Mo, 22. Oktober 2018

krone.at-Interview

24.10.2012 10:02

Stranzl: "Wenn's in Gladbach aus ist, ist es komplett aus"

Wo Martin Stranzl drauf steht, da ist Ernsthaftigkeit drin - auf den Punkt, ohne Umschweife und ohne Firlefanz. Das durfte krone.at erfahren, als es darum ging, den Ex-ÖFB-Teamspieler bei einem Besuch in Mönchengladbach zum Gespräch zu bitten. Der Burgenländer ließ dabei vor allem den Familienmenschen Stranzl in den Vordergrund treten, der für Frau und Kinder das Legionärsdasein aufgibt - doch auch zu seiner beruflichen Zukunft, den aktuellen Mühen bei den schwächelnden "Fohlen", seinem Abschied von der Nationalmannschaft und zum Uhudler sprach er Klartext.

krone.at: Martin, du bist als sehr ernsthafter Athlet und Mensch bekannt - wie ernst ist es dir mit deinem fürs Saisonende angekündigten Rücktritt?
Martin Stranzl: Da hat sich nichts geändert. Ich bin allerdings mit dem Verein so verblieben, dass ich, wenn ich doch noch ein Jahr dranhängen will, bis zur Winterpause Bescheid sagen soll. Was ja völlig normal ist, der Verein muss ja auch planen können. Ich konzentriere mich jetzt in dieser für uns vorerst schwierigen Saison auf unsere Spiele und versuche, meine Arbeit zu machen und dass wir in der Spur bleiben, und alles andere wird sich bis Weihnachten klären. Aber vorerst gibt's da nichts Neues.

krone.at: Du hast als Argument für deinen Rücktritt den Schulbeginn deines Sohnes gebracht. Jetzt könnte man sagen, dass du deine Karriere ja trotz der Rückkehr nach Österreich nicht unbedingt beenden musst.
Stranzl: Nein, wenn's hier aus ist, ist es komplett aus. Für mich kommt kein anderer Verein mehr in Frage. Wir gehen ja zurück, weil erstens der Elias in die Schule und zweitens die Hanna in den Kindergarten kommt. Wenn ich jetzt zum Beispiel sage "Okay, ich bleibe noch ein oder zwei Jahre hier", die Kinder dann, nach einem Jahr oder zwei Jahren, erst wieder aus ihrem Umfeld rauszureißen und dann woanders einzugliedern, das will ich nicht. Ich bin seit 16 Jahren nur unterwegs, und meine Frau und die Kinder sind immer mit dabei gewesen, das ist nicht einfach. Irgendwann will man nach Hause kommen und ein bisschen Ruhe finden.

krone.at: Du wirkst allerdings nicht so, als ob du schon sehr ruhebedürftig wärst.
Stranzl: Naja, ich merk's vom Körperlichen her schon, dass es immer intensiver wird, die Regenerationszeiten länger ausfallen, man mehr Massagen braucht und der Zeitaufwand immer größer wird. Das Spiel hat sich eben seit meinem Karrierestart enorm entwickelt: Es wird immer schneller, es wird immer athletischer gespielt. Daher glaube ich, dass es auch der richtige Zeitpunkt ist, weil quälen sollte man sich nicht. Ich will die Zeit mit meinen Kindern genießen können und nicht irgendwann ein künstliches Knie oder Sprunggelenk brauchen. Für das habe ich zu lange gearbeitet.

krone.at: Keine Chance für einen österreichischen Klub?
Stranzl: Ich habe nie in Österreich gespielt und wenn man so lange wie ich in Top-Ligen gespielt hat, dann will man das eigentlich nicht mehr wirklich. Wenn ich was mache, dann will ich's immer mit 100 Prozent machen und nicht nur, um dabei zu sein. 50, 60 oder 70 Prozent, das bin ich einfach nicht. Und deswegen kommt das für mich im Endeffekt nicht mehr infrage.

krone.at: Karriereende mit 33 - befürchtest du gar nicht, in ein paar Jahren deinem frühen Abschied vom Profisport nachzutrauern?
Stranzl:
Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Natürlich wird ein bisschen Wehmut dabei sein. Aber dass ich nach ein, zwei Jahren vielleicht sage "Okay, hätte ich nicht doch länger gespielt?" - nein, das hätte ich auch nach dem Abschied von meinen früheren Stationen sagen können. Doch das hat's bei mir nie gegeben. Ich freue mich auf die neuen Aufgaben, mit der Familie, mit den Kindern und was sich ich auf dem beruflichen Weg zudem ergibt.
krone.at: Gibt's diesbezüglich schon eine Tendenz? Wird es im Fußball sein?
Stranzl: Nein, eine Tendenz habe ich nicht, es kann auch ganz was anderes sein. Ich habe ja mal gesagt, dass ich gerne eine Werkstatt hätte, um ein bisschen an Autos zu basteln. Es gibt auch verschiedene Möglichkeiten im Fußball, etwa im Management. Aber das lasse ich alles offen und auf mich zukommen.

krone.at: Nun zur aktuellen Lage bei deinem Klub - Marco Reus, Dante, Roman Neustädter haben die Borussia in der Sommerpause verlassen. Wie schwer wiegen diese Abgänge?
Stranzl: Ja gut, beim Marco war es so, dass er letztes Jahr an zwei Drittel der Tore beteiligt war. Dass so ein Mann schwer oder gar nicht zu ersetzen ist, ist klar. Durch die Abgänge einerseits und die neuen Spieler andererseits ist es jetzt eine Herausforderung, eine Balance zu finden. Deswegen haben wir uns jetzt am Anfang schwer getan. Aber jeder, der Fußball gespielt hat, weiß, dass es Zeit braucht, um neue Spieler zu integrieren und eine Mannschaft aufzubauen. Unsere große Stärke war, dass wir vom Abstiegskampf her eineinhalb Jahre lang eingespielt waren und dass wir das Erfolgserlebnis mitnehmen konnten. Der eine oder andere Spieler hat sich dadurch auch von der Persönlichkeit und der Leistungsfähigkeit her weiterentwickelt.

krone.at: In der "Sportbild" wurden zuletzt einige Gründe für den Borussia-Absturz angeführt...
Stranzl:(lacht) Da sieht man mal, wie schnell das geht...

krone.at: Ein genannter Aspekt war das fehlende Überraschungsmoment, Trainer Lucien Favre hat dazu ins Treffen geführt, dass ihr jetzt ganz vorne zu viele gleichartige Typen habt. Ist ein Typ wie Marco Reus überhaupt 1:1 ersetzbar?
Stranzl: Wenn du solche Abgänge wie den Marco hast, musst du dein Spiel eben ein bisschen verändern, variabler spielen. Wir sind vergangene Saison hinten geordnet gestanden, haben wenig Lücken gelassen und nach Ballgewinnen haben wir schnell umgeschaltet. Marco war dabei ein Spieler, der mit oder ohne Ball am Fuß schnell in die Tiefe gehen konnte. Aber schon vorige Saison standen die Gegner mit der Zeit tiefer, versuchten die Räume nicht zuzulassen, und auf einmal waren wir in der Position, dass wir das Spiel selber machen mussten. Schon da hat's geheißen: "Das ist nicht mehr die Mannschaft."

krone.at: Aber fehlt euch vorne nicht ein Leithammel-Typ, so wie du ihn für hinten darstellst?
Stranzl: Das muss sich alles entwickeln, beim Marco war es ja auch so, dass er eine Anlaufzeit gebraucht hat. Durch die Erfahrungen im Abstiegskampf, als wir Relegation gespielt haben, hat er sich von der Persönlichkeit her weiterentwickelt, ist gewachsen, ist ruhiger geworden, hat verschiedene Spielsituationen besser lesen können, hat sehr gut gearbeitet und ist auch verletzungsfrei geblieben. Und das bringt einen Spieler weiter. Aber er war fast eineinhalb, zwei Jahre hier, bevor er so richtig durchgestartet ist. Das ist jetzt genau das gleiche, die Spieler brauchen eben ihre Zeit.

krone.at: Generell - was für Ziele haben sich Klub bzw. du persönlich für die heurige Bundesligasaison gesetzt?
Stranzl: Wir haben in der Relegationssaison 26 Punkte in der Rückrunde geholt, das sollte unser Richtwert für jede Halbserie sein. Ob's dann ein, zwei Punkte mehr oder weniger werden, darüber kann man reden. Wo wir dann am Ende der Saison stehen, ob wir wieder im internationalen Bereich drinnen sind oder nicht, das ist wieder etwas anderes.

krone.at: Es war kein Faschingsscherz, auch wenn es das Datum hätte möglich erscheinen lassen. Am 11. November 2009 hast du deinen Rücktritt aus dem ÖFB-Team erklärt – und du bist bis heute dabei geblieben. Hast du diese Entscheidung in den vergangenen Jahren nicht doch auch einmal bereut?
Stranzl: Nein, nie! Ich genieße es, mehr Zeit zuhause mit der Familie zu verbringen und nicht mehr so viel unterwegs zu sein. Aber natürlich war's damals eine sehr, sehr schwierige Entscheidung, auch vielleicht ein bisschen emotional aufgrund dessen, was alles passiert war. Allerdings war es kein Schnellschuss, sondern ich hab' mir sehr viele Gedanken darüber gemacht und auch mit meiner Frau und mit meinem Berater darüber gesprochen. Die haben beide gemeint: "Ja komm, lass dir noch Zeit und überleg dir's nochmal."

krone.at: Und?
Stranzl: Aber die 100 Prozent waren vom Gefühl her nicht mehr da, und deswegen war es besser zu sagen: "Okay, das war's dann. Es ist vorbei!" Es sind jetzt andere Spieler da, und es der etwas weitergeht. Und ich glaube, wir haben jetzt wirklich eine sehr gute Mannschaft mit 'nem tollen Trainer, wie ich in einem Gespräch mit ihm herausgehört habe.

krone.at: Verfolgst du das Geschehen um die ÖFB-Elf aus dem fernen Deutschland eigentlich noch mit oder hast du auch als passiver Konsument mit der Nationalmannschaft abgeschlossen?
Stranzl: Natürlich aus den Medien, obwohl im Fernsehen kann ich mir eigentlich kaum Spiele ansehen, weil du hier eben keinen ORF hast. Da siehst du meistens nur kurze Zusammenfassungen. Aber ich habe ja den Christian Fuchs, den treffe ich immer wieder, weil der nicht weit weg von mir wohnt, und da tauscht man sich ganz einfach aus. Nein, das wird nie weg sein. Ich bin Patriot, und ich vertrete seit fast 17 Jahren die österreichischen Fahnen, das eine Mal besser, das andere Mal schlechter. Wir sind ein kleines Land, und ich glaube, gerade deswegen sollte man auch noch mehr zusammenstehen und sich gegenseitig unterstützen.

krone.at: Die Personalpolitik von Nationaltrainer Didi Constantini im Speziellen und die dir nicht genug entgegengebrachte Wertschätzung galten und gelten als Hauptgründe für deinen Teamrücktritt. Was glaubst du, wieso du diesen Respekt nie so in dem Ausmaß zu spüren bekommen hast, wie du es dir erwartet hättest? Bist du zu still? Zu unverträglich?
Stranzl: Gute Frage... (zögert) Nein, ich weiß es nicht. Obwohl, es war ja nie eine Frage von Wertschätzung, sondern es sind einfach Dinge passiert, die für mich absolut nicht nachvollziehbar waren. Etwa: Ich fahre mit einer angebrochenen Zehe zum Team, spiele, komme dann zurück zum Verein und spiele dort nicht, weil es von den Schmerzen her nicht geht. Der Verein fragt sich ja dann: "Entschuldigung, du bist hier angestellt und kommst so zurück von der Nationalmannschaft?" Dann muss ich einmal fürs Team absagen und man hört hintenrum: "Der will doch gar nicht spielen für die Nationalmannschaft." Das sind Dinge, die stören mich. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich immer zu spielen versuche.

krone.at: Gerüchteweise bist du in den vergangenen Jahren immer wieder mal recht knapp vor einem Wechsel nach Österreich gestanden. Jetzt im Nachhinein kannst du es ja sagen: Ist da was dran gewesen?
Stranzl: Ja, es war Kontakt da und es hat auch Gespräche gegeben. Ich habe mir damals diese Vereine und eben Mönchengladbach angesehen und mit den Verantwortlichen darüber gesprochen, was sie sich vorstellen. Hier hat’s am besten gepasst, die Leute haben sich am meisten bemüht und sind nicht mit Wischi-Waschi-Gerede gekommen.

krone.at: Von den österreichischen Klubs gab's Wischi-Waschi-Gerede?
Stranzl: Naja, das waren für mich keine klaren Vorstellungen. Was sie planen, wie sie sich die Zukunft vorstellen usw. Hier in Mönchengladbach war das einfach "zack", "geradeaus": "Wir wollen dich so", "wir sehen dich in der Position", "wir brauchen das und das", und "unser Ziel schaut so aus". Bei den anderen Vereinen habe ich das einfach vermisst, diese klaren Vorstellungen.

krone.at: Martin, du bist jetzt seit knapp eineinhalb Jahrzehnten als Profi am Werk, wo siehst du die größten Unterschiede zwischen dem "jungen" und dem "alten" Stranzl?
Stranzl: Als ich jung war, war ich sehr verbissen, teilweise übertrieben verbissen und ehrgeizig. Das hat mir auch viele Verletzungen gebracht, weil ich's einfach nicht so einschätzen konnte und über gewisse Schmerzen drüber gegangen bin. Diese Erfahrungen hast du als junger Spieler nicht. Mit dem Nachwuchs wirst du ruhiger, du wirst emotional ausgeglichener. Und ja: Das kommt dann alles zur Karriere dazu. Man muss seine Erfahrungen sammeln, egal ob's positive oder negative sind, es gehören beide dazu im Leben. Im Sport besonders, und nur aus solchen Erfahrungen kannst du lernen und dich weiterentwickeln. Vom Charakterlichen her hat sich aber nicht viel getan.

krone.at: Eine allerletzte Frage. Der Uhudler ist dir als Südburgenländer im Ausland sicher auch abgegangen, oder?
Stranzl: (lacht) Ganz ehrlich, Ein Grüner Veltliner ist mir lieber...

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