Mo, 16. Juli 2018

Blühendes Geschäft

25.03.2017 09:00

Bauern cracken Traktoren mit ukrainischer Firmware

Restriktive Software, aufgrund derer unabhängige Werkstätten keine Reparaturen mehr durchführen können, hat bei Besitzern von John-Deere-Traktoren in den USA einen interessanten Trend ausgelöst. Immer mehr Bauern beschaffen sich über dubiose Quellen im Internet gecrackte ukrainische Traktor-Firmware, um sie auf ihre Landmaschinen aufzuspielen und wieder Herr über sie zu sein.

Es klingt verblüffend, aber rund um Traktoren des US-Herstellers John Deere hat sich in den letzten Jahren ein gut organisierter Farmer-Untergrund gebildet, der mit geknackter Traktor-Software handelt. Das berichtet das IT-Portal "Motherboard" unter Berufung auf US-Farmer und Nutzer eines Untergrundforums, in dem mit der Software Handel getrieben wird.

Aber warum hacken Bauern ihre Traktoren? Der Grund ist die restriktive Software, die der Hersteller in den USA auf seine Traktoren aufspielt. Sie verhindere die Reparatur durch unabhängige Techniker und zwinge Traktorbesitzer dazu, jede Kleinigkeit von einer John-Deere-Vertragswerkstätte richten zu lassen.

Ersatzteile müssen erst freigeschaltet werden
Ein Bauer klagt: "Wenn man die Schaltung ersetzen will und den Traktor zum unabhängigen Mechaniker bringt, kann der zwar eine neue Schaltung einbauen, aber der Traktor fährt nicht aus der Werkstatt. Deere verlangt 230 Dollar plus 130 Dollar pro Stunde für einen Techniker, der anrückt und das neue Teil über den USB-Port autorisiert." Für den Bauern reiner Wucher. "Wenn ein Farmer einen Traktor gekauft hat, dann sollte er damit tun dürfen, was immer er will", sagt er.

Dass der Hersteller mit seiner Software erzwingt, dass Reparaturen nur mehr in offiziellen John-Deere-Werkstätten durchgeführt werden können, ist auch unabhängigen Mechanikern ein Dorn im Auge. Einer sagt: "Die einzige Möglichkeit, wie wir noch etwas reparieren können ist, es illegal zu reparieren." Das schade nicht nur seinem Geschäft, sondern behindere auch die Bauern bei ihrer Arbeit.

Der Handel mit illegaler Traktor-Software blüht
Interessanterweise ist durch die Geschäftspolitik des Traktorherstellers ein neuer "Wirtschaftszweig" entstanden: Untergrundforen, in denen Traktormechaniker mit geknackter John-Deere-Software handeln. Hier Mitglied zu werden, ist nicht einfach: Anwärter erhalten per E-Mail Anweisungen, müssen auf einer dubiosen Website ein bestimmtes Ersatzteil bestellen - und erhalten dann den einen Registrierungscode, mit dem sie sich anmelden können.

Gehandelt wird in den Foren mit geknackter Traktor-Software aus Ländern wie Polen oder der Ukraine. Auch nachgebaute Kabel, mit denen ein Laptop mit dem Traktor verbunden werden kann, sind in diesen Foren zu finden. Werkzeuge, die Mechaniker brauchen, um Reparaturen an den Traktoren durchzuführen. Und eigentlich unnötig, würde der Hersteller seine Kunden nicht an der kurzen Software-Leine halten. Ein Mechaniker ist sich sicher: "Sie tun das, um uns zu zwingen, ihre Services zu benutzen, auf die sie ein hundertprozentiges Monopol haben."

John Deere dementiert Reparatur-Schikanen
Mit den Vorwürfen konfrontiert, weist John Deere auf die Risiken hin. "Software-Modifikationen erhöhen das Risiko, dass die Ausrüstung nicht funktioniert wie vorgesehen", heißt es in einem Statement. Das gefährde die Leistung der Traktoren und könne zur Folge haben, dass sie nicht länger Industrie- und Sicherheitsstandards entsprächen. Außerdem nehme man Bauern nicht die Möglichkeit, ihre Traktoren selbst zu warten und zu reparieren.

Die Farmer, auf deren Traktoren ukrainische Software läuft, sehen das anders. Gay Gordon-Byrne von der NGO Repair.org, die sich für ein Recht auf Reparatur einsetzt, sagt über John Deere: "Sie zwingen Käufer, einen Endbenutzer-Lizenzvertrag abzuschließen, der alle Aktivitäten verbietet, die sie laut ihres Statements erlauben." Bauern seien dadurch ständiger Ungewissheit ausgesetzt.

Ein Bauer stellt die Frage: "Was ist in 20 Jahren, wenn ein neuer Traktor draußen ist und John Deere die alten nicht mehr reparieren will? Sollen wir die Traktoren dann auf den Müll schmeißen, oder wie?"

Dominik Erlinger
Dominik Erlinger

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