Mentale Stärke ist längst kein Randthema mehr – sie betrifft uns alle, im Alltag ebenso wie im Beruf. Im Bereich emotionale Balance begleitet die große „Krone“-Kampagne die Klinische Psychologin sowie Gesundheits- und Arbeitspsychologin Mag. Dr. Karin Flenreiss. Im Interview erklärt sie, warum mentale Gesundheit mehr Aufmerksamkeit verdient und wie wir gesündere Gewohnheiten in unser Leben bringen können.
„Krone“: Warum ist Stress längst eine Volkskrankheit?
Das liegt an den modernen Lebensbedingungen wie ständige Erreichbarkeit und Leistungsdruck. Sie schwächen das Immunsystem und erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen und Angststörungen. Die Stresshormone halten den Körper ständig in Alarmbereitschaft.
Wie können wir am besten entschleunigen?
Durch digitale Pausen, Achtsamkeit und Meditation, Bewegung in der Natur, Rituale im Alltag, Schlaf und Regeneration, soziale Kontakte und Prioritäten setzen. Pausen und Erholung sind aus psychologischer Sicht keine Belohnung nach getaner Arbeit, sondern ein notwendiger Bestandteil von Leistung. Unser Gehirn kann nicht beliebig lange konzentriert funktionieren.
Ohne Erholung steigt das Stressniveau, wir werden unkonzentrierter, machen mehr Fehler und fühlen uns emotional schneller überfordert. In Pausen passiert im Hintergrund sehr viel. Das Gehirn verarbeitet Gelerntes, sortiert Informationen und „räumt auf“. Gleichzeitig kann sich der Körper regenerieren. Wer regelmäßig Pausen einbaut, ist auf Dauer leistungsfähiger, kreativer und gesundheitlich stabiler, als jemand, der dauerhaft durchpowert. Anders gesagt, Leistung und Erholung sind zwei Seiten derselben Medaille – das eine funktioniert langfristig nicht ohne das andere.
„Gehen wir's an!“, lautet das Motto unserer Gesundheitskampagne. Veränderungen sind entscheidend, wenn wir gesundheitsfördernde Routinen dauerhaft in unser Leben integrieren wollen. Doch wie lange braucht es, bis Veränderungen zu Gewohnheiten werden?
Aus der Forschung wissen wir, dass es im Durchschnitt zwei bis drei Monate braucht, bis sich ein neues Verhalten wirklich automatisierter anfühlt. Und die Spannbreite ist groß: Bei manchen geht es in ein paar Wochen, bei anderen dauert es deutlich länger.
Wichtiger sind Regelmäßigkeit und Rahmenbedingungen. Wenn ich etwas möglichst oft in ähnlichen Situationen übe, zum Beispiel jeden Morgen nach dem Frühstück einen kurzen Spaziergang, dann kann sich daraus mit der Zeit eine stabile Gewohnheit entwickeln. Rückfälle oder Tage, an denen es nicht klappt, gehören dazu und sind kein Zeichen des Scheiterns, sondern Teil des Lernprozesses.
Braucht es erst Leidensdruck, damit wir bereit sind, Veränderungen wirklich anzunehmen?
Erst wenn eine gewisse Unzufriedenheit sich breit macht, gelingt es Veränderung einzuleiten. Viele Menschen bemerken gerade im Urlaub, dass sie unter bestimmten Umständen leiden. Der erste Schritt besteht darin, die eigene Belastung zu erkennen. Danach gilt es, kleine Schritte zu setzen – denn auch ein Bergsteiger erreicht den Gipfel nicht auf einmal, sondern Schritt für Schritt. Wie der Existenzanalytiker Viktor Frankl betonte, genügt es nicht, nur Ziele zu formulieren; entscheidend ist der Sinn, der ihnen zugrunde liegt.
Ebenso wichtig sind realistische Ziele: Wer sich erreichbare Etappen setzt, bleibt motiviert und vermeidet Frustration. Positive Motivation entsteht nicht nur durch den Wunsch, Belastungen zu überwinden, sondern auch durch Freude am Fortschritt. Spaß an der Veränderung – etwa durch kleine Rituale oder spielerische Elemente – macht den Weg leichter. Positive Konditionierung, wie das bewusste Feiern kleiner Erfolge oder kleine Belohnungen, verstärkt diesen Prozess zusätzlich. So entsteht ein Kreislauf aus Sinn, realistischen Zielen, Motivation, Spaß und Erfolgserlebnissen, der nachhaltige Veränderung möglich macht.
Was hilft Ihnen persönlich am besten, um auch in herausfordernden Zeiten in Balance zu bleiben?
Aus psychologischer Sicht zeigt sich immer wieder, am stabilsten bleiben Menschen, die auf mehreren Ebenen gut für sich sorgen – körperlich, seelisch und sozial. Der Körper ist dabei die Basis. Wenn Schlaf dauerhaft zu kurz kommt, Bewegung fehlt und Mahlzeiten eher zufällig stattfinden, wird es auch psychisch schwieriger, Belastungen zu tragen. Schon ein möglichst regelmäßiger Schlafrhythmus, ein bisschen Bewegung im Alltag und eine halbwegs strukturierte Ernährung können viel zur inneren Stabilität beitragen. Auf der seelischen Ebene helfen eine klare Tagesstruktur, realistische Ziele und bewusst eingeplante Pausen. Entscheidend ist auch der innere Umgangston. Wer sich permanent kritisiert, schwächt sich zusätzlich, wer sich eher freundlich und ermutigend begegnet, stärkt seine psychische Widerstandskraft.
Hinzu kommt die soziale Dimension. Menschen, die in schwierigen Phasen mit jemandem offen sprechen können und bereit sind, Unterstützung anzunehmen, sind besser geschützt als jene, die alles mit sich selbst ausmachen wollen. Niemand muss belastende Zeiten alleine bewältigen.
Und schließlich spielt die innere Haltung eine Rolle, nicht im Sinne eines naiven „Alles ist/muss immer gut sein“, sondern in dem Sinn, dranzubleiben, nicht vorschnell aufzugeben und die eigene Zukunft eher positiv zu betrachten. In der Psychologie spricht man hier von selbsterfüllenden Prophezeiungen: Wer sich selbst zutraut, Herausforderungen zu bewältigen, verhält sich meist auch aktiver und lösungsorientierter und erhöht damit die Chance, dass es tatsächlich besser wird. Diese Kombination aus körperlicher, seelischer und sozialer Selbstfürsorge, verbunden mit einer zuversichtlichen Grundhaltung, bildet eine starke Grundlage, um auch durch schwierige Zeiten zu kommen.
Was gibt Ihnen persönlich Energie, wenn Sie sich erschöpft fühlen?
Erschöpfung ist ein Signal des Körpers, dass etwas zu viel geworden ist und dem kann man auf verschiedenen Ebenen aktiv begegnen. Sehr hilfreich sind kurze, bewusste Unterbrechungen im Alltag: einmal aufstehen, ein paar Schritte gehen, tief durchatmen, kurz an die frische Luft gehen oder die Gedanken ganz gezielt auf etwas anderes richten. Solche „Mikropausen“ wirken wie ein Reset und helfen, aus dem Modus des dauernden Funktionierens auszusteigen. Genauso wichtig ist es, nicht in den sozialen Rückzug zu gehen. Gerade wenn man müde ist, neigt man dazu, alles „noch schnell fertig“ machen zu wollen und sich dabei immer mehr zu isolieren.
Bewusster Kontakt, ein kurzes Gespräch, ein gemeinsamer Kaffee, ein Lachen zwischendurch, kann in solchen Momenten erstaunlich viel Energie zurückbringen, denn soziale Verbundenheit ist eine der stärksten Ressourcen, die wir haben. Idealerweise wartet man mit solchen Pausen und Begegnungen nicht, bis man völlig am Ende ist, sondern plant kleine Inseln der Erholung frühzeitig ein und gesteht sich zu, nicht immer bei 100 % sein zu müssen. Ich tanke außerdem Kraft in der Zeit mit meiner Familie, bei Aktivitäten im Grünen, etwa mit Gartenarbeit oder bei einem Spaziergang mit meinem Hund. Zudem ist es wichtig, in stressreichen Zeiten auf ausreichend Schlaf zu achten. All das sind Möglichkeiten, den inneren Akku wieder aufzuladen und dem Alltag mit mehr Stabilität zu begegnen.
Wie kann man lernen, mit Rückschlägen gelassener umzugehen?
Gelassenheit im Umgang mit Rückschlägen ist nichts Angeborenes, sondern etwas, das man Schritt für Schritt trainieren kann. Aus psychologischer Sicht ist es zunächst wichtig, Rückschläge zu normalisieren. Viele Menschen erleben ein Scheitern sofort als persönliches Versagen und denken „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Tatsächlich gehören Rückschläge ganz selbstverständlich zu jedem Lern- und Entwicklungsprozess, kein Kind lernt laufen, ohne unzählige Male hinzufallen. Diese Perspektive nimmt viel Druck und Scham heraus. Ein weiterer zentraler Punkt ist der innere Dialog. Entscheidend ist, wie wir mit uns selbst sprechen. Statt „Ich bin gescheitert“ könnte die innere Reaktion eher lauten: „Das hat diesmal nicht geklappt – was kann ich daraus lernen?“ Diese Verschiebung vom Selbsturteil hin zu einer Lernhaltung stärkt das Selbstwertgefühl und erweitert den Handlungsspielraum.
Ist es hilfreich, zwischen dem zu unterscheiden, was im eigenen Einflussbereich liegt, und dem, was wir nicht kontrollieren können?
Absolut! Auf alles, was sich nicht steuern lässt, braucht es eher Akzeptanz, sonst verfangen wir uns in Grübelschleifen. Dort, wo wir Einfluss haben, geht es eher um die Frage: „Was ist eine kleiner, konkreter nächster Schritt?“ So entsteht wieder ein Gefühl von Selbstwirksamkeit. Und schließlich spielt die bewusste Wahrnehmung kleiner Erfolge eine große Rolle. Wer ausschließlich auf das schaut, was nicht funktioniert hat, stabilisiert innerlich das Bild „Ich scheitere immer“. Es lohnt sich daher, auch minimale Fortschritte zu registrieren, z. B. „Dieses Mal bin ich schneller wieder aufgestanden“, „Ich habe Hilfe angenommen“ oder „Ich habe mich nicht völlig zurückgezogen.“ Mit der Zeit wächst so die Erfahrung, dass Rückschläge dazu gehören, aber sie werfen mich nicht dauerhaft aus der Bahn. Sie werden nicht mehr als Katastrophe erlebt, sondern als Teil eines Weges, den man aktiv mitgestalten kann.
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