03.2019 07:02 |

Schlagfertig

Grüß Gott, liebe Leser der „Krone“!

Alle reden jetzt wieder einmal über Doping. Viele beschimpfen die Sportler. Sie werden Trottel, Deppen, Betrüger und Lügner genannt. Das tue ich nicht. Ich möchte mein Verständnis für die Sportler äußern. Ich glaube, dass ich dazu auch berechtigt bin. Profi-Musiker und Spitzensportler sind oft aus demselben Holz geschnitzt.

Schon in frühester Kindheit wird fast das gesamte Leben auf den Sport oder die Musik ausgelegt. Eltern und Verwandte investieren über viele Jahre Herzblut, Engagement und auch Geld in die Karriere ihrer Liebsten. Man braucht Leidensfähigkeit, Disziplin, Talent und ein enormes Potenzial an Eigenmotivation, um nach vielen Jahren harten Trainings an die Spitze zu kommen.

Oft wurde ich als Jugendlicher von meinen Freunden zu Nachmittagen im Schwimmbad, zu Ausflügen auf die Skipisten oder gemeinsame Feriencamps eingeladen und musste doch immer wieder absagen, weil die nächsten Wettbewerbe, Konzerte und Übungseinheiten schon bevorstanden. Bei Spitzensportlern ist es ziemlich genau dasselbe.

Musiker und Sportler haben viele zehntausend Stunden geübt und trainiert, bevor andere erstmalig darüber nachdenken, welchen Beruf sie eigentlich ergreifen wollen. An der Spitze angelangt kommt man plötzlich zur Erkenntnis, dass, obwohl man 15 Jahre seines bisherigen Lebens der Mission Weltklasse gewidmet hat, es trotzdem nicht ganz reicht.

Was machen die anderen besser? Mehr Training? Besseres Material oder zumindest bessere Trainer?

Das Umfeld des Sportlers ist top ausgerichtet, und dennoch reicht es nicht für ganz oben. Gleichzeitig steht man unter Druck, Spitzenleistungen zu bringen. Sponsoren, Verbandsnormen, Prestige, Kaderzugehörigkeit dürsten nach Siegern und Triumphatoren.

Der entscheidende Punkt aber dürfte der eigene Gerechtigkeitssinn sein. Gerechtigkeitssinn bei Sportlern, die dopen? Ja, aus Sicht des Leistungssportlers in der ihm eigenen Leistungssport-Umgebung ist das nachvollziehbar. Nach all den Jahren der Entbehrungen, des ständigen Kampfes, geplagt von Verletzungen und Krankheiten, wird man distanziert, weil man den letzten Schritt - das Doping - verweigert? Eine ganze Kindheit und Jugend geopfert für den 90. Platz im Langlaufrennen? Obwohl man ja konkurrenzfähig wäre, würde nur Chancengleichheit bestehen.

Ich kann diese Sportler sehr gut verstehen und will hier ganz ehrlich sein. Hätte ich als junger Musiker vor 15 Jahren eine Substanz entdeckt, die mein Spiel um 20 Prozent besser gemacht hätte, ich hätte sie genommen. Und niemand sollte darüber richten, der in seiner Kindheit und Jugend solch harte Trainings nicht selbst erlebt hat. Gott sei Dank aber geht es in der Musik nicht um hundertstel Sekunden, sondern um Emotion, Leidenschaft und Kreativität.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will hier keinesfalls Doping befürworten oder auch die Sportler aus ihrer Verantwortung als Vorbilder für junge Athleten entlassen. Es ist Betrug und so muss man es auch benennen. Und aus der Sicht der wirklich sauberen Sportler nimmt man diesen mit Doping eine faire Chance zum Sieg.

Aber ich will ein Gefühl für die Sorgen, Ängste und Nöte von Sportlern und Musikern vermitteln.

Erinnern Sie sich an den Radfahrer, der bei der Tour de France 1997 auf Platz 100 gelandet ist? Sicher nicht! Aber an den Sieger Jan Ullrich, zugedröhnt mit EPO und anderen Substanzen, erinnern wir uns. Wir wollten das sehen! Fünf Bergpässe an einem Tag in höchstem Tempo!Drei Wochen lang in sengender Hitze. Wir, das Publikum, die Sponsoren und Funktionäre, haben diese unmenschlichen Leistungen gefordert und gefördert. Und wenn man diese jungen Frauen und jungen Männererwischt, werden diese dann als betrügende Trottel beschimpft. Dabei haben wir sie erschaffen.

In diesem Sinne fühle ich mit Max Hauke, Dominik Baldauf und allen verzweifelt Kämpfenden!

Ihr Martin Grubinger

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