Mo, 22. Oktober 2018

„Krone“-Interview

21.07.2018 07:00

Nathaniel Rateliff: Rockstar wider Willen

Mit dem viralen Internethit „S.O.B.“ gelang Nathaniel Rateliff und den Night Sweats vor drei Jahren ein Überraschungserfolg. Danach konnte der 39-Jährige die Gärtnerhandschuhe ablegen und sich mit seinen Freunden voll auf das Musizieren von R&B, Soul, Bluegass und Americana-Folk konzentrieren. Im ausverkauften Wiener WUK boten die Amerikaner einen bunten Querschnitt ihres Schaffens - im Interview davor gab uns Rateliff tiefe und persönliche Einblicke in seine Gedankenwelt, die sich nicht nur um Musik, sondern auch um Trauerbewältigung und Politik dreht.

Retro ist in - das gilt nicht nur in der Film-, sondern auch in der Musikwelt. So haben sich Folk-basierte Bands wie Mumford & Sons oder The Lumineers in den letzten Jahren zu Megasellern entwickelt und auch der amerikanische Geschichtenerzähler Nathaniel Rateliff ist in aller Munde. Nachdem er bei seinem Österreich-Debüt 2015 beim Harvest Of Art Festival in Wiesen noch vor einer überschaubaren Schar Interessierter musizierte, verkaufte er mit seiner formidablen Band The Night Sweats Dienstagabend das Wiener WUK aus. Jahrelang arbeitete Rateliff als Tischler und Gärtner, trat bei Open-Mic-Nächten und in schummrigen Bars auf. Verantwortlich für die Popularität des 39-Jährigen sind der Ende 2015 viral gegangene Hit „S.O.B.“, das starke neue Album „Tearing At The Seams“ und seine überquellende Spielfreude und Energie auf den Bühnenbrettern. Wir trafen ihn vor seinem WUK-Gig zum angenehmen und offenen Plausch.

„Krone“: Nathaniel, dein aktuelles Album „Tearing At The Seams“ hast du mit den Night Sweats vor wenigen Tagen in einem ausverkauften Wiener WUK vorgestellt. Glücklicherweise habt ihr es geschafft, dass es sich vom Debüt unterscheidet, ohne an Qualität einzubüßen.
Nathaniel Rateliff: Es war für uns unerlässlich, etwas anderes auszuprobieren, aber natürlich musst du darauf achten, dass die Fans die Musik auch weiterhin mögen.

Mit dem Song „S.O.B.“ seid ihr vor knapp drei Jahren viral gegangen, seitdem füllen und vergrößern sich die Hallen beträchtlich.
Ich habe jahrelang tonnenweise Musik veröffentlicht, die keinen Menschen interessiert hat, insofern kann ich das schon richtig einordnen. (lacht) Es ist natürlich schwieriger, ein Album nach so einem Hit zu komponieren, aber uns war schnell klar, dass wir „Tearing At The Seams“ nicht so großspurig und hitlastig produzieren würden, wie es vielleicht möglich gewesen wäre. Wir haben uns auf das ganze Album konzentriert und nicht nach einem weiteren Song dieser Marke gesucht, was im Endeffekt die goldrichtige Entscheidung war. In den USA haben wir für das Album Gold bekommen und auf lange Sicht gesehen fahren wir mit einem kompakten Album wohl besser. Es war dennoch überraschend, denn die Angst, dass sich die Leute weiterhin auf „S.O.B.“ berufen würden, war natürlich nicht von der Hand zu weisen.

Mit einem solchen Hit steigen natürlich die Erwartungen der Fans. War es schlussendlich schwierig, sich nicht zu sehr darauf zu konzentrieren und den Song möglichst komplett auszublenden?
Ich habe einfach so viel geschrieben wie möglich und das Ergebnis abgewartet. Anfangs haben wir beim Schreibprozess eine Zeit in der Wüste von New Mexico verbracht, wo schon einiges an Material entstanden ist. Danach sind wir zu Richard Swift gefahren, um die Songs in zwei Sessions aufzunehmen. Das erste Mal im Mai 2017 und dann nochmal im Oktober. Beim ersten Mal hatten wir zwar viele gute Nummern, aber es fühlte sich nicht wie ein Album an. Sogar heute bin ich mir noch unsicher, ob das Album so passt wie es ist und ob es den Fans gerecht wird, aber diese Zweifel kann man als Künstler wohl nicht ausblenden.

Dir war es vor allem wichtig, dass „Tearing At The Seams“ noch viel mehr ein kongruentes Bandprojekt ist wie das Debütalbum.
Es war wichtig für uns alle, alles besser aufzuteilen und gemeinschaftlicher zu arbeiten. Geschrieben habe ich schon alleine, aber alle anderen Schritte haben wir demokratisch gelöst. Es war elementar, dass ich mir auch die Ideen der anderen anhörte, sie einfließen ließ und das Album sich dadurch formte. Diese Arbeitsweise hat viele Bereiche bei uns stärker geöffnet. Am Ende habe ich dann doch das letzte Wort. (lacht)

Du kennst Soloauftritte und solche mit einer richtigen Band. Wie unterscheiden sich diese Bereiche für dich auf und abseits der Bühne?
Ich liebe es mit den Jungs hier zu spielen und unterwegs zu sein. Alleine zu reisen ist wirklich eine einsame Erfahrung, das ist eine ganz andere Welt. Andererseits vermisse ich es oft, altes Material meiner Solozeit zu spielen. Mit den Night Sweats gibt es irrsinnig viel Energie auf der Bühne, das ist physisch sehr herausfordernd. Davor bin ich eher herumgestanden oder -gesessen. (lacht)

Bevor du mit „S.O.B.“ groß durchgestartet bist, hast du jahrelang unter anderem als Tischler oder Gärtner gearbeitet. Hast du dadurch eine andere Perspektive auf das Geschäft, einen anderen Zugang zur Musik als jene, die niemals einen „richtigen“ Job hatten?
Ich denke schon, dass das den Blickwinkel etwas verändert. Ich habe einen Zugang zu den Menschen, die richtig hart arbeiten müssen und mehr Respekt vor all den Dingen, die sich um mich befinden. Ich war niemals der junge Künstler, dem der Erfolg in den Schoß fiel, diese Welt kenne ich nicht. Dieses Leben hat nicht nur mich, sondern auch einige Kollegen geformt. Joseph Pope III ist nicht nur mein Bassist, sondern auch mein bester Freund seit Kindheitstagen und unser Leben hat unseren Zugang zum Beruf natürlich stark beeinflusst.

Würdest du sagen, dass du dich nach den ersten großen Erfolgen als Mensch verändert hast?
Es sind im Guten, wie auch im Schlechten Dinge passiert, die es vorher einfach nicht gab. Das gehört aber zum Leben dazu. Prinzipiell versuche ich aber ohnehin immer, mich zu verändern oder zu reifen - egal, ob zum Guten oder zum Schlechten. (lacht)

Wie wichtig ist so eine dicke, langjährige Freundschaft wie deine zu Joseph für die Band und die Musik, die du erschaffst?
Es ist vor allem für mich gut, weil ich immer jemanden habe, zu dem ich mit allem kommen kann. Aber jeder bei uns in der Band und in der Crew ist mit jedem anderen gut befreundet. Man muss in die Runde passen, um ein Teil der Band zu sein, denn wenn du so viel tourst und Zeit miteinander verbringst, ist einfach kein Platz für schlechte Stimmung. Wir sind alle ein Team und es ist schön, in so einer familiären Gemeinschaft zu sein.

Gab es bei dir auch mal Überlegungen, die Musik beiseitezulegen und einfach als Gärtner zu arbeiten, weil es so viele Jahre nicht mit dem Durchbruch klappte?
Ich denke noch immer die ganze Zeit daran. (lacht) Dieses Leben ist nicht so einfach wie viele glauben und ich habe oft den Gedanken, einfach wieder Gärtner zu sein oder etwas anderes, was mir liegt. Vielleicht bin ich mal Schiffskapitän und fahre durch die Meere - auch das traue ich mir zu. Jetzt gebe ich mein Bestes und schaue, wie weit das noch so gehen kann. Solange die Leute unsere Alben und die Musik mögen, können wir sicher weitermachen.

Musstest du schwere Opfer für diesen nomadenhaften Lebensstil als Musiker bringen?
Freundinnen oder Ehefrauen sind nicht so begeistert darüber. Die Familie selbst muss wahnsinnig viele Opfer dafür bringen, aber anders ist das leider nicht lösbar.

Was waren für dich die wichtigsten Veränderungen vom ersten Night-Sweats-Album zu „Tearing At The Seams“. Wo wolltest du genau hin?
Ich habe mir einfach mehr Zeit zum Schreiben genehmigt und finde, dass die Texte wesentlich durchdachter sind. Ich hatte auch mehr zu sagen als beim letzten Album. Dort habe ich einfach versucht, Rock‘n’Roll- und R&B-Songs zu schreiben, habe aber nicht so auf die Inhalte gedacht. Wir hatten schon Insiderscherze, was ich denn zur jeweiligen Melodie an Text schreiben sollte. „Oh, versuchen wir nun einen Upbeat-Love-Song“. (lacht) So war es aber wirklich und dieses Mal habe ich mir wesentlich mehr Gedanken gemacht.

Du hast dich über die Jahre in den unterschiedlichsten Formen von Musik versucht: Bluegrass, Folk, Americana, R&B oder Rock’n’Roll. Liegt das an deinem so breiten Interesse an Musik?
Ich bin immer auf der Suche nach neuer Musik. Damit meine ich nicht neue Musik per se, sondern eher alte Klassiker, die für mich neu sind. Ich verliebe mich schnell in handgemachte Songs und versuche, ihnen mit meiner Version zu huldigen.

Gibt es einen Musikstil, wo du dich richtig wohl fühlst? Den du dein Zuhause nennen würdest?
In erster Linie muss die Musik sanft sein, das ist wohl der kleinste gemeinsame Nenner für alle Stile. (lacht)

Was ist dir als Songwriter am Wichtigsten? Ehrlich zu sein, authentisch oder einfach nur die richtige Melodie zu finden?
Ich versuche immer so ehrlich wie möglich zu sein. Es gibt für einen Songwriter nichts Wichtigeres, als mit sich selbst im Reinen und völlig offen zu sein und ich hoffe, dass das auf die Hörer überschwappt.

Wie weit öffnest du dich den Menschen in solchen Songs? Wie viel von dir gibst du preis?
Das kommt immer auf die Tagesverfassung an. (lacht) Für mich ist das Reden über dieses Album noch immer wahnsinnig schwierig, weil es unglückliche Umstände gab und einige schlimme Dinge passierten.

Richard Swift verstarb vor wenigen Wochen tragischerweise im Alter von nur 41 Jahren. Er war ja auf beiden Alben dein Produzent und Vertrauter…
Das hat uns natürlich alle nachhaltig geprägt. Es ist ein Schock, der immer noch anhält. Wir waren immer gut in Kontakt, aber natürlich fällt man sich gegenseitig ein bisschen aus dem Radar, wenn man viel zu tun hat. Ich bekam dann von einem gemeinsamen Freund einen Anruf, dass er sich im Spital befinden würde und in ein anderes transferiert wird. Ich flog also hin, um ihn zu sehen, aber es war leider zu spät, denn er verstarb vorher. Die traurige Realität ist, dass man leider zunehmend die Menschen begraben muss, die man liebt, wenn man älter wird. Wir sind immer noch ziemlich mitgenommen und mir fällt es unheimlich schwer, darüber zu reden.

Was ist deiner Meinung nach der wichtigste Erfolgsfaktor für deine Songs und deine ehrliche, handgemachte American-Roots-Musik?
Ich habe keine Ahnung wie populär diese Musik nun eigentlich ist oder nicht. Fakt ist, dass die Leute derzeit zu unseren Konzerten kommen und wir jeden Abend weit mehr als 100 Prozent geben, viel mehr steckt da nicht dahinter. Vielleicht muss ich das nächste Album auch mit Hip-Hop durchziehen, damit es erfolgreich ist? (lacht) Dann muss ich mir wohl ein paar Ghostwriter suchen.

Hast du dich eigentlich schon einmal als Rapper versucht?
Ich bin einfach nur furchtbar darin. Das war nie mein Ding. (lacht)

Da deine Musik vor allem in Amerika sehr populär ist, könnte ich mir denken, dass sie in Europa anders aufgenommen wird. Siehst du diesbezüglich einen Unterschied?
Das europäische Publikum ist in gewisser Weise respektvoller als die Amerikaner oder Kanadier, aber es herrscht meist auch viel weniger Bewegung. Es ist nicht so einfach, die Europäer vor dem Ende des Songs, wo alle applaudieren, zu knacken. In den USA tanzen die Leute oft das ganze Konzert durch und kommen sogar auf die Bühne. Ich finde das sehr nett, weil es einfach interaktiv ist und man fühlt, was die Musik bei Menschen anrichtet.

Mit den Lumineers hast du 2012 in deiner Heimat Denver bei den US-Präsidentschaftswahldebatten live gespielt. Ist es dir auch wichtig, eine politische Botschaft auszusenden?
Wir haben mit „The Marigold Project“ unsere eigene Stiftung gegründet und dort versuche ich eine Gemeinschaft aufzubauen und Dinge anzusprechen, die mir auffallen und stören. Es kann gut sein, dass Politik dabei nicht ganz außen vor bleibt. Die einzige Möglichkeit etwas zu verändern ist ein Teil einer solchen Gemeinschaft zu sein. Ich sehe mich nicht als künftigen Gouverneur oder so etwas, aber in Zeiten wie diesen muss man die Augen auch nicht zwanghaft verschließen. Wir sollten uns prinzipiell zusammenschließen und überlegen, was unsere Ziele sind und wie wir die Zukunft gestalten wollen. Dinge wie Klimawandel oder Wasserknappheit sind einfach Realität und dieses Bewusstsein will ich mit der Stiftung aufbauen. In meiner Heimat Colorado versuche ich bewusst gegen gewisse Verfehlungen anzusteuern und hoffe, dass das auch über die Grenzen hinausgeht. Etwa zum Thema Waffenlegalisierung. Es muss doch möglich sein, dass bei uns Kinder in die Schule gehen können ohne Angst zu haben, erschossen zu werden. Es ist seltsam, dass so etwas überhaupt eine Diskussion ist.

Hast du zufällig die neue Sendung von Sacha Baron Cohen gesehen, wo er verkleidet mit diversen US-Republikanern redet, die sich teilweise wirklich unglaublich entblößen in Hinblick auf dieses Thema?
Ich habe die Reaktion danach von Sarah Palin gesehen - das ist unbezahlbar. Im Endeffekt kriegen sie das, was sie verdienen, so ehrlich muss man sein. Ich frage mich immer, in welchen Sphären diese Menschen schweben. Wer will denn ernsthaft, dass sein Kind eine Waffe besitzt? Egal ob du politisch motiviert bist oder nicht, es gibt so viel Armut in den USA und all die Entscheidungsträger haben einfach keine Ahnung, was sie beschließen oder entscheiden. Das ist vielmehr ein humanistisches als politisches Problem.

Fühlst du dich dafür verantwortlich, deine Fans und Hörer auf Missstände aufmerksam zu machen?
Durch diese Plattform können wir uns ohnehin sehr gut ausdrücken. Ich bin schon der Meinung, dass jeder, der von einem Teil der Öffentlichkeit gehört wird, die Möglichkeit nutzen sollte, Themen nicht zu verschweigen. Politisch zu sein ist nichts Verwerfliches.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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